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Auschwitz-Überlebende : „Ich bin nicht mehr passives Opfer“

Ja, ich war ein gutes Opfer. Ich war wütend auf die Welt. Auch auf die Welt, in der ich damals lebte. Und sogar auf meine Eltern, die es nicht geschafft hatten, mich vor Auschwitz zu bewahren! Ich habe mich in meine Rolle gefügt. Irgendwann wird die Wut ein Teil der eigenen Identität. Aber Hass und Wut schaden einem selbst am meisten. Durch die Vergebung kann man sich davon lösen.

Sie wollen also die Fesselung an die Täter lösen?

Ja, die Fesselung an die Vergangenheit. Endlich nicht mehr nur darum zu kreisen. Das heißt nicht, dass man die Vergangenheit vergisst. Auf gar keinen Fall! Aber man bekommt eine Distanz dazu. Man muss versuchen, etwas Positives daraus zu ziehen, anstatt an der Wut festzuhalten.

Eva Mozes (rechts) am Tag der Befreiung von Auschwitz, am 27. Januar 1945.

Von anderen Auschwitz-Überlebenden wurden Sie oft dafür kritisiert, dass Sie den Tätern öffentlich vergeben haben. Verstehen Sie das?

Ich verstehe es, aber sie tun mir leid. Ich weiß, wie es sich anfühlt, ein Opfer zu sein. Da ist nichts Gutes dran. Aber jeder muss sich selbst befreien und seinen eigenen Weg finden. Man kann die Vergangenheit nicht ändern, also muss man sie akzeptieren. Das einzige, was ich kontrollieren kann, ist mein eigenes Verhalten. Also muss ich damit etwas tun, um mich zu befreien. Ich sage immer: „Versucht es einfach mal, meine Methode kostet nichts!“ Aber es ist eine interessante Frage, warum die anderen Überlebenden wütend auf mich sind. Sie sagen: Weil ich öffentlich gemacht habe, dass ich vergebe. Aber ich habe immer nur für mich selbst gesprochen.

In Ihrem Buch geben Sie den Ratschlag, zur Vergebung einen Brief an den Peiniger zu schreiben, ihn aber nicht abzuschicken. Warum?

Ich muss Ihnen eine Geschichte erzählen: Eine Freundin von mir wurde vergewaltigt. Nachdem sie mit mir gesprochen hatte, entschied sie sich, dem Mann zu vergeben, und schrieb ihm einen Brief. Ein Brief ist gut, um alles zu ordnen. Aber ich hatte vergessen, ihr zu sagen, dass sie den Brief niemals abschicken darf. Der Mann hat dann plötzlich geantwortet: „Jetzt muss ich Dir vergeben, dass Du mich ins Gefängnis gebracht hast und ich fünf Jahre hier sitze.“ Daher ist das eine Regel: Schicken Sie niemals den Brief ab! Treten Sie nicht wieder in eine Beziehung zu dem Täter, das ist eine toxische Beziehung. Der Brief ist nur für Sie selbst!

Also geht es bei Ihrer Art des Vergebens nur um das Opfer, nicht um den Täter?

Absolut. Was mit dem Täter geschieht, ist sein Problem. Die Opfer haben genug, womit sie klarkommen müssen. Ich glaube übrigens auch nicht, dass das Opfer viel für den Täter tun kann. Niemand, der etwas Schlechtes getan hat, stellt sich vor einen Spiegel und sagt: „Ich bin so stolz darauf.“ Wenn sie etwas Schlechtes tun, verletzen sie ihr eigenes Herz. Das kann das Opfer nicht für den Täter lösen. Der muss selbst herausfinden, wie er es für sich wiedergutmachen kann. Wahrscheinlich müsste er viel Gutes tun, um mit sich wieder ins Reine zu kommen. Mir geht es darum, dass ich auf der Welt keine Opfer mehr sehen will. Diejenigen, die zu Opfern wurden, sollten nicht dazu verurteilt sein, ihr Leben lang Opfer zu bleiben. Wir sollten ihnen eine Möglichkeit geben, sich selbst zu heilen. 

Auch im Christentum spielt Vergebung eine zentrale Rolle. Wenn man Ihnen zuhört, könnte man denken, dass sie ein Heilmittel für viele Wunden wäre. Warum hat das in der Geschichte bisher nicht funktioniert?

Ich bin nicht katholisch. Aber ich glaube, dass ihre Vergebung nur halb so gut ist wie meine, oder noch nicht mal halb so gut. Weil die Menschen es nur tun, um dem religiösen Dogma zu folgen. Es kommt nicht aus dem Inneren. Das trifft sicher nicht auf alle zu, aber auf die meisten. Und die heilsame Wirkung wird meist nicht verstanden. Viele Leute verstehen nicht, wann es wirklich nützt. Ich habe in keiner Religion etwas dazu gefunden, was Opfer selbst machen können, um nicht mehr Opfer zu sein. Etwas, was sie heilen würde.

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