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Karoline Eichhorn : Ich bin keine Ego-Schauspielerin

„Mir war in Stuttgart immer klar, dass ich nach dem Ende der Schule weggehen muss“: Eichhorn. Bild: Daniel Pilar

Die Engstirnigkeit der Provinz hat Karoline Eichhorn einst aus ihrer Heimat vertrieben. Nun ist die Schauspielerin zurückgekehrt - für eine Serie, die dem Schwäbischen huldigt.

          “Granadedackel.“ „Endaklemmr.“ „Schnarchzapfa.“ - Blödmann, Geizhals, Langweiler, heißt das übersetzt. Die Schwaben sind Tüftler und äußerst begabt im Schimpfen. Das schwäbisch-deutsche Wörterbuch ist diesbezüglich eine wahre Fundgrube. Ein Bad im Schimpfwörtersee der Schwaben kann befreiend wirken. Und vielleicht können die Schwaben deshalb so talentiert mit verbalem Schmutz werfen, weil man mit Humor die provinzielle Enge des Kinzig- oder Schuttertals hinter sich lassen kann.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          “Schlau zu schimpfen und viel zu schimpfen, das ist etwas Schwäbisches“, sagt Karoline Eichhorn. „Man nimmt dazu auch eine ganz andere Körperhaltung ein, so ein schwäbisches Schimpfwort kommt aus der Tiefe.“

          Die Schauspielerin sitzt in einem Bistro in Hamburg. Die Brille in die blonden Haare gesteckt, ungeschminkt, legerer brauner Pullover, schwarze Halbschuhe mit roten Schnürsenkeln. Mit ihrem Mann, dem dänischen Schriftsteller Arne Nielsen, lebt die gebürtige Schwäbin heute im Hamburger Grindelviertel. Sie mag den Norden, weil er heller und frischer ist als der Süden. Auch empfindet die Schauspielerin den größeren Respekt vor der Individualität als angenehm; sie wird in Ruhe gelassen. „Mir war in Stuttgart immer klar, dass ich nach dem Ende der Schule weggehen muss und nie wiederkommen kann. Die Engstirnigkeit ist schwer auszuhalten. Der Schwabe kommentiert alles zu jeder Zeit, ständig wird man begutachtet, nie in Ruhe gelassen, das ist in Hamburg anders.“

          „Dialekt ist sonst nur etwas für die Doofen“

          Und doch ist Eichhorn zurückgekehrt. Obwohl sie inzwischen zu der Sorte Großstädter gehört, denen es in Berlin oder Hamburg reicht, gute von schlechten Kässpätzle unterscheiden zu können, ist sie noch einmal tief in die Welt der schwäbischen Provinz eingedrungen. In der Mundartserie „Die Kirche bleibt im Dorf“ des Südwestrundfunks verkörpert sie die zurückhaltend-ernste Tochter Christine des schwäbischen Schweinebauern Ludwig Rossbauer. „Dialekt ist sonst nur etwas für die Doofen, für die Klischee-Figuren. In dieser Serie wird der Dialekt von ernstzunehmenden Charakteren benutzt“, sagt Eichhorn.

          Einen Kurs „Schwäbisch für Anfänger“ musste Eichhorn für die Serie nicht besuchen. Sie wuchs auf der Stuttgarter Lenzhalde auf, unweit des Bismarckturms. Die Lenzhalde ist ein vornehmes Wohnviertel mit polierten Messing-Namensschildern und pedantisch gepflegten Villen. Ihre Mutter stammt aus Schlesien, der Vater aus Thüringen, die schwäbische Mentalität und Sprache konnte sie als Schülerin mit einer gewissen Distanziertheit studieren. Heute kann sie mühelos umschalten zwischen „Marmelade“ und „Gsälz“.

          Sie wuchs in großer Geborgenheit in einem bildungsbürgerlichen Elternhaus auf, besuchte die Waldorfschule, erlebte ihre Mutter beim Plakatekleben für Willy Brandt und lernte Alexa Filbinger, die Tochter des damaligen Ministerpräsidenten, in der Schule kennen. Die Waldorfschülerin Karoline konnte das Beste des Stuttgarter Schwabentums annehmen und das Schlechte und Beengende nach kurzer Prüfung verwerfen. Sie stand schon in der Schulzeit auf der Bühne, später gehörte sie zu Hans-Günther Heymes Stuttgarter Theater-Jugendclub. Eichhorn besuchte die Folkwang-Schule, spielte früh in einer Inszenierung Peter Steins an der Berliner Schaubühne.

          Beschrieben wird sie als die „Kühle“ und die „Tragödische“

          Deutschlandweit bekannt wurde Eichhorn Anfang der neunziger Jahre mit dem Nachkriegsdrama „Drei Tage im April“ und dem Film „Gegen Ende der Nacht“. Es sind Arbeiten, mit denen sie sich heute noch stark identifiziert. In „Gegen Ende der Nacht“ spielt sie eine gestrandete junge Frau im Trümmerdeutschland des Jahres 1945, die auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit als KZ-Aufseherin ist und sich in einen Offizier des amerikanischen Militärgeheimdienstes verliebt. Regisseur Oliver Storz und Eichhorn bekamen dafür den Grimme-Preis. Sehr einprägsam ist die oft beschriebene und viel gelobte Szene, in der Eichhorn alias Karin Katte vor den Augen des Offiziers in einem See ein Bad nimmt. Viel sagen, aber wenig sprechen - das ist schon damals charakteristisch für die Art und Weise, mit der sie spielt.

          Als „Tragödische“ oder die „Kühle“ ist sie beschrieben worden, dabei hat sie in all ihren Rollen nur eine unglaubliche Präsenz. Sie arbeitet mit minimalistischen Gesten, halben Blicken, körperlicher Millimeterarbeit. Dann sagt eine kaum spürbare Kopfdrehung mehr als zwanzig fein gedrechselte Sätze. Vielleicht ist es manchmal nur die Suggestion von Tiefe, aber Karoline Eichhorn lässt ihre Figuren atmen und erdrückt sie nicht. Wenn sie vor der Kamera steht, schwingt immer etwas von den großen Schwächen der Menschen mit, ganz untheatralisch.

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