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Kenneth Branagh im Gespräch : „Shakespeare steckt für immer in mir drin“

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(lacht) Na ja, man übersetzt aus einem Medium in ein anderes. Man redigiert, man gibt dem Original einen neuen Tonfall. Man sagt: Es gibt keine endgültige Version; aber so sehe ich das. Mut? (grinst) Vielleicht eher eine ganz normale Unbedarftheit.

Ist Shakespeare Ihnen im Alltag sehr präsent? Sind Zeilen aus seinem Werk ein Mantra für Sie?

Ja, sehr oft. Gerade „Macbeth“ zum Beispiel. Ich lache immer, weil die Leute zu mir sagen: Sie haben Shakespeare doch bestimmt neben Ihrem Bett liegen oder auf Ihrer Toilette? Und tatsächlich: Beides ist der Fall. Weil es Momente gibt, in denen man ein Stück noch mal lesen will...

Augenblick: Sie haben eine Ausgabe der gesammelten Werke in Ihrem Badezimmer?

Ja. Manchmal ist es nur eines der Stücke. Darunter auch „Ein Wintermärchen“, weil ich das irgendwann noch machen möchte. Die Stücke sind so dicht, und bisweilen ist einem danach, eine Rede, eine Zeile, eine Figur wieder einmal aufzusuchen. Shakespeare steckt für immer in mir drin.

In Deutschland kennen viele Sie auch als Kommissar Kurt Wallander. Gibt es etwas in der Figur, das Sie auch an sich selbst sehen? Die Melancholie?

Wallander ist ein Suchender; er sucht danach, was in seinem Leben Sinn hat, besonders wenn er mit Gewalt konfrontiert ist. Ich empfinde ihn als tapfer und intellektuell neugierig, obwohl er von Natur aus so melancholisch ist. Er will glauben, dass das Leben mehr und Besseres zu bieten hat als das, was er in seinem Job erfährt. Das macht ihn verletzlich, und das bewundere ich an ihm.

1991 sagte Ihre damalige Frau Emma Thompson auf die Frage, ob Sie ein schüchterner Mensch seien: „Er ist eine Walnuss. Sehr schwer zu knacken.“ Ist das eine faire Beschreibung?

Wenn man wie ich in einem kreativen Beruf arbeitet, muss man bereit dazu sein, sehr offen zu sein im Umgang mit anderen und den eigenen Erfahrungen, Teile von sich selbst zu entblößen. Das kann dazu führen, dass man im Privatleben dazu neigt, sich selbst zu schützen, vielleicht zu sehr. Die Arbeit macht einen über weite Strecken offenherzig, und jenseits der Arbeit ist man dann womöglich zurückhaltend bis zu dem Punkt, an dem man verschlossen wirkt. (lächelt) Das gebe ich zu.

Gibt es ein großes Projekt, das Sie unbedingt noch angehen wollen?

Ich umkreise es gerade. Ich weiß nur nicht, ob...

Einen „König Lear“ vielleicht? Sie haben in dem Stück schon mehrfach mitgespielt, aber noch nie in der Hauptrolle.

Ja, vielleicht. Woran ich mich gern erinnere, ist der Tag vor 25 Jahren, als die Oscar-Nominierungen verkündet wurden, und ich war als Darsteller und Regisseur für „Henry V.“ dabei. Ständig riefen Leute an: „Lass uns mittagessen gehen, wir müssen das feiern, wir müssen das feiern.“ Und ich sagte: „Ich kann nicht, wir müssen heute Nachmittag im Theater einen Durchlauf für die Zweitbesetzung von Lear machen“ – das war ich. Am Nachmittag der Oscar-Nominierung. Und das für ein Publikum von ungefähr drei Leuten.

Und dann ist er schon fast wieder weg, der Kenneth Branagh. Als er mir die Hand schüttelt, lächelt er und sagt: „Ich hatte fast vergessen, dass sie mich eine Walnuss genannt hat.“

Die Fragen stellte Bertram Eisenhauer.

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