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Minderjährige Flüchtlinge : Jugend in der Warteschleife

Abhängen und die Zeit totschlagen: Wessen genaues Alter man nicht kennt, der ist für die Behörden „Geboren am 01.01.“. So hat der Münchner Fotograf Andreas Müller seine Fotoserie über junge Flüchtlinge benannt. Bild: Andreas Mueller/ Munich

Um minderjährige Flüchtlinge ohne Familie kümmert sich die Jugendhilfe – nachdem ihr Alter überprüft wurde. Das aber dauert. Eine belastende Situation mit unabsehbaren Folgen.

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          Noch stapeln sich die letzten Umzugskisten in dem Raum, der ursprünglich als Arbeitszimmer gedacht war. Aber ein Bett und ein Schrank stehen schon da. Einen Kinderschreibtisch hat Jasmin Mussmann gerade bestellt: das Modell eines hochwertigen französischen Herstellers, das für einen Grundschüler passt, aber auch einem Teenager gefallen könnte. „Das wird ihr Bad“, sagt die junge Frau, wenn sie im Flur der Vierzimmerwohnung eine Türe öffnet. Sie wirkt aufgekratzt.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Vortag waren die Fachleute von der Pflegekinderhilfe Steglitz-Zehlendorf da und haben die entscheidenden Dokumente aufgesetzt. Nachdem sich die Mussmanns (die in Wirklichkeit anders heißen) als erste Familie überhaupt in Berlin beim zuständigen Jugendamt gemeldet haben mit dem Angebot, ein Flüchtlingskind bei sich aufzunehmen, sind sie jetzt eine offiziell geprüfte Gastfamilie. Sie wissen, dass die meisten Minderjährigen, die ohne Eltern nach Deutschland gelangen, Jungs im Jugendalter sind. Aber weil ihre eigenen Kinder noch so klein sind, haben sie angegeben, dass sie ein Mädchen bevorzugen oder einen Jungen bis zehn.

          „Ab jetzt kann jederzeit der Anruf kommen“

          Milchiges Oktoberlicht scheint in die Küche, die Müslischalen stehen noch auf dem Tisch. Arne und Jasmin Mussmann erzählen, wie sie Spenden für Flüchtlinge gesammelt haben und das unbefriedigend fanden, ein Tropfen auf den heißen Stein. Jasmin spricht Arabisch, weil ihr Vater Palästinenser ist, sie hat prägende Kindheitserinnerungen an Bürgerkriegsnächte im Libanon. Und dann waren da das Extrazimmer in der neuen Wohnung und dieses Gefühl, dass das Glück und die Liebe in der Familie doch reichen müssten für einen Menschen mehr.

          Schon denken die Mussmanns darüber nach, wie sie eine Schule finden werden. Sie wissen, wo sie sich Hilfe holen können, falls ein Trauma das nötig macht. Weil Flüchtlinge nicht ins Ausland reisen dürfen, stellen sie sich darauf ein, auf Jahre hinaus den Familienurlaub am Mittelmeer zu streichen. Der Alltag mit kleinen Geschwistern, so hoffen sie, könnte das Einleben erleichtern und Sicherheit vermitteln. Und ganz gleich, ob sie eine Waise auffangen müssen oder das Kind schon bald an die nachgereisten Eltern abgeben – die Mussmanns fühlen sich bereit. „Ab jetzt kann jederzeit der Anruf kommen“, sagt Jasmin.

          Das ist jetzt fünf Monate her. Das zweite Kinderzimmer der Familie Mussmann gleicht heute einer Rumpelkammer. Der Schreibtisch ist immer noch nicht aufgebaut. Gelegentlich fragt die Dreijährige, wann denn endlich ihre große Schwester komme. Jasmin klingt bitter. „Es fühlt sich so ätzend an, nichts zu tun“, sagt sie. Auch die Dame von der Pflegekinderhilfe, die im Oktober bei den Mussmanns in der Küche gesessen hat, ist ratlos. Es tue ihr leid, sagt sie, dass dieses potentielle Zuhause bei „so engagierten und tollen Leuten“ keinem Kind zugutekomme. Insgesamt dreißig Familien hat die Organisation seit dem Herbst überprüft. Nur 14 Jugendliche seien vermittelt worden.

          „Das ist eine humanitäre Katastrophe“

          Und das nach einem Jahr, in dem Deutschland eine Million Flüchtlinge aufgenommen hat und auch die Zahl der unbegleiteten Minderjährigen explodiert ist. In Großstädten wie Hamburg, München und Frankfurt, auch in grenznahen Kommunen wie Rosenheim und Aachen, ist die Jugendhilfe in einem Maß gefordert, das vorhandene Kapazitäten sprengt und Mitarbeiter an ihre Grenzen bringt. Aber, wettert Niels Espenhorst, Referent beim Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge: „Was in Berlin passiert, das spottet jeder Beschreibung. Das ist eine humanitäre Katastrophe – ein Zusammenbruch rechtsstaatlicher Strukturen.“

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