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Auswandern aus Polen : Der kurze Weg nach Westen

  • -Aktualisiert am

Fleischgewordener Strukturwandel: Marta Szuster in Gartz Bild: Jan Ludwig

Einwanderer aus Polen lassen ganze Dörfer in Brandenburg wieder aufblühen. In ihrem Heimatland werden sie dagegen oft schmerzlich vermisst. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

          8 Min.

          Für mich“, sagt Marta Szuster, „ist das hier nicht der Arsch der Welt. Sondern der Anfang.“ Szuster steht mitten in einem Gebiet, das einst immer mehr Menschen verließen. Schulen schlossen, die Arbeitslosigkeit stieg bedrohlich, Häuser verfielen. Doch Szuster, gesprochen wie „Schuster“, ist aus freiem Willen hierher gezogen. Aus einem Ort ohne Perspektive ist auch mit ihrer Hilfe eine wieder aufblühende Region geworden. Dank ihr - und vielen anderen Polen.

          Wer mit Szuster durch Gartz in Brandenburg fährt, erhält ein Kurzseminar in lebendigem Strukturwandel. Szuster zeigt nach links und rechts: Hier haben Polen ein Restaurant übernommen. Dort sind Polen frisch eingezogen. Das Haus hier haben Polen renoviert. Das „Alte Zollhaus“, Hotel und Gaststätte, auch polnische Besitzer, wirbt mit dem Spruch: „The first or last place in Germany on the Oder.“ Szuster schmunzelt. Das ist ihr Ort.

          Rund 15 Prozent der Gartzer Einwohner stammen aus Polen. Gartz mag in dieser Hinsicht ein Extremfall sein, aber es zeigt eine Tendenz, vor allem in Brandenburg: Aus Polen kommen die meisten Einwanderer in Deutschland. Polen gründen die meisten Unternehmen in Deutschland. Polen stellen die größte Zahl ausländischer Studenten in Berlin, ebenso wie die Hälfte aller neu eingebürgerten EU-Bürger in Mecklenburg-Vorpommern. Dort und in den überalterten Orten Brandenburgs sind es Polen, die die Dörfer verjüngen. Polen wie Marta Szuster.

          Ein wenig hektisch steht sie nun am Herd, Sohn und Tochter müssen noch in den Kindergarten gebracht werden. Auf den Platten steht schon das Essen für den Mittag. Polnische Rote-Bete-Suppe, mit Kartoffeln und viel saurer Sahne. Zum Frühstück gibt es süße Omeletts. Sonst wird man ja nicht satt, sagt Szuster.

          Das Durchschnittsalter hat sich seit den Achtzigern verdoppelt

          Eine Frau wie Szuster fällt in dieser Gegend auf. Nicht wegen ihrer langen blonden Haare. Nicht wegen ihres Alters von 35 Jahren. Aber wenn, wie heute, ihr Nachbar vorbeikommt und einen geliehenen Film zurückbringt, sagt er: „Echt jut. Den musste am besten zweemal kieken.“ Dass Szuster gebürtig aus dem Ausland kommt, merkt man daran, dass sie in dieser Gegend Hochdeutsch spricht.

          Gartz an der Oder, das heißt: Alleen, Jägerzäune, Storchennester. Brandenburg ist hier ganz bei sich selbst. Und das heißt auch: nicht mehr ganz beieinander. Aus den Dörfern und Städten zogen in den vergangenen Jahren Zehntausende junge Familien weg. Schwedt, die nächstgrößere Stadt in Brandenburg, hatte einst 50.000 Einwohner, heute 30.000. Es werden immer weniger. Das Durchschnittsalter in Schwedt hat sich seit den Achtzigern verdoppelt.

          Es ist, als hätte man Brandenburg nach der Wiedervereinigung auf eine Insel der Unfruchtbarkeit verfrachtet und vor sich hin altern lassen. Ein demographisches Institut in Berlin schlug 2007 in einer Studie vor, schrumpfende Dörfer aufzugeben und der Natur zu überlassen. Füchse und Wildschweine als demographische Lösung?

          Es waren Menschen wie Szuster, die diesen Trend zumindest aufzuhalten halfen. Im Kindergarten von Gartz waren im vergangenen Jahr 68 Kinder gemeldet. 33 Kinder haben deutsche Eltern, 35 haben polnische. Rosow, ein Ortsteil von Gartz, ist zu einem Drittel polnisch - so viele Bewohner sind in den letzten Jahren nach Deutschland gezogen. Häuser und Wohnungen sind oft günstiger als in ihrem Heimatland, Lebensmittel auch, die Löhne aber höher - oder der Arbeitsweg ins prosperierende Stettin nicht weit.

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