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Jugendliche in der Krise : „Viele haben Angst, den Anschluss zu verlieren“

Gerade das Pensum im Homeschooling bereitet vielen Jugendlichen sorgen, berichtet Eckert. Bild: dpa

Kinder und Jugendliche belastet der zweite Lockdown besonders, sagt Psychologin Melanie Eckert. Sie berät junge Menschen via Chat und rechnet über die Feiertage mit besonders vielen Krisensituationen.

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          Frau Eckert, Sie sind als psychologische Leitung bei dem Start-Up Krisenchat.de tätig, ein Chatangebot, das rund um die Uhr für Kinder und Jugendliche erreichbar ist. Mit welchen Problemen wenden sich junge Menschen derzeit an Sie?

          Julia Anton
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Das Spektrum ist sehr breit: Von Liebeskummer über Depressionen, Konflikte in der Familie, aber auch Themen wie Cybermobbing und Outing ist alles dabei. Mit dem zweiten Lockdown nehmen gerade viele Ängste zu, das merken wir. Am Nachmittag, als die Verschärfung des Lockdowns verkündet wurde, haben wir besonders viele Nachrichten erhalten. 

          Sind es vor allem die Folgen des Lockdowns oder die Angst vor Ansteckung, die Kinder und Jugendliche beschäftigen?

          Ansteckung ist auch ein Thema, in erster Linie sind es aber die Begleitumstände des Lockdowns: Fälle von häuslicher und sexueller Gewalt an Kindern haben im Lockdown nachweislich zugenommen, das merken wir auch in den Chats. Aber es sind natürlich auch Fragen wie: Wann sehe ich meine Freunde wieder? Wann kann ich in meinen geregelten Alltag zurück? Schaffe ich das Schulpensum? Wie Kinder und Jugendliche im Homeschooling begleitet werden, ist ja sehr unterschiedlich. Viele haben die Sorge, den Anschluss zu verlieren. Gerade für ohnehin belastete Kinder und Jugendliche sowie ihre Familien sind all diese Unsicherheiten ein zusätzlicher Stressfaktor. Zudem fallen wichtige Personen und Bezugspunkte, die ihnen sonst im Alltag Struktur und Halt geben, weg: die Schule, Sportvereine, Verwandte und Freunde. In einigen Fällen bricht auch die Anbindung zu therapeutischen Hilfsangeboten weg, was besonders destabilisierend ist und die Betroffenen vor große Herausforderungen stellt.

          Melanie Eckert arbeitet als Psychologin in Berlin und ist Mitgründerin von krisenchat.de.
          Melanie Eckert arbeitet als Psychologin in Berlin und ist Mitgründerin von krisenchat.de. : Bild: privat

          Die vergangenen Monate waren auch für Jugendliche ein Auf und Ab. Haben die Sorgen in der Zeit zugenommen oder sich verändert?

          Unser Angebot gibt es ja erst seit Mai, deswegen haben wir keinen Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie. Insbesondere seit vergangener Woche erhalten wir aber deutlich mehr Chatanfragen. Wir merken, dass besonders psychisch vorbelastete Kinder und Jugendliche unter den anhaltenden Einschränkungen leiden. Auch die Zahl derjenigen, die suizidale Gedanken im Chat äußern, ist gestiegen: Im Juli waren es zwölf Prozent, aktuell sind es 22. Es wird uns auch vermehrt von häuslicher und sexueller Gewalt berichtet als noch im Sommer. Das hängt aber auch damit zusammen, dass unser Angebot immer bekannter wird.

          Rechnen Sie über die Feiertage also mit mehr Kindern und Jugendlichen in Krisensituationen?

          Leider ja. Wir haben unsere Besetzung über die Feiertage verdoppelt. Die Weihnachtsfeiertage sind oft emotional sehr aufgeladen und mit vielen familiären Erwartungen verbunden, das birgt Konfliktpotenzial. Durch das kalte Winterwetter und den Lockdown sind gerade Jugendliche, die ohnehin unter häuslicher Gewalt leiden, alleine mit den Tätern. Außerdem fallen entlastende Gewohnheiten wie der Besuch bei der Oma oder der Tante weg.

          Wie reagieren Sie, wenn Kinder und Jugendliche von Gewalt oder Suizidgedanken berichten?

          Für diese Fälle haben wir ein Kinderschutzkonzept und Leitfäden mit Experten erarbeitet. Gemeinsam mit einem ebenfalls rund um die Uhr tätigen Hintergrunddienst schauen wir in jedem Fall einzeln an, was notwendig ist, um das Leben und die Gesundheit der Betroffenen zu schützen. Je nach Fall kann das sein, die Kinder und Jugendlichen dabei zu unterstützen, sich an eine Person ihres Vertrauens oder Beratungsstelle zu wenden, die sie langfristig begleiten kann, oder sich im akuten Notfall sogar einen Rettungswagen oder die Polizei zu rufen. Alternativ bieten wir auch an, das für sie zu übernehmen.

          Anders als etwa bei der Nummer gegen Kummer ist Ihr Angebot ausschließlich via Chat erreichbar. Warum?

          Chat ist das Kommunikationsmedium von Kindern und Jugendlichen, zum Telefonhörer zu greifen ist für viele eine Barriere. Im Chat haben wir – das sind 160 Ehrenamtliche mit psychologischem Hintergrund – die Möglichkeit, sofort zu antworten. Krisen kennen keine Sprechzeiten. Unser Angebot soll so niedrigschwellig wie möglich sein, ist deshalb auch rund um die Uhr und vertraulich erreichbar. Gerade für schambehaftete Themen ist das wichtig. Tatsächlich berichtet uns die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, dass sie gerade zum ersten Mal über ihre Probleme sprechen. Das sind Menschen, die sonst in der Dunkelziffer verschwinden würden. Uns ist es dann wichtig, zu signalisieren: Wir nehmen dich ernst, haben Zeit, hören dir zu und überlegen gemeinsam, was ein erster Schritt zur Lösungsfindung sein könnte. Das ist dann natürlich ganz unterschiedlich: Manchmal geht es nur darum, wie man das Gespräch mit der Freundin suchen kann, mit der man Streit hat, oder wie man mit Stress um geht, manchmal aber auch darum, wie man gegenüber einer Bezugsperson ansprechen kann, dass man sich depressiv fühlt und wie man Kontakt zu einem Therapeuten aufnimmt.

          Gibt es auch Fälle, die Sie über längere Zeit begleiten?

          Nein, wir sind eine psychosoziale Krisenintervention und keine Psychotherapie oder langfristiger Beratungsersatz. Das kommunizieren wir auch, machen viel Psychoedukation und bieten Hilfe zur Selbsthilfe, klären also auf, welche Beratungs- und Hilfsangebote es gibt und vermitteln entsprechende Adressen. Es geht darum, ein offenes Ohr zu bieten, den Kindern und jungen Erwachsenen eine Hand zu reichen und gemeinsam den ersten Schritt aus der Krise zu gehen.

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