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Spanische Kaffeehäuser : „Madrid hört auf, Madrid zu sein“

Traditionell und schick: Nach der Übernahme durch eine Kette hat das Café Comercial vor kurzem wieder aufgemacht. Bild: dpa

In der spanischen Hauptstadt kämpfen die traditionellen Kaffeehäuser ums Überleben. Währenddessen entsteht eine hippe Cafészene im Viertel Malasaña.

          Am Wochenende muss man Geduld mitbringen, um einen Platz an einem der Tische zu bekommen. Die Neugier ist groß, seit in Madrid die Nachricht die Runde machte, dass das „Comercial“ wieder öffnet, seit 1887 eine Institution in der spanischen Hauptstadt. Einigen Madrilenen war die Angst vor einer Enttäuschung anzumerken. Sie verabredeten sich mit Freunden und wagten gemeinsam einen Erkundungsbesuch. Aber bald machte Erleichterung der Skepsis Platz.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Als das Kaffeehaus neben der Glorieta de Bilbao vor zwei Jahren ohne Vorwarnung schloss, kamen sich viele Bewohner Madrids vor, als habe man sie aus ihrer Heimat ausgesperrt. Wehmütig und oft persönlich gekränkt hefteten Stammgäste herzförmige rosafarbene Zettel mit ihren Abschiedsbotschaften an die Tür. Besonders groß war die Sorge, dass eine Fastfood- oder Kaffeekette das Traditionscafé übernimmt und in einen gesichtslosen Ort verwandelt, von denen es auch in Spanien schon zu viele gibt.

          128 Jahre lang hatte es genügt, dort einen Kaffee zu bestellen, um dann, von den Kellnern ungestört, die Passanten draußen auf dem Platz zu beobachten, zu plaudern, Schach zu spielen, ein Buch zu lesen oder eines zu schreiben. Doch am Ende konnten die Inhaberinnen, zwei ältere Kusinen, ihre Kellner und Köche nicht mehr bezahlen. Interessenten für den alten Familienbetrieb standen Schlange. Eine Firma erhielt den Vorzug, die das Erbe weiterleben lassen wollte. Die neuen Betreiber haben in Madrid schon mehrere luxuriöse Themenrestaurants eröffnet.

          Jung und hip: In dem Viertel Malasaña entsteht eine neue Kaffeehauskultur.

          Im Comercial aber gingen sie sehr behutsam vor, renovierten und modernisierten, fast ohne den nostalgischen Flair wegzusanieren. Vieles blieb beim Alten: die großen gläsernen Lampen, die Theke aus Marmor und die Spiegel an den Wänden. „Es ist fast wie früher, nur etwas edler. Daran muss ich mich erst gewöhnen“, sagt ein Gast, der als Student schon nach den Vorlesungen kam und mit seinen Freunden oft den Rest des Tages dort verbrachte.

          Das ist für Studenten jetzt nicht mehr so leicht. Das kleine Frühstück für 2,50 Euro können sie sich auch heute noch leisten. Und auch nachmittags lassen die Kellner ihren Gästen alle Zeit, um ihre Churros, das bräunliche Fettgebäck, in die dicke Schokolade zu tauchen, wie es sich in Spanien gehört. Mittags und abends verwandelt sich das alte Café aber in ein anspruchsvolles Restaurant mit entsprechenden Preisen.

          Das Café Gijón lebt von seiner Vergangenheit

          In der Fuencarral-Straße um die Ecke haben die großen Ketten längst die meisten alteingesessenen Geschäfte und Restaurants verdrängt. Während der Wirtschaftskrise haben viele Familienbetriebe aufgegeben. Hunderttausende Spanier verloren ihre Arbeitsplätze und mussten sparen. Sie blieben zu Hause, statt ins Restaurant oder in eine Kneipe zu gehen. Manche Lokale verdanken ihr Überleben den Touristen, von denen es immer mehr nach Madrid zieht.

          Dem „Café Gijón“ ist anzumerken, dass es in vielen Reiseführern steht. In dem Traditionshaus am Paseo de Recoletos, schräg gegenüber der Nationalbibliothek, wird nicht mehr nur Spanisch gesprochen. Früher war das Gijón für seine vielen „Tertulias“ bekannt. So heißen auf Spanisch die Debattierrunden, zu denen sich Intellektuelle und Künstler treffen. Das Gijón frequentierten Literaten, Stierkämpfer und Maler, unter deren handsignierten Bildern sich jetzt Touristen mit ihren Smartphones gegenseitig fotografieren.

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