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Wenn Kinder sprechen lernen : Raus mit der Sprache!

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Wann fangen Kinder an zu sprechen? Und was sollte man machen, wenn sie es nicht tun? Bild: Reuters

Wenn sich aus Lauten Worte formen, freuen sich die Eltern. Was aber, wenn ein Kind partout nicht anfängt zu reden? Dann kann man nachhelfen – und abwarten.

          Zippa“, „Nuni“, „Zupa“. Wenn kleine Kinder sprechen lernen, klingt das für fremde Ohren oft wie eine andere Sprache. Bei genauem Hinhören macht der Buchstabensalat aber durchaus Sinn: Pizza, Nudeln, Suppe. „Kinder, die ihre ersten Worte zu sprechen lernen, bauen die einzelnen Buchstaben gerne wieder neu zusammen“, erklärt Vivien Zuta, Phonetikerin, Autorin und Sprechtrainerin aus Frankfurt.

          „Im Gegensatz zu Kindern haben wir eine genaue Vorstellung von Wörtern. Wir kennen ihre Buchstaben und wissen, wie sie geschrieben werden. Kinder nehmen eine Art ,Sprachbrei‘ wahr. Sie können Lautgruppen, Silben oder Wörter noch nicht auseinanderhalten. Erst nach und nach bilden sich Wörter und Sätze, und sie lernen die einzelnen Sprachsegmente kennen.“

          Aber der Reihe nach: Am Anfang ist der Schrei, und in diesem stecken schon gleich viele Informationen, etwa ob das Baby Hunger hat oder müde ist. „Kinder lernen sprechen, so wie Eltern lernen, ihr Kind zu verstehen und die verschiedenen Schreiarten zu unterscheiden“, sagt Zuta. Relativ schnell lerne ein Säugling, dass er den Klang seiner Schreie verändern kann, um unterschiedliche Dinge zu fordern. „Schon mit etwa drei Monaten fängt das Baby an, Laute zu entwickeln und mit den Artikulatoren – Zunge, Kehlkopf, Lippen und Zähne - zu üben.

          Einwortsätze vom ersten Lebensjahr an

          Das Erste, was Babys sagen, ist meist ,Baba‘, das bedeutet aber nicht zwingend ,Papa‘, wie viele Väter gerne heraushören, sondern ist einfach nur eine Lautübung“, sagt Zuta. Sagt das Baby allerdings „Mama“, sei das schon gezielter, weil das Wort schwieriger auszusprechen sei. Etwa ab dem ersten Lebensjahr sprächen Kinder die ersten Worte und kommunizierten in „Einwortsätzen“, so die Phonetikerin.

          Es ist natürlich niedlich, wenn Kinder ihre ersten Wortkreationen sagen, und deshalb neigen Eltern dazu, das falsche Wort zu wiederholen. Dies sollten sie aber nicht zu häufig machen, meint Zuta. „Sagt das Kind: ,Will Pliplatz‘, dann können die Eltern die Sprachentwicklung unterstützen, indem sie den Satz richtig wiederholen ,Ah, du möchtest zum Spielplatz gehen.‘ So signalisieren Eltern, ich habe dich verstanden, und erkennen die Leistung an. Wichtig ist nicht nur, das falsche Wort richtig zu wiederholen, sondern den kompletten richtigen Satz, sonst sagt das Kind irgendwann nur noch ,Spielplatz‘“, weiß Zuta aus Erfahrung.

          Laute, die das Kind nicht sieht, weil sie im Mund weiter hinten gebildet werden, können oft schwieriger zu lernen sein. Denn Kinder schauen beim Sprechenlernen auf den Mund und machen dann nach, was Vater oder Mutter vormacht. Laute wie k, t und g sehe das Kind nicht und könne sie daher gerade am Anfang des Lernens verwechseln, so Zuta.

          Tendenz des Überdramatisierens

          Eltern fragen sich schnell, ob ihr Kind ein Fall für den Logopäden ist, wenn es gleiche Lautklassen nicht auseinanderhalten kann oder wenn es erst spät zu sprechen anfängt. Meist sei das aber nicht nötig, sagt Zuta. Es ist ein Unterschied, ob das Kind nicht produzieren oder nicht wahrnehmen kann. „Es gibt eine Tendenz des Überdramatisierens bei Kindern“, beobachtet Zuta. Meist können Eltern schon sehr früh merken, ob es Probleme gibt: Schon beim Stillen können Mütter die Mundmotorik beobachten.

          „Gibt es ansonsten überhaupt keine Probleme beim Essen und Trinken, dann ist das Kind meist einfach nur ein Spätsprecher. Kinder, die viele Infekte haben, sprechen auch oft etwas später, da die Infekte sich auf die Ohren und das Hörvermögen ausschlagen können“, so Zuta. Wenn das Kind an Kommunikation im Allgemeinen interessiert sei, brabbele, fröhlich Laute und Geräusche nachahme, dann sei das immer erst einmal ein normales und gutes Zeichen. Jedes Kind habe sein individuelles Tempo, das sei ähnlich wie beim Laufenlernen.

          Was aber können Eltern machen, damit die Kleinen mit Spaß sprechen lernen? „Viel mit dem Kind sprechen, denn Kinder ahmen nach. Die meisten Eltern machen automatisch schon viel für den Spracherwerb: In meinen Augen ist Vorlesen, Vorlesen und nochmals Vorlesen das A und O. Aber auch Singen, Reime oder Gedichte schulen das Gefühl für Sprache und Rhythmus.“

          Sprache muss man formen wie Teig

          Auch mit ganz normalen Unterhaltungen können Kommunikationsstrukturen geübt werden. Denn Kinder sind schon früh kleine Kommunikatoren. „Sprache ist ein wenig wie Teig, den man benutzen muss, um daraus etwas zu formen und zu produzieren.“

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