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Parade in Tokio : Die Kaiserin ist zu Tränen gerührt

Kaiserin Masako wischt während der Parade Tränen aus dem Gesicht. Bild: AP

Zehntausende begleiten die festliche Parade zur Inthronisierung des japanischen Kaisers Naruhito. Seine zuletzt als depressiv geltende Frau rührt der Jubel der Menschen zu Tränen.

          3 Min.

          Das Lächeln des Kaiserpaars wollten sie sehen. So hatten viele Japaner ihren Wunsch begründet, am Sonntag bei der Parade zur Inthronisierung des neuen Kaisers dabei zu sein. Naruhito und Kaiserin Masako lächelten dann bei strahlend blauem Himmel ausgiebig, doch für die vielen Zehntausend Zuschauer an der Strecke blieben nur kurze Augenblicke. Nach einer halben Stunde auf der 4,6 Kilometer langen Strecke war das Spektakel in der Innenstadt von Tokio schon vorbei. Am Vorabend hatte der 59 Jahre alte Naruhito in einer kurzen Ansprache während einer Festveranstaltung der Familien gedacht, die von dem schweren Taifun Nummer 19 getroffen worden waren. Spätestens damit war der Weg frei gewesen für die festliche Parade, die im Oktober noch aus Respekt vor den Taifun-Opfern verschoben worden war.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Am Sakuradamon, dem Kirschblütentor der Palastanlage, klang der Jubel der Menschen eher verhalten. Zwar waren zahlreiche japanische Papierfähnchen an die Besucher verteilt worden, die stundenlang angestanden hatten. Doch das in Japan bei solchen Gelegenheiten übliche laute Rascheln der Fähnchen blieb weitgehend aus. Auch der Festruf „Bansai – auf zehntausend Jahre“ blieb dünn. Zu viele der Zaungäste gerade in den hinteren Reihen waren damit beschäftigt, mit ihrem Handy den historischen Moment als Video festzuhalten. Weniger Beachtung fanden Kronprinz Akishino und Ministerpräsident Shinzo Abe, die dem Kaiserpaar in weiteren Limousinen folgten.

          Für den National-Konservativen Abe ist die Thronbesteigung Naruhitos und das neue kaiserliche Zeitalter Reiwa – „schöne Harmonie“ – auch Symbol eines selbstbewussteren Japans. Das wurde selbst in den Details deutlich. Das neue Kaiserpaar fuhr in der Parade in einer vom größten japanischen Autobauer Toyota extra angefertigten Cabriolet-Version des Luxuswagens Century. Bei der Parade 1990 hatte der damalige Kaiser Akihito noch mit einem britischen Rolls-Royce vorliebnehmen müssen.

          Er habe für einen kleinen Moment Masako im weißen Kleid sehen können, sagte an der Straße am Kirschblütentor ein 51 Jahre alter Beamter, der seinen Namen nicht nennen wollte. Seine Familie hatte der Mann zu Hause vor dem Fernseher gelassen, doch seine Anwesenheit sah er als persönliche Pflicht. Vor 30 Jahren, bei der Thronbesteigung Akihitos, habe ihn als Student das ganze Kaisertum nicht interessiert. Mit den Jahren aber habe er gelernt, dass der Kaiser der Kern Japans sei. Land und Kaiser existierten zusammen seit mehr als 1000 Jahren, deshalb wolle er Naruhito seine Reverenz erweisen.

          Naruhito hat einen großen Vertrauensbonus

          Der festliche Umzug am Sonntag war der vorletzte Akt rund um die Kaiserwerdung Naruhitos. In dieser Woche folgt noch das Daijosai, das eigentlich private Erntedankfest des Kaisers mit der Sonnengöttin Amaterasu und anderen Gottheiten, das der Staat sich umgerechnet 23 Millionen Euro kosten lässt. Erst mit diesem geheimen nächtlichen Ritual wird Naruhito nach shintoistischem Brauch endgültig zum geistigen Oberhaupt der Japaner.

          Kritik am Kaisertum ist in Japan eine Randerscheinung. Vor 30 Jahren, bei der Thronbesteigung Akihitos, der im April abgedankt hatte, war das noch anders gewesen. Damals war die Diskussion über die Kriegsschuld von Akihitos Vater, dem Showa-Tenno Kaiser Hirohito, noch virulent. Eine kommunistische Gruppierung inszenierte rund um die Thronbesteigung eine Reihe kleinerer Terrorattacken. So radikal geht es in Japan heute nicht mehr zu, und 26.000 Polizisten sorgten am Sonntag dafür, dass es auch so bleibt. Die pazifistische Neigung Akihitos und sein vehementes Eintreten für den Frieden hat Japans kommunistische Linke nicht mit dem Kaisertum, aber zumindest mit dem derzeitigen Personal versöhnt. Die Zustimmung zum Kaiser ist in der Regentschaft Akihitos gewachsen, und sein Sohn Naruhito hat einen großen Vertrauensbonus.

          „Wenn der Kaiser nicht da wäre, dann wäre es leer“, begründete die 86 Jahre alte Shigomi Sato am Kirschblütentor ihre Überzeugung, dass auch das demokratische Japan das Kaiserhaus brauche. Wie viele andere Japaner bemerkte die Frau, dass Kaiserin Masako, die als Kronprinzessin im Zwang des Hofzeremoniells depressiv wurde, nun gelöster wirkte. Sie sehe viel glücklicher aus, sagte Shigomi Sato. Während der Autoparade zeigte Masako sich vom Jubel der Menschen zu Tränen gerührt. Die Anhänger des Kaiserhauses hoffen nun, dass die Kaiserin ihre Krankheit dauerhaft hinter sich lassen kann. „Früher war Masako etwas bockig“, sagte die 81 Jahre alte Hideko Nakamura, als sie mit einer Freundin in der Schlange vor einer Kontrollstelle stand. Doch die Kaiserin sei schlau und klug.

          Hideko Nakamura wünscht sich von Kaiser Naruhito, dass er öfter seine eigene Meinung äußern und sich frei bewegen solle. Doch im politischen System Japans ist der Kaiser nicht Staatsoberhaupt, sondern nur Symbol des Staats und der Einheit des Volks. Die Japaner werden wohl auch künftig zwischen den Zeilen lesen müssen, um aus öffentlichen Äußerungen des Kaisers politische Anmerkungen herauszulesen.

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