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Kabarettist auf Tour : „Meine Figur, dieser Reaktionär, das könnte jeder sein“

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Und nun im Theatersaal das: Miller macht, was Miller so macht. Halbe Sätze, hierüber, darüber. Gerade über Autos. „Diesel ist ein Lebensgefühl“, sagt Miller und lehnt sich zurück, schiebt die gespreizten Beine vor, und das Publikum lacht. Ein bisschen. Eine Frau nickt heftig, so wie die Menschen, die Phoenix bei Parteitagen abfilmt, wenn gerade der Generalsekretär eine zotig-kämpferische Rede hält. Die Frau hier sagt vor sich hin halblaut und feierlich: „Genau.“ Sie lacht nicht über Miller. Sie stimmt ihm zu. Die da oben sollen uns nicht auch noch „den Diesel“ wegnehmen.

„Muss man halt mögen“

In solchen Momenten bietet das Kabarett keine andere Weltsicht, sondern bestärkt die Zuschauer in Ansichten, die sie eh schon haben. Das ist kein Problem; auch das Kabarett, bei dem man auf vermeintlich rückständige Dorfgroßmäuler blickt, war politisch im besten Fall ineffektiv. Dieser Blick nach unten war lustig. Aber so funktioniert Millers Programm nicht mehr. Wenn man dem Bühnenreaktionär schlicht zustimmt, erfreut das einen vielleicht – aber Spaß ist das nicht.

Oder ist es ganz anders? Miller beendet ja kaum einen Satz, und er macht das genau zur Kunst – sagt er also überhaupt irgendetwas so eindeutig, dass man ihm zustimmen könnte? Wenn Populismus heißt, dass möglichst viele zustimmen können, ist Miller kein Reaktionär, sondern Populist. Jeder Zuschauer vervollständigt Millers Halbsatzgestammel auf seine Weise. Wie vervollständigt wohl ein Paar, das Millers Vorstellung besucht, diesen Halbsatz: „Frauen über dreißig ...“? Denkt er sich etwas Sexistisches, während sie an ihren bevorstehenden 56. Geburtstag denkt und daran, dass sie froh ist, nicht mehr ganz jung zu sein?

Miller sagt nach seiner Kunstpause: „Gibt es.“ Nächste Kunstpause. „Muss man halt mögen.“ Wer ist nun der Sexist? Miller oder der Mann, der sich selbst etwas Böses gedacht hat, während Miller noch ins Publikum grinste? Hier sind Zuschauer nicht nur Zuschauer, sie sind auch Komplizen. Das macht Millers Programm kompliziert und seine Figur interessant. Dem polarisierten Klima der Politik versucht er sich zu entziehen: „Das ist das Spannende, dass man heute nicht weiß, wo man die Figur hintun soll.“ Miller weiß es manchmal selbst nicht. Wenn man ihn fragt, wo seine Figur lebt, sagt er sofort: „Voll auf dem Land.“ Dann macht er eine Pause – eine nachdenkliche Echter-Miller-Pause – und sagt: „Wahrscheinlich gibt’s solche Typen überall.“

„Man überlegt, ob der nicht doch recht hat“

Dass nicht alle den Hintersinn dieser Methode verstehen wollen, zeigen die Kommentare unter den Videos, die Miller auf Youtube stellt. Dort kommentieren 90 Prozent Männer, hat er festgestellt. Und 90 Prozent stimmen ihm zu, feiern ihn als Galionsfigur des Das-wird-man-doch-noch-sagen-Dürfens oder beschimpfen Zuschauerinnen, die für ihren Männergeschmack zu ernst gucken. Miller findet, dass er trotzdem keine Gefahr läuft, als Satiriker nicht mehr zu funktionieren. „An einem guten Tag lachen die Leute vor allem über die Form: das Feige, die Themenwechsel, das Scheitern von Kommunikation. Wenn das in den Flow kommt, ist das wie Musik.“

Miller macht die Welt einfach. Zu einfach? Immer wieder endet das Lachen der Zuhörer früher, ein bisschen so, als fühlten sie sich ertappt. „Man überlegt, ob der nicht doch recht hat“, sagt Miller über seine Bühnenfigur. Das Publikum kommt dann in einen Konflikt mit sich selbst. „Das tut richtig weh.“ Die Vorstellung scheint ihm zu gefallen.

Miller tourt gerade mit seinem neuen Programm „Obacht Miller“.

Miller über...

DIE SCHULZEIT: Wir waren aber auch extrem. Unser Mathelehrer hat immer gesagt: Bei euch ist es extrem. Ihr seid außerordentlich (Pause) – blöd. Der Hans Bellmann, unser Mathelehrer, hat das immer gesagt. Hans Bellmann, genannt „Hell’s Bells“ (gluckst). Der hat immer gesagt: Das gibt’s nicht, wie macht ihr das denn? Wie blöd kann man sein? Wir haben immer gesagt: Herr Bellmann, wir wissen’s doch auch nicht. Wir wissen’s auch nicht, aber wenn wir einen Hinweis haben, faxen wir ihn durch. Der ist reingekommen, dann ist er manchmal ans Fenster gestanden ohne ein Wort, fünf Minuten, und hat rausgeguckt. Ich bin seit 30 Jahren Mathelehrer, aber so blöd – das geht gar nicht. Dann hat er immer gesagt, ihr seid blöder wie – und dann ist ihm nie was eingefallen. Ich bin mal heimgekommen, und meine Mutter: Was habt ihr durchgenommen? Ich hab gesagt: Wie immer. Erst mal eine halbe Stunde, dass wir ... – gar nichts. Und den Rest weiß ich nicht mehr. – „Alles andere ist primär“, 2016

DAS LEBENSGEFÜHL HEUTE: Man muss ja heute schon froh sein. Man muss heute schon froh sein, wenn man überhaupt noch irgendwie mal sagen kann: Ja, aber. (Pause.) Aha. Ne? Ah, wenn ich das sehe, was heute alles da ... Da weiß ich von vorneweg gleich: Wie jetzt? Wer garantiert dir denn heute ... Was ist denn heute, wenn mal was ist? Was ist denn dann? Dann heißt es wieder: Ja. (Pause.) Und da wieder hin und her? Nee, nee. Das ist ... Das ist heute alles nicht mehr so ohne. Wo man hinguckt. Das ist alles nicht mehr so ohne. (Pause.) Heute. (Er wechselt ins Hochdeutsche.) Ich habe einen weitläufigen Bekannten. (Er ist zurück im Dialekt.) Da ist es genauso. – „Der Spaß ist voll“, 2004

DEN KLIMAWANDEL: Und wir sollen heute Sparlampen reinschrauben! Das ist doch komplett am ... Ne? Was bringt das denn? Das ist ja ... Wenn ich im März mit dem T-Shirt keinen Schnee mehr schippen muss (Pause, Pause) – ich könnt’s verkraften. Australien, Sonnencreme, alles klar, wissen wir. Ne? Wenn Holland geflutet wird (gluckst) – sind wir schon im Halbfinale (gluckst). Ist ja ... – Aber was bringt das denn, wenn wir Sparlampen reinschrauben? Dann geht die Welt in 5000 Jahren zwei Wochen später unter. Dann haben wir aber den Hauptgewinn, sind wir ganz vorne dabei. Dann sagen die in 5000 Jahren: Oh, zum Glück haben die damals vor 5000 Jahren Sparlampen reingeschraubt. Jetzt haben wir noch genau zwei Wochen. Was machen wir jetzt noch so lange? – „Tatsachen“, 2010; zwischendurch immer wieder Lachen des Publikums; Transkription aus dem Odenwäldischen: F.A.S.

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