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Kida Ramadan im Interview : „Die Leute denken, ich bin ein böser Mensch“

Kida Ramadan: „Ohne Selbstbewusstsein kannst du alles vergessen.“ Bild: Helmut Fricke

Vom Flüchtlingskind in Kreuzberg zum Anwärter auf den Deutschen Fernsehpreis: Kida Ramadan spricht im Interview über Gangstergeschichten, Gentrifizierung, Deutsche auf dem Bouleplatz und seine Wut auf die AfD.

          5 Min.

          Herr Ramadan, wann haben Sie das letzte Mal Boule gespielt?

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Puh ... Vor einem Jahr. Aber nur eine halbe Stunde. Die Leute gehen mir auf die Eier. Sind zu verbissen, können nicht verlieren. Das war früher schöner. Wir sind aus dem Libanon geflohen und aus dem Asylantenheim nach Kreuzberg gezogen. Direkt vor dem Haus gab es eine Boulebahn. Das war eine Anlaufstation im Sommer. Wir haben mit Akademikern gespielt, Politikern.

          Was haben Sie dabei über die Deutschen gelernt?

          Dass sie sehr verbissen sind, sehr diszipliniert und ehrlich auf eine Art. Das war ein super Kontrast zu meiner arabischen Community. Ich habe mit meinem Bruder ganz Deutschland abgeklappert. Ich kenne jedes verdammte Dorf. Zwei- bis dreihundert Mark haben wir jedes Wochenende gewonnen. Mein Bruder ist richtig gut, einer der besten im Land, heute noch.

          Für Ihre Rolle als Boss eines kriminellen libanesischen Familienclans in der Serie „4 Blocks“ sind Sie als bester Schauspieler für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Auch in Ihrem neuen Film „Nur Gott kann mich richten“ spielen Sie einen Gangster. Was gefällt gerade Akademikern so an Gangstergeschichten?

          Das ist ein Mythos, den man kennt, aber die Tür ist sonst zu. Jeder findet es doch geil, wenn du einen Gangster als Freund hast, damit wird in der Bar geprahlt: Ich kenne den coolsten Typen. Mich fragen die Kids auf der Straße nach Jobs. Ich bin aber nur Schauspieler. Meine Kinder gehen auf die Montessori-Schule. Ich zahle meine Steuern wie ein deutscher Mann. Ich sag den Kids: Nehmt das nicht als Vorbild, das ist alles fiktiv. Ich kann auch einen Bademeister spielen.

          Aber Sie kennen das Milieu, haben mit fast allen deutschen Gangsterrappern gedreht. Viele von denen sind vorbestraft. Da ist der Übergang zwischen Wahrheit und Fiktion fließend. Hat das keinen schlechten Einfluss auf die Jugend?

          Doch, auf jeden Fall. Bei mir ist irgendwie immer ein Rapper dabei, wenn ich drehe. Dabei bin ich nicht so Fan von „Ich ficke deine Mutter“- oder „Ich verkaufe das Kokain“-Rap. Das verführt die Kinder. Bessere Vorbilder sind Leute wie Franck Ribéry, die es durch ihren Ehrgeiz geschafft haben, aus einer schwierigen Situation heraus ihren Traum zu verwirklichen. Nicht aufhören zu träumen – das will ich den Kids weitergeben.

          Wie ist es, wenn Sie heute durch Kreuzberg laufen?

          Die Leute denken, ich bin ein böser Mensch. Dann schnappe ich mir sie und sage: Was ist los? Hast du Angst vor mir? Ich kläre sie auf, ich will, dass die wissen, dass ich ein guter Typ bin – und kein Gangster. Aber wer meine Filme sieht, der liebt mich als Gangster. Ich bringe zehn Leute um und du liebst mich dabei.

          Ist das ein Segen oder ein Fluch? Wahrscheinlich müssen Sie Ihr Leben lang den Gangster spielen.

          Kein Problem damit, Bruder. Roger Federer spielt auch immer dasselbe Tennis und gewinnt jedes Turnier. Wenn du der Beste bist, wirst du gebucht. Du kannst Ronaldo nicht auf die Ersatzbank setzen.

          Wie wichtig war Selbstbewusstsein auf Ihrem Weg?

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