https://www.faz.net/-gum-wfet

Karlheinz Böhm : Herr Karl wird 80

Gut 330 Millionen Euro hat Böhm in 27 Jahren gesammelt Bild:

Im März wird Karlheinz Böhm 80 Jahre alt. Er hat mit seiner Organisation „Menschen für Menschen“ in Äthiopien viel erreicht. Insgesamt haben fast vier Millionen Menschen von seiner Hilfsorganisation profitiert. Nach seinem Unfall muss er nun kürzer treten.

          5 Min.

          Fast könnte man meinen, die Herren in ihren dunklen Anzügen und mit dem großen Blumenstrauß im Arm seien auf dem Weg zu einer Beerdigung. Dabei wollen die Honoratioren aus der mehrere hundert Kilometer im Westen Äthiopiens liegenden Region Illubabor eine Wiederkehr feiern. Lang war ihre Reise, heiß ist es an diesem Tag. Tief gerührt schütteln sie die Hand ihres Wohltäters. Später können sie kaum in Worte fassen, was dieser Mann für sie und ihr Land bedeutet. Es sei ein so großes Glück, dass Gott ihn gerettet habe und dass ihr „Doktor Karl“ wieder nach Äthiopien und zu ihnen zurückgekehrt ist.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Als Karlheinz Böhm am 3. Oktober vergangenen Jahres im Westen des Landes auf einer Straße zwischen Dire Dawa und Harar einen schweren Autounfall hatte, war das für viele Äthiopier eine schlimme Nachricht. Nur einen Tag später wurde Böhm zusammen mit seinem schwerverletzten Begleiter, seinem engsten Mitarbeiter Berhanu Negussie, nach Österreich ausgeflogen. Dort zeigte sich zwar schnell, dass Böhm, der im März 80 Jahre alt wird, körperlich weitgehend unversehrt geblieben war, doch stellte sich zugleich erstmals ernsthaft die Frage, wie es mit der Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ einmal weitergehen wird, wenn sich ihr Gründer nicht mehr für sein Lebenswerk in Äthiopien einsetzen kann.

          Aus eigener Kraft kann sich Äthiopien nicht helfen

          Äthiopien, etwa drei Mal so groß wie Deutschland, zählt noch immer zu einem der ärmsten Länder der Welt. Fast die Hälfte der etwa 80 Millionen Bürger ist unterernährt. Aus eigener Kraft kann sich der Staat, der zum größten Teil von der Landwirtschaft lebt, nicht helfen. Für die Äthiopier ist es unvorstellbar, dass Jérôme Kerviel, der Händler von der französischen Geschäftsbank Société Générale, Geld verspekuliert haben soll, das gleich zweimal ihrem Staatshaushalt von etwa drei Milliarden Dollar entspricht.

          Mit Bundespräsident Köhler im Ausbildungszentrum in Äthiopien

          Das zerklüftete Land mit seinen hohen Bergregionen, Addis Abeba liegt zwischen 2200 und 3000 Metern hoch und ist die dritthöchstgelegene Hauptstadt der Welt, leidet vor allem unter seiner schlechten Infrastruktur: Es gibt nur etwa 26.053 Kilometer Überlandstraßen, davon sind 3656 Kilometer befestigt; in Deutschland sind allein rund 53.400 des 231.000 Kilometer umfassenden Straßennetzes Bundesfernstraßen, davon etwa 12.400 Kilometer Autobahnen.

          Wut auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt

          Wie arm die Menschen in Afrika sind, davon hatte auch der Ende der siebziger Jahre wieder überaus erfolgreiche Schauspieler Böhm keine Vorstellung. Erst ein Aufenthalt in Kenia 1976 und Besuche in den Slumgebieten Mombasas hätten ihm die Augen für das Elend geöffnet, erzählt er. Danach wuchs in ihm die Wut auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt, auf die Ignoranz vieler Politiker, die Milliarden für Waffen und so wenig für die Hungernden ausgeben. Schließlich kam es im Mai 1981 zu seinem berühmten Auftritt im Fernsehen: Böhm wettete in der Sendung „Wetten, dass. .?“, dass nicht jeder dritte Zuschauer eine Mark, einen Franken oder sieben Schillinge für die Hungernden in der Sahelzone spenden würde. Er gewann zwar die Wette, flog aber trotzdem noch im selben Jahr zum ersten Mal nach Äthiopien. Seither hat sich das Leben von Karlheinz Böhm grundlegend geändert.

          „Karlheinz Böhm“, sagt Karlheinz Böhm gleich zu Beginn vieler seiner Begegnungen mit Nicht-Äthiopiern, „ist mein europäischer Name. Da ich aber Äthiopier bin, möchte ich hier im Land, wie es Brauch ist, nur Karl genannt werden.“ Seine Frau wiederum, Äthiopierin von Geburt, sei österreichische Staatsbürgerin. „Sie können Sie also gerne Frau Böhm nennen“, fügt er schmunzelnd hinzu. Ato Karl, Herr Karl, der auch Abo Karl, Vater Karl, genannt wird, ist stolz, als erster Ausländer überhaupt Ehrenstaatsbürger Äthiopiens geworden zu sein. Wohl mindestens zehn Jahre hat er inzwischen in dem ostafrikanischen Land gelebt, meist in seinem Haus im Erer-Tal, dort, wo alles begann und wo er einige seiner einschneidendsten Erlebnisse hatte.

          „Die Mütter lassen ihre Töchter aus Liebe beschneiden“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Boogaloo-Bewegung in Amerika : Sie wollen den Krieg

          Eine amerikanische Internet-Bewegung, die auf einen Umsturz sinnt, wittert in der Pandemie und den Protesten ihre Chance. Die „Boogaloo Boys“, die sich in vielen Städten unter die Demonstranten mischen, sind bewaffnet und gefährlich.
          Michael Hüther stammt nicht aus dem akademischen Betrieb, sondern aus der volkswirtschaftlichen Abteilung einer Bank.

          Michael Hüther : Mister Mehrwertsteuer

          Michael Hüther ist einer der geistigen Väter des Konjunkturpakets. Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft neigt ansonsten immer wieder zu „ordnungspolitischem Schweinkram“. Wofür steht der Ökonom?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.