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Schauspieler Ilyes Moutaoukkil : Der etwas andere Tim von TKKG

Auf Verbrecherjagt: Tim (Ilyes Moutaoukkil) und Polizistentochter Gaby (Emma-Louise Schimpf) Bild: © 2019 Warner Bros. Entertainment

Der 14 Jahre alte Ilyes Moutaoukkil spielt eine Hauptfigur in dem Kinofilm „TKKG – Jede Legende hat ihren Anfang“. Sein Auftritt entstaubt den Kinderbuchklassiker.

          6 Min.

          Tim weiß immer, was zu tun ist, er sagt Mädchen, wo es langgeht, und macht Witze über seinen Kumpel, der zu viel Schokolade isst. Fast jeder, der in den achtziger und neunziger Jahren aufgewachsen ist und in seinem holzvertäfelten Kinderzimmer unter dem Dach die Kassetten wechselte, kennt Tim und seine Freunde Karl, Klößchen und Gaby, kurz „TKKG“ genannt, eine der erfolgreichsten deutschen Jugendbuchreihen. Vor vierzig Jahren hat sich keiner etwas dabei gedacht, dass Tim ein Angeber ist, so war das halt mit Anführern. Aber heute?

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die moderne Version von Tim versinkt an diesem Mittag in den roten Ledersitzbänken des Café Einstein an der Berliner Kurfürstenstraße und bestellt eine Cola. Ilyes Moutaoukkil ist 14 Jahre alt, in Berlin aufgewachsen, trägt eine Zahnspange, die Baseballkappe nach hinten und hat seine Mutter mitgebracht. Er ist einer der Hauptdarsteller des Films „TKKG – Jede Legende hat ihren Anfang“, der ab Donnerstag in den Kinos zu sehen ist.

          Als Ilyes 2004 auf die Welt kam, war die Jugendbuchreihe „TKKG“ schon ein Klassiker und Kinder unterteilt in diejenigen, die „TKKG“ oder die „Die drei ???“ mochten – das Stones-versus-Beatles-Phänomen in der Kinderliteratur. Die Bücher von „TKKG“, 1979 von Rolf Kalmuczak unter dem Pseudonym Stefan Wolf erfunden, haben sich 14 Millionen Mal und die Kassetten und CDs 33 Millionen Mal verkauft. Manch ein Fan, der sich als Erwachsener die Hörspiele wieder vornahm, fand sie aus der Zeit gefallen, auch wenn neuere Fassungen leicht modernisiert wurden, indem die Kinder zum Beispiel schon Handys haben.

          Ilyes wuchs völlig unbeeinflusst davon auf. „Ich war der Einzige am Set, der ,TKKG‘ vorher nicht kannte“, sagt er fröhlich im Interview. Zum Casting war er durch Zufall gekommen, weil seine Mutter über eine Freundin gehört hatte, dass man seit Monaten Kinder für einen Abenteuerfilm caste. Ilyes kam, spielte und hatte die Rolle, seine erste als Hauptdarsteller.

          Zwei Stunden Schule?

          Dann kamen 40 Tage Ausnahmezustand, die er so beschreibt: „Du stehst um sechs Uhr auf, machst dich fertig, fährst zum Dreh, arbeitest sechs, sieben, mit Genehmigung auch mal acht Stunden lang, gehst dann nach Hause, machst zwei Stunden Schule und musst dann noch den Text für den nächsten Tag lernen, dann wieder schlafen.“

          Zwei Stunden Schule? Tatsächlich, weil die Dreharbeiten in der Schulzeit stattfanden, war er zwar beurlaubt, musste aber abends mit den Lehrern skypen, um das Verpasste nachzuholen. „Das hat mich schon Überwindung gekostet, sich dann noch hinzusetzen und zwei Stunden Mathe zu machen“, gibt er zu und ergänzt dann schnell, als solle ja kein falscher Eindruck entstehen: „Es hat alles trotzdem großen Spaß gemacht.“

          Ilyes ist mit 14 Jahren schon ein Profi. Zum Film kam er mit vier Jahren, das war 2009. Damals war sein acht Jahre älterer Bruder Emilio, der später als Tarik in den „Bibi & Tina“-Verfilmungen bekannt werden sollte, für die Rolle des jungen Rappers Bushido in „Die Zeiten ändern dich“ engagiert worden. Die Produzenten suchten noch jemanden für die Rolle des Bushido als Kleinkind. „Sie haben doch noch einen kleinen Sohn?“, wurde Ilyes’ Mutter Meryem Moutaoukkil gefragt. Den aber hielt die Mutter für wenig geeignet. „Ihn hat die Kamera nie interessiert, jedenfalls nicht so wie seinen Bruder. Er hat damals bei Hertha gespielt. Und ich dachte: Okay, der wird ein Fußballer“, erzählt sie beim Interview. „Er muss fast nichts machen“, hieß es dann. Also probierten sie es aus.

