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Kabarettist auf Tour : „Meine Figur, dieser Reaktionär, das könnte jeder sein“

  • -Aktualisiert am

„Wenn es in den Flow kommt, ist es wie Musik“: Miller auf der Bühne des Neuen Theaters in Frankfurt-Höchst zwischen Soundcheck und Auftritt. Bild: Wonge Bergmann

Rolf Miller hat eine neue Kunstform entdeckt: Die des Nicht-fertig-Redens. Das stürzt das Publikum in Gewissenskonflikte und lässt manchmal kein Auge trocken. Was macht sein Kabarett so besonders?

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          Der Mann auf der Bühne hat starke Oberarme und sitzt so breitbeinig, dass die Hosennaht spannt. Es sagt: „Menschen sind normal. Die Ausnahme hat die Regel.“ Ist das lustig? Der Saal lacht. Rolf Miller ist ein Kabarettist, der sein Publikum – klassische Kabarett-Gänger – dazu bringt, über Frauen zu lachen. Über Kinder, Behinderte, über Veganer. „Meine Figur, dieser Reaktionär, das könnte jeder sein“, wird er später sagen, wenn er nicht mehr der Bühnen-Miller ist.

          Auf der Bühne erhebt sich einer über die Welt, redet über das, was ihm gerade einfällt, und wenn ihm nichts mehr einfällt, wechselt er eben das Thema. Gerne mitten im Satz: „Der Mick Dings von den Rolling Stones, der, der, äh, der, der hat – Herzklappen. Und der ist ja top fit von denen.“ Typisch für ihn: die abrupte thematische Abbiegung, der unvollendete Gedanke, das Reden in Ellipsen, das auf Einverständnis baut, dadurch aber gerade das Missverständnis einlädt. „Hinter der Pause lauert die Pointe“ – so die Jury des Deutschen Kleinkunstpreises, den er 2006 in der Kategorie Kabarett bekam, eine von diversen Branchenauszeichnungen.

          Miller räumt ein, seine Figur komme „manchmal überraschend dumm daher“. Aber sie sagt dabei durchaus Wahres, findet er. Sie sagt: „Vegane Ingwergesichter“, um sich über Menschen lustig zu machen, die sich so bewusst ernähren, dass sie dabei unbewusst komisch sind. Miller sagt auf der Bühne auch: „,Schwarze‘ darf man nicht mehr sagen, das ist negerfeindlich.“ Sind solche Sprüche noch Satire? Sitzt da ein Komiker auf der Bühne oder ein Hetzer?

          Witze über Minderheiten findet der echte Rolf Miller nicht gut

          Rolf Miller will niemanden erniedrigen, erzählt er am Morgen nach seinem Auftritt im Café. Er sieht aus wie auf der Bühne, spricht auch hier ein bisschen Dialekt. Witze über Minderheiten findet der echte Rolf Miller nicht gut. Der 52-Jährige will etwas Ernsthafteres. Er will seine Zuschauer fordern und ein Kabarett, das subtiler arbeitet als manche Kollegen, bei denen man schon vorher weiß, wer gleich sein Fett abbekommt.

          Als Miller vor knapp 30 Jahren mit Kabarett begann, war er froh, dass Harald Schmidt, Josef Hader und Helge Schneider („war damals sensationell“) mit dem alten Kabarett-Milieu aufhörten. Miller wäre gerne auch so gewesen. Aber seine Figur wollte nicht, und Miller wollte spielen, was ihm am besten gelang. Der Bühnen-Miller, Odenwälder Dialekt, Autofahrer aus Überzeugung, war entstanden. „Figuren wie meine gibt es immer, dieses Blut-und-Boden-Denken“, sagt er. „Der Reaktionär könnte jeder sein.“ Miller meint: jeder von uns.

          Das Reaktionäre hat seine eigene Komik, dieses Sich-Sträuben gegen eine Welt, deren Fortgang man nicht ändern kann. Nur: Das ist nicht Millers Humor. Seine Figur sträubt sich nicht gegen Gender-Sterne und Abgasnormen. Der Bühnen-Miller fühlt sich protzwohl in seiner Gegenwart, die er sich so macht, wie sie schon immer war. Männer reden über Fußball, Tennis, Frauen und haben recht. Über die anderen staunt er nicht, er macht sich über sie lustig wie einer, der gleich einen XXL-Pack Würste auf den Grill legen wird, wenn seine Frau sich erdreistet, auch einmal Grillmeisterin spielen zu wollen.

          „Die Deutschen haben so schlecht gespielt“

          „Die Figur ist peinlich“, sagt Miller, der den Obstsalat vor sich nicht anrührt, weil er so viel erzählen will. Manchmal ist sie den Zuschauern zu peinlich. Stefan Raab hat Miller mehrmals zu sich in seine Show eingeladen, als es die noch gab. Schon beim ersten Mal gab es kaum Reaktionen aus dem Publikum. Miller aber braucht wenigstens ein amüsiertes Schweigen. „Es kann auch super sein, wenn es totenstill ist. Dann kommt die Peinlichkeit raus.“ Aber dann müsste auch Miller diese Figur aushalten. „Das zu spielen ist dann schwieriger.“

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