https://www.faz.net/-gum-969ou

Junge Sarden : Hirten in Turnschuhen

  • -Aktualisiert am

Frische Landluft statt Großstadt-Tumult: Hirtenleben ist in Sardinien angesagt. Bild: Julia Reichardt

Immer mehr junge Sarden sehen heute als Hirte eine Lebensperspektive und entkommen so der Arbeitslosigkeit. Mit neuen Ideen mischen sie den alten Berufszweig auf und bewahren zugleich die alten Bräuche.

          5 Min.

          Eigentlich hatte Giovanni Murru, 27, Pilot werden wollen. Rund 12.000 Euro hatte er bereits in seine Pilotenausbildung investiert, Übungsflüge über Sardinien, Korsika und Italiens Festland absolviert, sechs Monate lang in Bournemouth sein Englisch aufpoliert, alles bezahlt aus eigener Tasche. Dann begann Alitalias Sturzflug. Bei der Fluggesellschaft gab es Entlassungen, Einsparungen. Die Insolvenz drohte.

          Mit Turnschuhen und Kapuzenpulli steht Murru heute auf einer Schafsweide, um ihn herum frisch geborene Lämmer, Schafskötel, Steine. Weitere rund 65.000 Euro hätte die Ausbildung zum Piloten ihn kosten sollen, und ob er danach auch eine Stelle bekommen hätte in der Luftfahrt, das war ungewiss. Murru bückt sich, nimmt ein Lamm auf den Arm, auf dem kleinen Kopf klebt noch das frische Blut von der Geburt. Sein Vater hatte 400 Schafe. Die Frage, ob er den Alltag mit den Tieren tatsächlich wollte auf seiner Heimatinsel Sardinien, stellte er sich lange. Dort bleiben oder gehen?

          Jeder zweite Sarde unter 35 ist arbeitslos. „Aus meinem Dorf“, sagt Murru, „haben neun von zehn aus einem einzigen Jahrgang die Insel verlassen.“ Eine ganze Generation werde um ihr Lebensglück betrogen, mahnte der Papst in Sardiniens Hauptstadt Cagliari vor einigen Jahren. Murru blieb schließlich und wurde wie sein Vater und Großvater auch Schäfer. In Assolo, einem 300-Seelen-Dorf mit niedrigen Häusern, vom Wind verbogenen Bäumen, mit einer einzigen Bar ohne Namen. In einer Landschaft so weit, karg und wild, dass einen Stadtmenschen die Sehnsucht zum Auswandern packt.

          Hirten prägen Kultur, Geschichte und Politik

          In kaum einer anderen Region haben Hirten die Kultur, Geschichte und Politik so geprägt wie auf Sardinien, wo die Ureinwohner, die Nuragher, bereits vor rund 3000 Jahren als Hirten lebten, sich heute rund 1,6 Millionen Menschen mit mehr als doppelt so vielen Schafen die Insel teilen. Wo ein ganzes Hirtendorf gegen den italienischen Staat revoltierte, als der ihr Weideland zum Truppenübungsplatz umwandeln wollte, und wo Schäfer über Jahrtausende als Halbnomaden lebten, jedes Frühjahr mit ihren Herden zu Fuß in die Berge und im Herbst zurück in die Täler zogen, die frisch geborenen Lämmer auf dem Rücken trugen, monatelang in Hütten aus Wacholderzweigen lebten und nachts wachten, damit nicht Viehdiebe oder Füchse ihre Schafe stahlen. „Klar spür ich diese Tradition“, sagt Murru.

          Heute sind Sardiniens Hirten sesshaft geworden. Murru steht mit seinem Bruder im Schafstall. Neben ihnen ein Freund mit Hipsterbart und Piercing im Ohr, er will in Assolo Wein anbauen, ganz von null anfangen. Hört man den Männern zu, spürt man in dem Stall plötzlich eine Stimmung wie in einer Start-up-Garage, eine Mischung aus Aufbruch, Ideen und Rebellion. Die Abwanderung spornt diese jungen Männer nur an. „Die Häuser sind billig, die Lebenshaltungskosten gering, es gibt auch noch Mädchen“, sagen die drei und lachen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Söder und Kretschmer : Mehr impfen, auch im Supermarkt

          Bayern und Sachsen verlangen, dass mehr Impfstoff in die von Corona stark betroffenen Grenzregionen geliefert wird. Vor der nächsten Konferenz mit der Kanzlerin warnen die Ministerpräsidenten vor einem „Öffnungsrausch“.
          Recep Tayyip Erdogan bei der Verkündung des türkischen Raumfahrtprogramms am 9. Februar in Ankara

          Brief aus Istanbul : Erdogans Mondfahrt

          Mit einem „Wahnsinnsprojekt“ und „historischen“ Schritten kämpfte der türkische Präsident um die Wählergunst. Doch selbst seine „frohen Botschaften“ werden zum Fiasko und kosten Menschenleben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.