https://www.faz.net/-gum-92m7j

Kabarettist Wolfgang Schaller : „Wir Sachsen haben Fremde gern ...“

  • -Aktualisiert am

Hat auch mal die Axt benutzt: Wolfgang Schaller macht Schluss. Bild: Picture-Alliance

„... am liebsten seh’n wir sie von fern.“ Die Zeiten sind wieder gut fürs Kabarett, findet Wolfgang Schaller von der „Herkuleskeule“ in Dresden. Er hört trotzdem auf. Wie ist seine Sicht auf das Land fast dreißig Jahre nach der Wende?

          4 Min.

          In ein Lied verpackt, kann Boshaftes schon mal milde klingen, in diesem Fall aber verstärkt die Musik noch den Effekt. „Wir Sachsen haben Fremde gern“, singt ein Trio auf der Bühne, holt tief Luft und setzt dann fort: „Am liebsten seh’n wir sie von fern.“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Raunen im Publikum. Es komme vor, dass Leute den Saal noch während der Vorstellung verlassen, sagt Wolfgang Schaller von der Dresdner „Herkuleskeule“. Der Chef eines der renommiertesten deutschen Kabaretts erzählt das mit Bedauern, aber auch ein wenig triumphierend. Dass Leute hinausrennen, habe er zuletzt vor 50 Jahren erlebt, bei einer Vorstellung seines Jugendkabaretts an der Parteihochschule in Berlin. „Nach der zweiten Nummer war der 500 Mann große Saal leer, weil die was in den falschen Hals bekommen hatten“, erzählt Schaller. „Am nächsten Tag rollten Köpfe, und da wusste ich: Mit Kabarett kann man sehr viel bewegen.“

          Schon fast wie zu DDR-Zeiten

          Anlass dieses Treffens ist eigentlich sein Abschied. Schaller ist 77 Jahre alt und gibt in diesem Oktober die Leitung des Hauses ab. „Man muss loslassen können“, seufzt er und schiebt hinterher: „Sagte der Bergsteiger.“ Kurzes Lachen. Dann weiter im Takt: „Damit ich nicht abstürze, muss ich weiter schreiben.“ Aha. Man kann sich die „Herkuleskeule“ nicht vorstellen ohne Schaller in seinem schwarzen, ausgebeulten Anzug, mit den weißen, strähnigen Haaren und dem schlurfigen Schritt. Er ist Deutschlehrer, aber seit fast 40 Jahren leitet er nun diesen Laden, schreibt ausverkaufte Programme, früher viele gemeinsam mit Peter Ensikat, gespielt auf fast allen Bühnen der DDR und bei Gastspielen im Westen.

          Mit Gerhard Polt und Werner Schneyder verbindet ihn viel, auch mit Dieter Hildebrandt war er befreundet. Wer meint, die Zeit des Kabaretts sei vorbei, ist hier falsch. „Wir wurden schon oft totgesagt“, entgegnet Schaller. „Wenn dem wirklich so wäre, erleben wir hier täglich doch eine sehr schöne Leichenfeier.“

          Es ist vielmehr so, dass Kabarett gefragt ist wie lange nicht. Sogar den ganzen Sommer über war die „Herkuleskeule“ ausverkauft. Die Weltlage schreit geradezu nach Einordnung und Widerspruch. „Ballastrevue“ heißt das aktuelle Stück, auch weil sie sich gerade aus ihrer Stamm-Spielstätte verabschiedet haben und in den frisch sanierten Kulturpalast ins Stadtzentrum gezogen sind – in den Keller. Den naheliegenden Gag macht Schaller nicht, sondern gibt zu, dass sein aktuelles Programm das Publikum spaltet. Darin geht es gegen Merkel und gegen Pegida, gegen Trump und gegen die AfD und überhaupt um eine Welt, die zum Schreien ist. Gleich mehrere Zuschauer haben ins Gästebuch geschrieben: „Vielen Dank für den Mut!“ Seltsam sei das, schon fast wie zu DDR-Zeiten, sagt Schaller. „Wieso denken Leute, dass man in dieser pluralistischen Gesellschaft Mut haben muss, eine Meinung zu äußern, die vom Mainstream abweicht?“

          „Wir müssen radikal im Denken bleiben“

          Überhaupt ändere sich viel in der Kultur. Ob Theater, Lesung, Kleinkunstbühne – das früher weitgehende Einverständnis zwischen Künstler und Publikum sei weg. Man könne heute nicht mehr zuverlässig sagen, wo die Leute lachten und wo sie stumm blieben, unterschiedlichste Erwartungen reckten im Saal den Hals. Eine Ausnahme ist Boulevard – „Herr Doktor, die Kanüle klemmt“ läuft 100 Meter Luftlinie entfernt, auch ausverkauft. Da funktioniert das gemeinsame Lachen noch. „Bei mir löst es eine Humorallergie aus“, sagt Schaller. Er selbst zitiert gern den großen Kabarettisten, Werner Finck, der meinte, dass richtig gutes Kabarett nur in der Diktatur funktioniert. Zu DDR-Zeiten sei die Zensur zu überlisten ein großer Spaß gewesen. Funktionäre austricksen, Tabus brechen und stets sehr einig mit dem Publikum sein. „Wir waren alle einer Meinung: gegen die da oben.“ Heute jedoch sitzt der Pluralismus in Gestalt von Pegida-Gängern und Gegendemonstranten nebeneinander im Saal.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ruinerwold in Aufruhr : Polizei nimmt auch Vater der isolierten Familie fest

          Fassungslos reagieren die Einwohner des niederländischen Dorfes Ruinerwold auf die mutmaßliche Freiheitsberaubung einer ganzen Familie zu der immer mehr Details ans Licht kommen. Nun hat die Polizei einen zweiten Verdächtigen verhaftet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.