          Es waren nur wenige Drehtage. Ilyes musste unter anderem zugucken, wie seine Film-Mutter geschlagen wird. „Sie haben ihm gesagt, dass es nur ein Spiel sei, doch dann hat er ziemlich Angst bekommen, und das haben sie dann gefilmt“, erzählt seine Mutter. „Ich sollte weinen, und dann habe ich wirklich geweint, weil ich Angst hatte“, ergänzt Ilyes. „Du hast nicht geweint“, korrigiert ihn seine Mutter. „Doch, ich habe geweint.“ – „Nein.“ – „Das hast du mir sehr oft erzählt, dass ich geweint habe.“ Egal, ob er vor zehn Jahren geweint hat oder nicht, gespielt hat er offenbar gut, denn der Regisseur Robert Thalheim sagte später zu seiner Mutter: „Ilyes ist ein Schauspielerkind.“

          Danach wurden Castings zur Routine für ihn, kleine Rollen im „Tatort“ oder in dem letzten „Bibi & Tina“-Film „Tohuwabohu Total“, in dem wieder sein Bruder Emilio mitspielte, der sich mittlerweile vom Mädchenschwarm zum ernstzunehmenden Schauspieler entwickelt hat. Holt sich Ilyes Tipps von ihm? „Nö, wir haben unsere Karriere ja zur gleichen Zeit gestartet“, sagt er und klingt selbstbewusst.

          Mit „TKKG“ könnte seine Karriere eine neue Stufe erreichen. Der Film hat den Klassiker modernisiert. Gaby, die in der Originalfassung die Freundin von Tim ist, ihren Hund liebt, hübsch aussieht und nicht dabei ist, wenn’s brenzlig wird, ist jetzt nicht mehr das Anhängsel, sondern forsch und selbstbewusst und sagt schon mal zu Tim: „Machst du hier einen auf Tarzan?“ Eine Anspielung darauf, dass Tim in den ersten 32 Folgen der Jugendbuchreihe Tarzan genannt wurde, was aber aus markenrechtlichen Gründen danach untersagt wurde.

          Wollen Kinder heute noch Abenteuer erleben?

          Ilyes ist eher so etwas wie der Anti-Tim, schon deshalb, weil seine Mutter aus Marokko stammt und es in der alten Bundesrepublik keine Helden gab, die einen Migrationshintergrund hatten. Mit Ilyes ist „TKKG“, das vielen Fans beim Wiederhören so unzeitgemäß erscheint, im neuen Jahrtausend angekommen, wenn auch Kostüme und Ausstattung des Films für alle Nostalgiefans an die Achtziger angelehnt sind.

          Aber wollen Kinder heute überhaupt noch Abenteuer erleben? „In dem Alter, in dem die TKKGler sind, so mit zwölf, glaube ich nicht mehr“, sagt Ilyes, „aber im Kindergarten- oder Grundschulalter kann ich mir das schon vorstellen. Das habe ich damals jedenfalls gemacht. Das ist allerdings schon ein bisschen her. Mittlerweile sehe ich Erstklässler, die mit einem Iphone-X rumlaufen und Gucci tragen, die hauen Sprüche raus, das finde ich schon ein bisschen ätzend.“

          Die „TKKG“-Bande auf der Suche nach dem Bösewicht: Gaby (Emma-Louise Schimpf), Karl (Manuel Santos Gelke), Klößchen (Lorenzo Germeno) und Tim (Ilyes Moutaoukkil, v.l.n.r.).

          Und was hat Ilyes mit Tim, dem Mathegenie und Tausendsassa gemeinsam? Ein kleiner Fragebogen.

          Hast du in Mathe und Physik eine Eins?

          „Nicht wirklich.“

          Bist du der Anführer in der Klasse?

          „Unter Freunden bin ich eher der Anführer als in der Klasse. In der Klasse gibt es keine Anführer. Da herrscht nicht mal Demokratie, da ist eher jeder für sich.“

          Machst du Kampfsport?

