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Kaulitz-Brüder werden 30 : Durch den Monsun hinter die Welt

Bill und Tom Kaulitz im Februar 2017 Bild: dpa

Sie brachten nicht nur Mädchen zum Kreischen und füllten große Konzerthallen, sie haben auch endgültig mit Geschlechterklischees gebrochen: Bill und Tom Kaulitz werden 30 Jahre alt.

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          Als Bill Kaulitz „It’s Raining Men“ auf der Bühne von „Star Search“ sang, bewertete ihn die Jury so wohlwollend, wie man einen Dreizehnjährigen eben bewertet, der mit großem Einsatz einigermaßen schief einen einigermaßen überraschenden Song trällert. Hugo Egon Balder fand seine Stimme „sehr lustig“, Bill habe die Chance, etwas anderes, etwas „Lustiges“ zu machen. Und es stimmt: Bill Kaulitz ist kein großartiger Vokalist, war er nie und wird er wohl nie sein. Das war ihm auch schon immer egal, wie er in einem Interview erzählte: „Ich wollte einfach immer auf die Bühne.“

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Und da ist er gelandet, zusammen mit seinem eineiigen Zwillingsbruder Tom, der in allem das Gegenteil ist des femininen, exzentrischen und stark geschminkten Bill. Nur das Gesicht ist das gleiche. „Durch den Monsun“ hieß die Single, mit der Tokio Hotel 2005 von Null auf Hundert gingen. Die Kaulitz-Brüder waren da 15 Jahre alt, Drummer Gustav 16, Bassist Georg 18. Der Song war ein Popsong, Bills Stimme die eines Jungen, und Deutschland stand Kopf. So etwas hatte man noch nicht gesehen! Und dann kamen sie auch noch aus einem Kaff bei Magdeburg!

          Bill hatte schwarz gefärbte Haare, die er sich strähnig ins Gesicht gelte und hinten struppig abstehen ließ, er trug schwarzen Nagellack, sehr viel schwarzen Kajal und noch mehr schwarzen Lidschatten. Tom trug im Gegensatz dazu weite Baggies und Dreadlocks. Die Fans liebten beide. Sie waren anders als sonstige Teenager-Idole, zwar auch wunderschön, aber eben nicht perfekt, nicht gleichförmig, auch mal traurig, auch mal down. Sie sangen davon, sich durchzukämpfen und hinter die Welt zu gucken. In der Schule war es hart für sie, vor allem für Bill, der sich damals schon gern schminkte, der immer auffallen wollte.

          In der 2017 ausgestrahlten Doku „Hinter die Welt“ (RBB) erzählt er vom täglichen Kampf in der Schule und im Schulbus. „Ein Sportlehrer wollte mich nicht unterrichten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das irgendwie überlebt hätte, wenn ich nicht Tom gehabt hätte“, sagt Bill in der Doku. „Wir kamen uns immer vor wie zwei Außerirdische.“

          Die meisten Fünfzehnjährigen wollen irgendwie im Mainstream schwimmen, wollen sein wie alle. Möglichst wenig auffallen. Bei den Tokio-Hotel-Fans war es anders. Sie waren wie ihre Idole: Außenseiter, die anders aussahen, sich für anderes interessierten und anders waren. Sie waren Außerirdische, und die beiden größten Außerirdischen, das waren Bill und Tom Kaulitz.

          Die Band ging schnell auf Tour, fuhr durch ganz Europa, nahm Songs noch mal auf Englisch auf („Through the Monsoon“), wurde in Frankreich erfolgreich, in Russland, in Taiwan. Bill und Tom wurden vor den Augen der Welt erwachsen. Bill, das war so einer, der bei Stefan Raab auf die Frage, was er für Musik hörte, im Brustton der Überzeugung erklärte: „Nena“. Und wie konnte einer wie er, der immer schon auf die Bühne wollte, auch nicht berühmt werden? Nicht berühmt kann man sich ihn wahrlich nicht vorstellen.

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