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Kida Ramadan im Interview : „Die Leute denken, ich bin ein böser Mensch“

Wie erleben Sie als ehemaliger Flüchtling die Aufregung um Flüchtlinge?

Früher gab es keine sozialen Medien, da wurde nicht so ein Trara um die Flüchtlinge gemacht. Wir hatten es schwer, aber es gab diese Hetze nicht. Die Leute, die hierher fliehen vor Krieg und Terror stehen so krass unter Druck. Und wer die Hetzer beleidigt, macht sie nur größer. Deswegen schnappe ich mir diese AfD-Typen lieber direkt und sage: Lass uns ein Diktat machen, ich mach' weniger Fehler als du. Lass uns zu „Wer wird Millionär“ gehen, ich komme weiter als du. Lass uns schauen, wer mehr Steuern gezahlt hat. Wer ist mehr Deutscher? Ich scheiße auf die AfD.

Eben haben Sie noch gesagt: Mit Beleidigungen macht man Populisten erst groß.

Ja, deswegen sage ich es den Typen sonst nur direkt. Ich habe nicht das Leid gesehen, das mein Vater im Bürgerkrieg im Libanon gesehen hat. Ich war drei Monate alt, als wir hier ankamen. Aber er musste mit uns das Land verlassen, sonst wären wir gestorben. Das macht man nicht zum Spaß. Es ist nur Glück, wo du geboren wirst. Und hier in der Bar, in der wir gerade sitzen, ist Platz für 20 Leute mehr. Wie kann ich da sagen: Du darfst hier nicht rein.

Ärgert es Sie nicht besonders, wenn Flüchtlinge hier kriminell werden?

Das kann genauso ein Finne sein, ein Südkoreaner, ein Chinese. Wenn dieser Mensch schlecht ist, ist dieser Mensch schlecht. Aber ich mache keine Kategorien auf: Skandinavier sind dreckig, Flüchtlinge sind Diebe, Libanesen sind Drogenhändler. So denke ich nicht.

Ein anderes Reizthema, das Sie am eigenen Leib erlebt haben, ist die Gentrifizierung. Wie war das in Kreuzberg?

Brutal, Bruder. Mein Vater hat unser Haus selbst mitgebaut. Jetzt kriegst du in der Straße keine Dreizimmerwohnung für weniger als 2000 Euro im Monat. Das ist die teuerste Straße Berlins. Am Anfang habe ich mich über diese Lactosefrei-Fanatiker, Ingwertee-Trinker und Ei-im-Glas-Esser aufgeregt. Aber es ist alles okay. Ich kann nicht entscheiden, ob ein Mensch seine Hose hochzieht bis zur Brust. Jeder wie er will.

Sie haben früh Kinder bekommen, heute haben Sie fünf. Das ist zumindest für deutsche Verhältnisse außergewöhnlich.

Wenn du Deutsche fragst, warum hast du keine Kinder, sagen die: Ich will erst mal Karriere machen. Was für Karriere, frag ich: Du sitzt Zuhause vorm Laptop, keine Ahnung, was du machst. Und deswegen willst du keine Kinder? Die haben einfach keine Eier. Ein Kind kannst du immer machen, wo ist das Problem? Wenn du deine Frau liebst, wenn du Kinder liebst, dann machst du welche. Egal ob du 20 oder 35 bist. Wenn es nach mir ginge, würde ich jedes Jahr ein Kind machen. Aber meiner Frau reicht es. Und sie ist die beste Frau der Welt.

Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist bei Ihnen auch enger, oder?

Naja, das ist auch so ein Klischee. Ich glaube, auch deutsche Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder mit 18 ausziehen. Die Kids wollen ihr scheiß MDMA nehmen, ihr scheiß Speed ziehen und morgens besoffen nach Hause kommen. Kein Vater sagt: Du bist 18, jetzt geh mal. Wenn mein Kind mein Leben lang bei mir bleibt, ich meine Tochter jeden Tag sehe: Das wäre das Schönste auf der Welt.

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