https://www.faz.net/-gum-6kay0

Katharina Schüttler : Unter jeder Schwäche liegt eine Stärke

  • -Aktualisiert am

Die Schauspierlerin in einem Berliner Café - hier lernt sie oft ihre Rollentexte Bild:

Verletzlich und doch irgendwie unantastbar: Keine andere Schauspielerin verkörpert diesen Widerspruch so sehr wie Katharina Schüttler. Der Spross einer Kölner Theaterfamilie steht seit dem elften Lebensjahr vor der Kamera.

          Manchmal muss eben die Requisite dran glauben, und das bereits, bevor es richtig losgegangen ist. Wenn eine Rolle von ihr Besitz ergreift, dann tritt Katharina Schüttler schon mal so oft ins Bühnenbild, bis eine Tür zerbirst. „Meine Figur steckte voller Aggressivität“, erklärt sie die kaputte Kulisse, die bei der Besetzungsprobe für das RAF-Melodram „Es kommt der Tag“ entstand. Schüttler spürt darin Iris Berben als ihre Mutter auf, die sie einst auf dem Weg in den Untergrund verlassen hatte. „Da konnte ich gar nicht anders.“

          Manchmal muss auch der Stolz dran glauben. Derjenige der fiktiven Häftlinge etwa, mit denen sie als Theaterregisseurin in dem ARD-Film „Schurkenstück“ ein Dürrenmatt-Werk probt. „Bin ich hier im Kindergarten?“, fragt die zarte Frau da in die harte Runde, und als sie feststellt: „Ich werd' nicht alles mit Ihnen diskutieren“, da bröckelt der Hochmut der schweren Jungs aus schweren Verhältnissen.

          Iris Berben nannte sie die „Kampfmaschine“

          Manchmal aber muss Katharina Schüttler selbst dran glauben. Als Hedda Gabler zum Beispiel, die an der eigenen Wut zerbricht, irgendwo zwischen Anpassung und Ausbruch. Sie spielte die Ibsen-Figur sogar ganz ohne Sprache als „Inkarnation der neuen deutschen Patzigkeit“, wie der „Spiegel“ jubelte, nicht mal aufzuhalten von einer Kehlkopfentzündung: die Stimme als Kollateralschaden ihrer Leidenschaft. Es scheint, als müsse stets etwas zu Bruch gehen, wenn Katharina Schüttler ihrem unbändigen Spieltrieb folgt. Beim Casting, im Film oder auf der Bühne.

          An der Seite von Matthias Schweighöfer spielte sie  in der Filmografie „Mein Leben” über Marcel Reich-Ranicki

          Die „Kampfmaschine“, wie Iris Berben ihre junge Kollegin halb anerkennend, halb erschrocken nannte, sie steht nicht nur in Flammen, sie brennt sich aus. So glaubhaft, so authentisch, dass sie 2006 nach dem Ibsen-Erfolg in Berlin zur Schauspielerin des Jahres gekürt wurde: mit 26, so jung wie niemand vor ihr. Mit dem Titel kamen Hauptrollen, es wuchs aber auch der Druck. Noch vier Jahre später spricht sie von einer Bürde. Sie hat gelernt, sie zu tragen.

          Der Spross einer Kölner Theaterfamilie hat das Wesen des Berufs verinnerlicht

          „Unter jeder Schwäche liegt eine Stärke“, erklärt sie ihr Credo, „und unter jeder Stärke eine Schwäche.“ Beruflich wie im Leben. Und wie sie das so sagt, beim Latte macchiato im Prenzlauer-Berg-Café ums Eck ihrer Wohnung, wird auch im Privaten die Ambivalenz ihres Zaubers spürbar. In ihrem „Text-Lern-Café“ redet sie tiefgründig über sich und ihre Arbeit und wirkt dabei doch bodenständig. Sie vergöttert das Theater, liebt den Film, schätzt das Fernsehen, pflegt aber keine Dogmen. Sie ist bildhübsch, doch diese Schönheit muss über optische Hürden hinweg entschlüsselt werden: der zu spitze Mund, die gläserne Figur, das hypnotische Grün ihrer Augen unter strengem Scheitel. Katharina Schüttler wirkt durchscheinend, rätselhaft, zerbrechlich. Auf den zweiten Blick erkennt man den emanzipierten, kraftstrotzenden, umwälzenden Charakter, den sie so oft spielt. Was sich schon beim dritten Blick wieder ändern kann: Leicht zu fassen ist sie nicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gerüchte in London : Kabinett plant angeblich Putsch gegen May

          Theresa May verliert wegen ihres Brexit-Kurses offenbar in den eigenen Reihen an Rückhalt. Mehrere Zeitungen berichten, ihre eigenen Minister wollten die Regierungschefin aus dem Amt drängen. Mögliche Nachfolger ständen schon bereit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.