https://www.faz.net/-gum-7u4gt

Rap-Song über Sarrazin : „Du bist ein Terrorist, der die Jugend drangsaliert“

Starke Thesen, starkes Management: Kamyar (links) und Dzeko stürmen mit ihrem Video „Generation Sarrazin“ das Netz Bild: privat

Zwei Nachwuchsrapper greifen Thilo Sarrazin an und landen damit einen Hit im Internet. Kamyar und Dzeko geben Kindern mit ausländischen Wurzeln eine Stimme – sind aber auch Teil einer Marketingmaschinerie.

          3 Min.

          Vor der Tür des Studios steht ein weißer Landrover. Dahinter ist fast alles schwarz: die Ledersessel, die Steinwand und der Glastisch, an dem Kamyar und Dzeko sitzen. Dzeko trägt Parka und Kapuzenpulli, er schaut skeptisch drein. Kamyar wippt mit dem Fuß. Die beiden sollen über ihr neues Video sprechen. „Ich schreibe noch kurz meiner Freundin“, sagt Kamyar. „Ich schreibe noch kurz meinen beiden Freundinnen“, sagt Dzeko.

          Morten Freidel
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Kamyar und Dzeko sind 15 Jahre alt und Rapper. Das sind in dem Alter viele, aber nur wenige haben einen Plattenvertrag. Die beiden aber stehen bei „Gefälltmir-Media“ unter Vertrag, dem Management von Eko Fresh. Gerade wurde ihr neues Video veröffentlicht, und schon explodieren die Klickzahlen. Es heißt „Generation Sarrazin“: Über die Hauptstadt zieht eine dunkle Wolkenfront, im Hintergrund erklingt Klaviermusik. Ein Double von Thilo Sarrazin rollt mit einer schwarzen Limousine durch Berlin und verteilt Flugblätter, zum Beispiel mit der Aufschrift: „Araber und Türken können nichts außer Obst verkaufen“.

          „Du bist ein Terrorist“

          Das Video steckt voller Anspielungen auf Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ aus dem Jahr 2010, dessen Thesen Kamyar und Dzeko scharf angreifen. „Du willst nur ein Vorbild sein, das neue Tugend transportiert, doch du bist ein Terrorist, der die Jugend drangsaliert“, rappt Dzeko. Die Botschaft des Videos steckt in einer Zeile von Kamyar: „Blaue Augen, blondes Haar ist nicht mehr die Maßgabe, schwarze Haare aber trotzdem deutsche Nationalfahne.“

          Beide sind in Deutschland aufgewachsen. Kamyars Eltern stammen aus Iran, Dzekos Eltern aus Montenegro. Mit ihrem Video geben sie jenen Jugendlichen eine Stimme, die Deutsche sind und sich wie Deutsche fühlen wollen. Damit stehen Kamyar und Dzeko ganz in der Tradition des Hip-Hop. Schon immer prangerten Rapper ihre gesellschaftliche Ausgrenzung an, und schon immer waren diese Botschaften mit kommerziellem Erfolg vereinbar. Trotzdem wirkt das Video „Generation Sarrazin“ inszeniert. Warum ausgerechnet jetzt, vier Jahre nach Veröffentlichung, ein Generalangriff auf Sarrazins Thesen? Kamyar sagt, er habe erst jetzt in der Schule davon gehört.

          In jedem Fall nutzt die Aufmerksamkeit für das Video auch dem Rapper Eko Fresh. Er ist Schirmherr des Projekts „Von der Straße ins Studio“ (VDSIS), dessen Logo im Video prangt. Ist es Zufall, dass Eko Freshs neues Album, „Deutscher Traum“, vor wenigen Tagen, am 14. September, erschienen ist und sein Name nun durch alle Medien geistert? Oder ist das Guerrilla-Marketing?

          Langer Atem nötig

          VDSIS selbst ist ein ehrenamtliches Engagement.  Sozialarbeiter haben sich hingesetzt und eine Idee entwickelt, um Jugendliche in den sozialen Brennpunkten zu erreichen. Wenn die Jugendämter wollen, dass VDSIS zu ihnen kommt, müssen sie nur für den organisatorischen Aufwand zahlen. Eko Fresh aber dürfte vom öffentlichen Interesse an „Generation Sarrazin“ profitieren. Und sein Management verdient an ihrem Verkauf.

          Projektleiter von VDSIS ist Timm Fütterer. 2010 hat er es ins Leben gerufen, seit 2011 arbeitet er mit Eko Fresh zusammen. Nach seiner Aussage ist es „das bekannteste Projekt dieser Art in Deutschland“. Ein wenig erinnert es an das Modell von Castingshows: Alle sollen verdienen, mit letzter Sicherheit aber tun es nur die Organisatoren. Die Rapper, die von ihnen ins Licht der Öffentlichkeit gebracht werden, brauchen dagegen einen langem Atem, um auch nach den ersten Erfolgen auf dem Markt zu bestehen.

          Deutschlands jüngste Rapper? Auch das darf bezweifelt werden. Aber die beiden sind sicher die jüngsten Rapper mit einer solchen Vermarktungsmaschinerie im Hintergrund. Fragt man das Duo nach seiner Motivation, wirken die Antworten einstudiert. Ob sie sich selbst als Opfer von Ausgrenzung sehen? Nein, sagt Kamyar, aber manche Freunde bekämen mal einen bösen Blick zugeworfen oder einen bösen Spruch zu hören. Bezeichnend ist auch, was Kamyar vor vier Tagen in einem Interview auf Fritz-Radio sagte. Wie er es fände, wenn sich Thilo Sarrazin selbst zu Wort melden würde, fragte ihn der Moderator. „Wir würden uns natürlich freuen“, sagte Kamyar, „weil das glaube ich noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für das Video bringen würde.“

          Ist das authentisch?

          Dass Kamyar und Dzeko diese Logik durchschaut haben und für sich nutzen wollen, kann man ihnen natürlich nicht vorwerfen. Während sie am Donnerstagabend in Fulda im Studio sitzen und erzählen, geht ihre Single bei iTunes online. Projektleiter Timm Fütterer holt sein Smartphone raus. „Zeig her“, sagt Dzeko. Jemand lässt den Song über die Boxen laufen, er schallt triumphierend durch den Raum. „Alter, wenn wir in die Top 100 kommen, kaufe ich Timm nen Lambo“, sagt Kamyar. „Scherz!“

          Dann müssen sie gehen, es wartet noch ein Interview, und Dzeko muss zum Fußball. Nein, von der Straße kommen Kamyar und Dzeko nicht. Es sind zwei Jugendliche, die zur Schule gehen, schlecht stillsitzen können, deren Eltern einer einfachen Arbeit nachgehen. Später wollen die beiden studieren. Für die Botschaft, die das Video vermitteln will, ist das der beste Beweis. Es sind ganz authentische, normale Jugendliche. Jedenfalls normale.

          Weitere Themen

          Ein Titel für Touristen

          Unesco-Welterbe Baden-Baden : Ein Titel für Touristen

          Die Unesco-Fachleute haben es beschlossen: Baden-Baden steht auf der Liste des Weltkulturerbes. Doch was bedeutet der Titel für die schöne Stadt im Nordschwarzwald?

          Topmeldungen

          Menschen in der Wiesbadener Fußgängerzone

          Sinkende Impfbereitschaft : Sorgen vor dem Corona-Herbst

          Während die Infektionszahlen weiter steigen, lassen sich immer weniger Menschen gegen das Virus impfen. In Berlin wachsen die Befürchtungen, dass neue Einschränkungen nötig werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.