https://www.faz.net/-gum-96fk2

Kida Ramadan im Interview : „Die Leute denken, ich bin ein böser Mensch“

Ohne Selbstbewusstsein kannst du alles vergessen. Wenn du in der Ecke sitzt und rumheulst, passiert nichts. Ich bin mit sieben Jahren in den Fußballverein gekommen und habe gesagt: Ich bin jetzt Kapitän. Das war ich bis zu meinem 16. Lebensjahr. Als mich ein Sozialarbeiter mit 19 gefragt hat, ob ich in seinem Film mitspiele, habe ich gesagt: „Digga, ich bin der Beste. Ich bin Schauspieler.“ Beim Cast habe ich alle an die Wand gespielt, die anderen waren meine Tischtennisbälle. Bevor meine Mutter weint, weint deine Mutter – so ist das bei uns, ich bin Kreuzberger Junge.

Wie sah Ihre Kindheit in Kreuzberg aus?

Ich habe auch kriminelle Freunde gehabt, das war halt das Umfeld. Aber kurz bevor es angefangen hat zu brennen, bin ich immer abgehauen. Die anderen hatten Geld von ihren Einbrüchen oder was auch immer – aber ich konnte meinen Eltern weiter in die Augen gucken. Das war mir wichtiger. Ich wollte sie nicht enttäuschen. Sie hatten einen weiten Weg auf sich genommen, um ein neues Kapitel aufzuschlagen. Da kann ich nicht als Krimineller im Knast sitzen, und meine Mutter wartet auf mich und heult.

Sie haben in der neunten Klasse die Schule abgebrochen und danach bei Ihrem Vater im Restaurant gekellnert. Wie muss man Sie sich als Kellner vorstellen?

Das war eine gute Schauspielschule. Wir haben uns als Argentinier ausgegeben, ich hieß Julio. Mir war das zu langweilig, die Leute zu bedienen, ich habe die immer auf den Arm genommen: Schau mal das Fleisch, das kommt aus einem argentinischen Dorf, die Kuh war noch Jungfrau. Da waren die ganz beeindruckt. Alles Psychologie, Placebo. Ich habe an jedem Tisch zehn Mark Trinkgeld rausgeholt: „Du bist Hertha-Fan? Ich auch, Bruder!“

Oben angekommen: Kida Ramadan (links), Moritz Bleibtreu (mitte) und Edin Hasanovic auf dem roten Teppich vor dem 45. Deutschen Filmball im Bayerischen Hof in München.
Oben angekommen: Kida Ramadan (links), Moritz Bleibtreu (mitte) und Edin Hasanovic auf dem roten Teppich vor dem 45. Deutschen Filmball im Bayerischen Hof in München. : Bild: dpa

Wann konnten Sie von der Schauspielerei leben?

Mein erster Film ist gefloppt. Ich bin in ein schwarzes Loch gefallen. Ich war ein Nichts. Ein Produzent hat gesagt: Ich rufe dich irgendwann an. Ich saß 24 Stunden vor dem Telefon, ich bin nicht mehr raus gegangen. Nach zwei Monaten kam der Anruf: „Wir schicken dir jetzt mal ein Buch zu.“ Zehn Tage habe ich jeden Tag den Postboten genervt: „Hast du was für mich?“ Nichts. Als es endlich kam, habe ich es verschlungen und angerufen: „Wann soll ich kommen?“ Danach hat Deutschland langsam verstanden: Der Libanese kann es. Jetzt kommt ein Buch nach dem andern, ich kann sagen: „Ja, nein, nein, ja, vielleicht.“

Ihnen hat ein Sozialarbeiter den Weg in die Schauspielerei geebnet. Kann man mit Sozialarbeit etwas erreichen in Problemvierteln?

Und wie! Mich hat das gerettet. Wir hatten Jugendhäuser, damit die Kids nach der Schule auf der Straße keine Scheiße bauen. Wir haben Kicker gespielt, Tischtennis, sind schwimmen gegangen, haben irgendwas mit Ton gemacht, gemalt und so. Ich habe das geliebt. Heute geht es nach der Schule in die Shisha-Bar, den Späti oder Haschisch kaufen. Geld wegzuschmeißen für allen möglichen Mist, das können die Menschen, aber für die Kids wird nichts mehr gemacht. Wir haben früher die neuesten Brettspiele gecheckt. Heute gehen die Kids in die Shisha-Bar und fragen, welcher Tabak grade draußen ist. Jeder Dreizehnjährige hat ein Messer in Berlin. Wir hatten Tischtennisschläger.

Weitere Themen

Topmeldungen

Baukräne stehen an einer Baustelle in Berlin.

Wohngemeinnützigkeit : Ein Bärendienst für den Wohnungsmarkt

Immer lauter wird die Forderung, die Wohngemeinnützigkeit wiederzubeleben. Dass dies eine schlechte Idee ist, zeigt schon das abschreckende Beispiel der Neuen Heimat.

Fehler beim FC Bayern : Hansi Flick hat genug

Der FC Bayern leistet sich in der Champions League teilweise haarsträubende Unaufmerksamkeiten. Trainer Hansi Flick stellt deshalb nun eine Forderung auf – und für Leroy Sané gibt es klare Aufträge.
Frau mit Kopftuch vor der Humboldt-Universität in Berlin

Redeverbote an Hochschulen : Flucht vor Argumenten

Eine Forschungsstelle der Uni Köln fordert, die Redefreiheit zu begrenzen, um Grundrechte zu verteidigen. Das würde einer Abschaffung der akademischen Freiheit gleichkommen. Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.