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Auschwitz-Überlebende : „Ich bin nicht mehr passives Opfer“

Auch dem SS-Mann Oskar Gröning sprach Eva Mozes Kor ihre Vergebung aus. Andere Überlebende kritisierten das stark.

Im letzten Jahr sind Sie zu dem Prozess gegen Oskar Gröning nach Lüneburg gefahren und haben dort eine Erklärung verlesen, dass Sie Gröning vergeben. Auch dafür wurden Sie von den anderen Überlebenden kritisiert.

Ich glaube wirklich, dass die anderen Überlebenden falsch lagen. Ich war bereit, mit ihnen zu sprechen und ihnen zuzuhören. Manche sagten mir: „Du hast uns wehgetan.“ Ich habe immer gesagt: „Eure Aussage steht doch nicht in Zweifel. Euer Schmerz auch nicht. Wie genau habe ich Euch wehgetan?“ Darauf hatten sie nie eine Antwort.

Weshalb sind Sie überhaupt zu dem Prozess gefahren?

Eigentlich wollte ich gar nicht dorthin. Ich hatte anderes zu tun, ich dachte, ich habe vergeben, ich will damit nichts zu tun haben. Ein Anwalt kam und hat mich überredet. Und dann dachte ich mir: Ich kann in einem deutschen Gerichtssaal sitzen, umgeben von deutschen Richtern, die mich mit Respekt behandeln. Die Idee gefällt mir! Aber ich dachte auch: Was die deutschen Richter tun, ist nicht gut. Niemandem hilft es, einen 94 Jahre alten Mann ins Gefängnis zu stecken. Also wandte ich mich an das Gericht und bat, Gröning Sozialdienst als Strafe zu geben, damit er jungen Leuten erzählen muss, was geschehen ist. Dass es furchtbar war in Auschwitz und dass es niemandem etwas gebracht hat. Es hat nur Schmerz gebracht, auch dem deutschen Volk. Was soll Gröning im Gefängnis, wenn er öffentlich Zeugnis ablegen könnte? Aber es stimmt nicht, dass ich dafür plädiert hätte, mit der Strafverfolgung aufzuhören. Das wurde mir ja auch vorgeworfen. Ich habe nur gesagt, dass es keinen Sinn macht, den alten Mann ins Gefängnis zu werfen.

Glauben Sie, dass es anderen Auschwitz-Überlebenden geholfen hätte, wenn die deutsche Justiz die Täter konsequenter verfolgt hätte?

Die deutsche Justiz hat lange versagt. Das ist schlimm. Aber ich habe mich schon immer gefragt: Was, wenn jeder Nazi gehängt wäre? Würde das mein Leben ändern? Ich wäre immer noch eine Waise seit meinem elften Lebensjahr, mit unglaublichen gesundheitlichen Problemen, ich könnte trotzdem nie wieder jemanden Mama oder Papa nennen, weil ich weder Mama noch Papa habe. Mir hätte es nicht geholfen.

Warum glauben Sie, dass in Deutschland selbst noch viele junge Menschen ein Gefühl von Schuld haben, wenn es um den Holocaust geht?

Weil sie dazu erzogen wurden. Ich glaube, niemand weiß so recht, wie man mit den alten Wunden umgehen kann. Es belastet die Menschen in Deutschland, es belastet die ganze Welt! Aber ich sage den Jugendlichen: Ihr solltet stolz sein. Deutschland ist das einzige Land, das Verantwortung für seine Vergangenheit übernommen hat. Und dann frage ich immer: „Warum verschwendet ihr eure Energie darauf, euch schuldig zu fühlen für etwas, das ihr nicht getan habt? Nehmt die Energie lieber, um etwas Gutes zu tun!“

In Ihrem Buch „Die Macht des Vergebens“ schreiben Sie sogar von Selbstmitleid.

Ja. Niemand will gerne Nazis als Vorfahren haben. Das haben sich die jungen Leute nicht ausgesucht. Aber niemand sucht sich aus, wohin er hineingeboren wird. Dafür hat jeder die Wahl, wie er damit umgeht: Anstatt sich in Selbstmitleid oder Wut zu ergehen, kann man diese Gefühle nehmen und versuchen, ein guter Mensch zu werden und Gutes zu tun. Ganz egal was! Besuchen Sie alte Menschen zu Hause und verbringen Sie Zeit mit ihnen - das wäre doch ein schönes Projekt für Leute, die sich schuldig fühlen. Eine Stunde im Monat etwas Gutes tun, um die Opfer des Nazi-Regimes zu ehren. Oder heben Sie Müll von der Straße auf. Ich mag es nicht, wenn die Straßen dreckig sind. Heben Sie etwas auf und reden Sie gar nicht darüber. Tun Sie es nur für sich!

Zur Person

Eva Mozes Kor, geboren 1934 in Portz in Siebenbürgen, wurde 1944 mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert. Ihre Eltern und die beiden älteren Schwestern wurden in den Gaskammern ermordet. Nur Eva und ihre Zwillingsschwester Miriam überlebten, weil sie für medizinische Versuche von Josef Mengele missbraucht wurden. 1950 siedelten beide nach Israel über, wo Eva einen amerikanischen Holocaust-Überlebenden heiratete und mit ihm nach Terres Hautes, Indiana, zog. Miriam starb 1993, auch Eva leidet bis heute an den schweren gesundheitlichen Folgen der medizinischen Versuche. Auf Deutsch ist ihr Buch „Die Macht des Vergebens“ erschienen.

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