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Jungschauspieler : Kaderschmiede Dudelfernsehen

  • -Aktualisiert am

Von Heike Makatsch bis Jessica Schwarz: Die früher vielbelächelten Musikprogramme Viva und MTV erweisen sich im nachhinein als Ausbildungsbetriebe für Jungschauspieler. Damit dürfte bald Schluß sein.

          Im Handbuch des Kulturpessimismus wird man das Kapitel über das deutsche Musikfernsehen wohl überarbeiten müssen. Was in den neunziger Jahren als popkultureller Waldorf-Kindergarten belächelt wurde, stellt sich im Rückblick als geheimes Trainingslager zur Rettung der deutschen Filmlandschaft dar. Ob Heike Makatsch oder Christian Ulmen, Janin Reinhardt oder Jessica Schwarz, Nora Tschirner oder Jana Pallaske - kaum ein Kinofilm oder eine Telenovela kommt ganz ohne Darsteller aus, die auf Lehr- und Wanderjahre als Video-Jockey zurückblicken.

          Tatsächlich stellt die Floskel „ehemalige Viva-Moderatorin“ heute fast schon ein Synonym für „Jungschauspielerin“ dar. Und das ist keineswegs so selbstverständlich, wie es klingt. Schließlich war noch vor nicht allzu langer Zeit der berüchtigte Gastauftritt in der „Harald Schmidt Show“ die einzige Rolle ohne Teleprompter, die man dem jungen Gemüse vom Musikfernsehen zutraute. Und wenn man nicht die alten Klischees neu auflegen und den Niedergang der Schauspielerei prophezeien will, kommt man nicht umhin, die Invasion der Fernsehkinder - die auf ganz unterschiedlichen Niveaus abläuft - als erfrischende Aufmischung der Szene wahrzunehmen.

          Beispielloser Niedergang

          Natürlich gab es immer wieder Fernsehmoderatoren, die irgendwie auf der Kinoleinwand landeten. Man denke nur an Thomas Gottschalk, der in den achtziger Jahren in Meisterwerken wie „Die Supernasen“ oder „Zärtliche Chaoten“ mitwirkte. Aber hinter den schauspielerischen Weihen für eine ganze Generation von im Musikfernsehen sozialisierten Darstellern scheint doch mehr System zu stecken. Man könnte einfach Institutionsgeschichte betreiben: Immerhin erlebte das Musikfernsehen, als sein goldenes Jahrzehnt mit dem Börsencrash von 2001 endete, einen beispiellosen Niedergang, der im Ausverkauf der Viva-Überreste an MTV im Frühjahr 2005 mündete. Und weil Musikfernsehen heute vor allem ein Abspielkanal für Klingeltonwerbung ist, bietet es für quirlige Selbstdarsteller kaum noch Entfaltungsraum. Keine Frage: Das durch die Entlassungen freigesetzte Kreativpotential mußte sich andere Medien suchen. Aber was genau lernt man beim Ansagen von Musikclips für die Schauspielerei?

          Sabine Schroth ist eine der Stammütter des deutschen Castings. Die Münchner Agentin lernte in Hollywood und castete Heike Makatsch in den Neunzigern für Filme wie „Obsession“ oder „Gripsholm“. Für die verstärkte Kinopräsenz von Ex-Moderatorinnen wie Nora Tschirner („FC Venus“) oder Jessica Schwarz („Der rote Kakadu“) führt sie in erster Linie pragmatische Gründe an: „Wer moderiert, hat keine Kamerascheu.“ An der Schauspielschule dagegen werde fürs Theater ausgebildet. Außerdem seien Fernsehmitschnitte die idealen Probeaufnahmen. Trotzdem bleibt bei Schroth eine gewisse Skepsis darüber, welche der neuen Gesichter sich auf der Leinwand bewähren: „Wenn man nur sich selber darstellen kann, geht das eine Weile gut. Nicht jeder kann auch eine Hauptrolle spielen. Selbst der Ulmen spielt zur Zeit noch sich selber.“

          Unangenehme Vorgeschichte

          Aber war es nicht gerade die Fähigkeit zur angstfreien Selbstdarstellung, die den Rollenmodellen von Viva und MTV in die Wiege gelegt wurde? Und warum scheint einem Star des neuen deutschen Fräuleinwunders wie Jessica Schwarz, die jetzt mit namhaften Filmleuten wie Dominik Graf arbeitet, die berufliche Vorgeschichte als „Bravo-Girl 1993“, Model und Viva-Moderatorin unangenehm zu sein? Jedenfalls steht die Darstellerin laut Auskunft des Agenten für Fragen zu ihrer Vergangenheit beim Musikfernsehen nicht zur Verfügung. Ein bißchen wirkt es, als würde man Sabine Christiansen auf ihre Zeit als Stewardeß ansprechen. Dabei war gerade Viva in seiner experimentierfreudigen Frühzeit sicher eine Art alternative Schauspielschule, bei der man die Moderatoren nicht drillte, sondern auf eine charmante Natürlichkeit mit offenen Grenzen zur Peinlichkeit setzte. Georg Hermens, ehemals Chefautor bei Viva, erinnert sich: „Man wollte den Leuten nicht durch Sprechertraining die Sprache verderben.“

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