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Kabarettist auf Tour : „Meine Figur, dieser Reaktionär, das könnte jeder sein“

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Am Abend zuvor war das Publikum nicht ruhig, ein paar Fans waren da, die dankbar über alles gelacht haben, was sie aus früheren Programmen schon kannten. „Nur das Tempo war etwas zu hoch“, findet Miller. Er will auf der Bühne langsam sein, seine Rolle erfordert das. Dabei ist er ein Schnellsprecher, jemand, der schon während der Frage gerne antwortet.

Sein Material für diesen Menschen, der so aussieht wie Miller, sammelt der echte Miller im Alltag. Dialoge aus der Bahn schreibt er später auf, verdichtet. So kann er davon berichten, dass sein Freund Jürgen sich ein Haus am Waldrand, „ein schönes Kleinöd“, gekauft hat, in dem er gerne mit einer Frau in einer „lebensähnlichen Gemeinschaft“ leben würde. Miller überlegt im Alltag, wie seine Bühnenfigur gerade reagieren würde.

Beide haben Gemeinsamkeiten. Beide Millers lieben Sport. Tennis, Tischtennis, Miller läuft, macht Krafttraining. Auch wenn er mit der Abendvorstellung zufrieden war, „das war zu viel Sport“. Wird bald gekürzt. Aber Miller mag seinen Witz über die Fußballnationalmannschaft bei der vergangenen Weltmeisterschaft: „Die Deutschen haben so schlecht gespielt. Die Sportart war gar nicht klar.“ Das sehen Miller und der Bühnen-Miller völlig gleich.

Die Figur ist sprunghaft und unkonzentriert

Für seinen Beruf als Kabarettist lebt er sein Leben und das der Bühnenfigur. Wenn alle über Trump und Erdogan reden, tut das auch seine Bühnenfigur. Der Kabarettist schaut sich die Schlagzeilen der „Bild“ an, weil seine Figur das auch täte. Dabei will er eigentlich nicht mehr auf die Politik einschlagen.

Verleitet die Bühnenfigur den Privatmenschen dazu, Dinge zu sagen, die er nicht sagen würde? Beide unterscheiden sich. Die Bühnenfigur spricht von einem Ausflug nach Heidelberg wie von einer Weltreise. Gestern Abend war Miller in Frankfurt-Höchst. Nächste Woche dann ist er in Buchholz, Uffenheim, Kiel. Und im Herbst sogar in Walldürn, wo Miller aufgewachsen ist. Die Figur ist sprunghaft und unkonzentriert. Miller ist sprunghaft, konzentriert sich aber gerne. Wenn er mit seinem Programm auf Tour ist, liest er deshalb keine Romane. Er mag es nicht, wenn ihm die Zeit dafür fehlt, an der Geschichte dranzubleiben.

Miller lebte jahrelang mitten in Stuttgart – seine Website listet als angefangene und abgebrochene Studienfächer Verwaltungsrecht in Kehl, Jura in Mannheim sowie Literatur und Philosophie in der Schwabenmetropole –, die Figur passt besser in die Kleinstadtwelt. Aber auch Miller ist jetzt aufs Land gezogen. Er nähert sich seiner Rolle an. Sie ist Satire, und sie ist ein Teil von ihm. „Ich wachse da jetzt rein.“

Kabarettisten spielen oft Vaterfiguren

Die Figur war schon immer alt. Früher spielte Miller seinen Vater, spielte etwas vor. Die Betonung, die Halbsätze, „das ist er“. Miller sagt: Kabarettisten spielen oft Vaterfiguren. Das Kabarett lebt von Erfahrungen des Ausgegrenzt-Seins. Wie in der Kindheit. Davon, wie es sich angefühlt hat, nicht dazuzugehören. Vielleicht friert Miller deshalb Momente von früher ein: das Kleinstadt-Milieu aus dem Odenwald, den Dialekt. Kinder gehören nie überall dazu. Da sind andere Kinder, bei denen man nicht mitspielen darf (Harald Schmidt hat erzählt, wie er beim Fußball nicht mitmachen durfte, obwohl er einen Lederball besaß). Und da sind die Erwachsenen, zu deren Welt man noch nicht gehört, die man nicht versteht.

Millers Modell funktioniert eigentlich so: Er spielt seine Vater-Generation, die progressivere Generation der Söhne und Töchter amüsiert sich über diese Rückständigkeit. Das ist einfach: der Dialekt, die machohaft gespreizten Beine, die Freunde Achim und Jürgen, von denen Miller gerne erzählt und die schon so heißen, wie Kabarett-Gänger sich wahrscheinlich Nicht-Kabarett-Gänger vorstellen. Der kulturelle Graben zwischen beiden erzeugt die Spannung, die aus reaktionären Sprüchen gute Pointen macht.

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