          „Ich habe früher sehr lange Karate gemacht, mittlerweile boxe ich. Ich würde gerne wieder Karate anfangen, aber ich komme nicht dazu.“

          Bist du gerne der Beschützer von Mädchen?

          „Ja. Da bin ich ähnlich wie Tim. Ich habe mehr Mädchenfreunde als Jungsfreunde. Mit Mädchen habe ich mich immer gut verstanden. Früher war das nicht dieses ,In-love-Mäßige’, sondern eher kumpelmäßig. Natürlich braucht man auch mal Zeit mit den Jungs. Mit denen kann man mehr Quatsch machen.“

          Ilyes ist im Stadtteil Wilmersdorf aufgewachsen. Als Kind streunte er herum und kletterte überall drauf, was ihm in die Quere kam. Heute ist er auch Parkourläufer, die egal wo sie sind versuchen, alle Hindernisse zu überqueren. „Mittlerweile – Mama muss jetzt mal weghören – ist es so, dass ich mich auf Dächer rauftaste“, erzählt er, „und manchmal klettern wir auch auf Baustellen rum.“ Also da, wo auf Schildern steht: „Betreten verboten. Eltern haften für ihre Kinder.“ Seine Mutter trägt es mit Fassung und lacht. Auch im Film gibt es eine Szene, in der er über mehrere Dächer flüchtet. „Die war toll“, sagt er, „aber ich durfte sie leider nicht selbst spielen. Ich habe es trainiert, aber dann war es kalt und nass, das war zu gefährlich.“

          Ilyes ist ehrgeizig und liebt die Herausforderung. Im Interview redet er ohne Scheu munter drauflos, andererseits sagt er auch, dass er viel zu oft im Mittelpunkt stehe, „was ich nicht mag“. Eine Szene im Film hat ihm deshalb besonders zu schaffen gemacht. Als Undercover-Detektiv muss er in Frauenkleidern auftreten. „Erst haben wir die Szene in normalen Klamotten geprobt, dann mit Perücke, da war noch alles gut, bis dann das Kleid und diese Leggings kamen. Wenn einer sagt, ich sehe da gut aus, ist das für mich kein Kompliment. Das ist für keinen Jungen so.“ Die Blicke waren ihm „voll unangenehm“ und dass alle lachten. „Das war auch der Grund, warum ich den Film nicht meiner Klasse zeigen wollte.“

          Ein ganz normaler Junge

          Gut möglich, dass nach dem Film seine Fangemeinde, gerade bei Mädchen, größer wird. Schon jetzt bekommt er manchmal Briefe mit Herzen. „Aber die meisten melden sich über Instagram. Ich habe 7000 Abonnenten. Die schreiben: Hallo, wie geht’s? Am Anfang, das war kurz nach ,Bibi & Tina‘, habe ich da immer drauf geantwortet und auch Nummern ausgetauscht, das war schlimm. Das mache ich heute nicht mehr.“

          Mit 14 Jahren ist er nicht mehr der unschuldige Kleine; er weiß, wo es langgeht. Im Moment hänge er in zwei Castings. Und wonach entscheidet er? „Ich liebe Herausforderungen. Ich frage mich immer bei jedem Angebot: Gibt es eine? Wenn ja, nehme ich an.“ Die Professionalisierung hat aber auch Nachteile: „Früher habe ich beim Drehen die Kamera vergessen und habe es so gespielt, als wäre die Szene echt. Mittlerweile ist das anders, da spiele ich eher.“ Und was macht ein 14-Jähriger, wenn der Dreh vorbei ist? In ein Loch fallen, wie es den erwachsenen Schauspielern oft passiert? Dazu kann es nicht kommen. Nach dem „TKKG“-Dreh ging es übergangslos mit der Schule weiter. „Ich dachte, es würde bestimmt schwierig, wieder reinzukommen“, erzählt er, „aber alle haben mich mit offenen Armen empfangen. Das hätte ich nicht so krass erwartet.“

          Dann ist Ilyes wieder der ganz normale Junge. Und will es auch sein. Wenn seine Kumpels, um ihn zu ärgern, das Lied laufen lassen, das er im „Bibi & Tina“-Film gesungen hat, nerve ihn das ziemlich, sagt er und denkt kurz nach: „O Gott, ich freu’ mich schon, wenn das Bild von mir im Kleid in der Klasse rumgeht.“

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