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Juristen zu Becker-Urteil : „Das ist eine sehr ernste Sache“

Boris Becker ist zahlungsunfähig: „Die Gerichte in England gehen diesen Schritt nur sehr ungerne, das ist die Ultima Ratio“, sagt ein Jurist. Bild: AFP

Boris Becker hat Geldsorgen. Die „bankruptcy order“ in Großbritannien verheißt nichts Gutes. Laut Experten geht es jetzt um sein gesamtes Vermögen.

          Die Anwälte von Boris Becker sind am Freitag noch einmal in die Offensive gegangen. Ein Gericht in London hatte den dreimaligen Wimbledonsieger am Mittwoch für zahlungsunfähig erklärt, die zuständige Justizbeamtin Christine Derrett war „mit Bedauern“ zu dem Schluss gekommen, dass es an glaubwürdigen Nachweisen dafür fehle, dass Becker seine „erheblichen“ Schulden bei der Privatbank Arbuthnot Latham & Co bald zurückzahlen könne. „Becker ist pleite“, hieß es daraufhin verkürzt in einigen Zeitungen.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Beckers Rechtsanwalt Christian-Oliver Moser warnte am Freitag in seiner Stellungnahme vor dieser Darstellung: Sein Mandant werde sich gegen jede Berichterstattung, in der er „völlig undifferenziert als vermögenslos oder pleite dargestellt wird“, presserechtlich zur Wehr setzen. Becker sei nicht „pleite“, der Wert „des bei ihm vorhandenen Vermögens“ übersteige „deutlich die gegen ihn bestehenden Forderungen Dritter“. Der Beschluss in London sei nicht mit der Eröffnung eines Insolvenzverfahrens nach deutschem Recht zu vergleichen. Becker werde „eine kurzfristige Refinanzierung durch eine neue Bank sicherstellen, womit dann das entsprechende Verfahren sofort beendet ist“.

          „Es ist natürlich der Job seiner Anwälte, das so darzustellen“, sagt Ulrich Ehricke, Professor an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln. Die „bankruptcy order“, die über den ehemaligen Tennisspieler verhängt wurde, sei aber in Wirklichkeit „eine sehr ernste Sache“. „Die Gerichte in England gehen diesen Schritt nur sehr ungerne, das ist die Ultima Ratio.“ Die Behörden müssten wirklich überzeugt davon sein, dass es „nahezu ausgeschlossen“ sei, dass ein Schuldner die berechtigten Ansprüche eines Gläubigers zahlen könne. Ehrickes Einschätzung bestätigen auch andere Rechtswissenschaftler. Christoph Thole, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Internationales Insolvenzrecht der Universität Köln, sagt: „Wenn man das Geld hat, bezahlt man seine Schulden, bevor man für zahlungsunfähig erklärt wird.“ Auch er bezeichnet die „bankruptcy order“ als „letztes Mittel“ der britischen Behörden.

          „Das fängt bei der EC-Karte an“

          Stephan Madaus, der ausländisches Insolvenzrecht an der Universität Halle-Wittenberg lehrt, sagt: Wenn man für zahlungsunfähig erklärt wird, sind die Folgen gravierend. Normalerweise ließe man es, wenn man das Geld habe, nicht so weit kommen. In so einem Fall werde das Gesamtvermögen, also nicht nur das Vermögen in Großbritannien, einem Insolvenzverwalter unterstellt, bei dem sich dann auch alle Gläubiger melden könnten. Der Verwalter habe die Aufgabe, aus dem vorhandenen Vermögen innerhalb eines Jahres so viele Schulden wie möglich zu begleichen. Danach werde der Schuldner von seinen Restschulden befreit – bei einer Privatinsolvenz in Deutschland dauere das viel länger.

          Erst einmal könne der Schuldner nicht mehr auf sein Privatvermögen zugreifen, „das fängt bei der EC-Karte an“, sagt Madaus. Auch Kredite bekomme er nicht mehr. Über wie viel Geld und Besitz der Schuldner während dieser zwölf Monate noch frei verfügen kann, werde im Einzelfall vom Insolvenzverwalter festgelegt. „Auf großem Fuß leben, das geht definitiv nicht mehr“, sagt Madaus.

          „Vielleicht ist es ein Vorteil für ihn“

          Selbst wenn Becker die Schulden an die Privatbank schnell zahle, ergänzt Ehricke, liege es an dem Insolvenzverwalter zu beantragen, das Verfahren vorzeitig zu beenden. Dafür müssten erst einmal die Ansprüche aller Gläubiger geprüft werden, die sich jetzt eventuell melden. Deswegen könne das Insolvenzverfahren auch nicht einfach morgen wieder beendet werden.

          Bisher wird über konkrete Zahlen allerdings nur spekuliert: Nach Angaben der britischen Zeitung „Daily Mail“ schuldet Becker der Privatbank 3,5 Millionen Euro, der „Telegraph“ schreibt, eine Baufirma auf Mallorca fordere außerdem 400 000 Euro. Die Scheidung von seiner ersten Frau Barbara soll Becker 2011 rund 15 Millionen Euro gekostet haben, für sein Haus in London zahlt er angeblich 35 000 Euro im Monat. Vor Gericht hatten Beckers Anwälte eingeräumt, dass ihr Mandant „nicht sehr geschickt“ sei, wenn es um Geldgeschäfte gehe. Der Jurist Madaus sagt dazu, vielleicht wäre es ein Vorteil, wenn jetzt ein Verwalter übernehmen würde. Und Ehricke ergänzt: „Dieses Verfahren gibt es, um einem Schuldner zu helfen.“ Für Häme gebe es keinen Grund.

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