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Regenbogenfamilien : „Es sind auch Männer um uns herum“

„Es ist wohl eine Urangst“: Wie auf diese Zeitung sieht eine der Töchter von Karoline Harthun ihre Familie. Bild: Privat

Homosexuelle Eltern sprechen gerne von ihrer Regenbogenfamilie, das klingt bunt und schön. In Wirklichkeit stößt ein solches Familienleben aber immer noch auf Vorbehalte.

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          Karoline Harthun lebt mit ihrer Familie als Übersetzerin und Autorin in Berlin. Ihr Buch „Nicht von schlechten Müttern. Abenteuer Regenbogenfamilie“ erscheint Ende August.

          Im Gespräch erzählt Karoline Harthun vom Leben mit vier Frauen, Rollenbildern und dem Erlebnis Geburt.

          Neulich ergab eine Allensbach-Umfrage, dass die meisten Deutschen die „Ehe für alle“ nicht für ein wichtiges politisches Thema halten. Ist das ein gutes Zeichen?

          Ich muss den Deutschen eine gewisse Weisheit attestieren. Das Thema wird wahnsinnig aufgeblasen, von den Parteien und auch von den Medien. Es ist eine Art Schaukampf, ein Thema, bei dem man sich gut darstellen kann, seine Liberalität und Progressivität, aber tatsächlich geht es ja um relativ wenig. Durch die Reformen der letzten Jahre unterscheidet sich die eingetragene Partnerschaft nicht mehr groß von der eigentlichen Ehe. Außerdem betrifft das sehr wenige Menschen: Es würden vielleicht ein paar tausend eingetragene Partnerschaften in Ehen umgewandelt werden.

          Allerdings hat fast die Hälfte der Befragten kein gutes Gefühl dabei, dass Kinder bei homosexuellen Eltern aufwachsen. Wie erklären Sie sich die Vorbehalte?

          Vorbehalte uns gegenüber haben eigentlich immer mit den Kindern zu tun. Es gibt wenig Leute, die unsere Lebensform an sich ablehnen. Außerdem glaube ich, dass Schwulen deutlich mehr Ablehnung entgegenschlägt als Lesben: Bei Frauen wird es oft nicht als gleichwertige Beziehung angesehen oder auch nicht als so bedrohlich erlebt. Aber wenn es um Kinder geht, dann ändert sich die Einstellung. Natürlich muss ein Kind mit verschiedenen Rollenmustern und auch mit verschiedenen Geschlechtern und ihren Identitäten in Berührung kommen. Ich glaube aber auch, dass wir das durchaus vermitteln können. Wir leben ja nicht im luftleeren Raum, sondern es sind auch Männer um uns herum. Es ist wohl eine Urangst, dass Kinder, die ohne Vater aufwachsen, irgendwie eine Macke kriegen. Die Vorstellung, dass wir die Kinder da mit reinziehen, in unser komisches Leben, das ist etwas, das viele Menschen erschreckt. Mir haben durchaus auch Freunde gesagt, auch andere lesbische Frauen, dass sie das ihren Kindern nicht zumuten wollten.

          Gibt es Momente im Leben Ihrer Töchter, in denen Sie ihnen eine zusätzliche männliche Bezugsperson gewünscht hätten?

          Durchaus. Es ist schade, dass es im Erziehungssystem so wenige Männer gibt, sowohl im Kindergarten als auch in der Grundschule. Ich finde es sehr wichtig, dass Kinder einfach mehr Männer erleben. Das gilt nicht nur für meine Kinder, sondern auch für andere. In vielen Familien sind die Väter wenig präsent, einfach weil sie so viel arbeiten. Wir hatten jeweils einen männlichen und einen weiblichen Taufpaten ausgewählt. Die Frauen kümmern sich und halten den Kontakt, die Männer leider nicht. In der Familie ist es auch schwierig. Meine Schwiegermutter ist zum Beispiel eine sehr aktive Großmutter. Und der Opa ist in den Hintergrund getreten. Er würde sich das vielleicht sogar anders wünschen, aber es gibt einfach keinen Raum.

          Macht es das Leben leichter, dass Ihre Kinder zufällig beide Mädchen geworden sind?

          Bis jetzt glaube ich nicht, dass es einfacher war. Vielleicht ändert es sich in der Pubertät. Vielleicht wäre es für einen Jungen, der zum Mann werden muss, dann doch schwieriger, sich von uns abzugrenzen.

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