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Ulrich Wickert zum 80. : Man muss schon mutig sein, um von Franzosen akzeptiert zu werden

Wurde am 2. Dezember 1942 in Peking geboren: Ulrich Wickert Bild: dpa

Sein Abschiedsgruß in den „Tagesthemen“ wurde zum Markenzeichen: Man möge eine „geruhsame Nacht“ verbringen. Dem Journalisten Ulrich Wickert zum 80. Geburtstag.

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          „Zur Zeit ist seine Spitze abgerissen, um einer neuen und größeren Haube Platz zu machen. Der Turm wird dann ungefähr 320 Meter hoch sein“, schrieb der Autor über den Eiffelturm. Bei seinen launig geschilderten Eindrücken aus der französischen Hauptstadt erlaubte er sich auch gleich noch einen kleinen Scherz. Auf dem ersten Stockwerk des Eiffelturms, so der Autor, gebe es ein Restaurant, „in dem die feinen Pariser essen, damit sie den Turm selber nicht mehr sehen müssen“.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Ja, dieser Autor war Ulrich Wickert. Aber es war nicht der Ulrich Wickert, der den Deutschen als ARD-Korrespondent von 1984 bis 1991 die Franzosen auf unnachahmlich charmante Art näherbrachte. Und es war auch nicht der Ulrich Wickert, der in seinem „Tagesthemen“-Jahren von 1991 bis 2006 den Zuschauern die Nachrichten so fein servierte, dass sie die unbekömmliche Weltlage kaum noch sehen mussten.

          Der begeisterte und doch auch ironisch gebrochene Paris-Artikel erschien in der Wochenend-Ausgabe vom 20./21. Juli 1957 auf der Jugendseite der Heidelberger „Rhein-Neckar-Zeitung“. Da war Ulrich Wickert gerade einmal 14 Jahre alt, und sein Nachname war noch nicht so wichtig wie sein Vorname, weshalb der Artikel den schönen Titel „Ulrich bestieg den Eiffelturm“ trug.

          Er war schon früh auf Paris geeicht

          Schon früh also war er auf Paris geeicht. Sein Vater, der Diplomat Erwin Wickert, der nach dem Krieg mit seiner Familie als freier Schriftsteller in Heidelberg gelebt hatte, bekam vom Auswärtigen Amt einen Posten an der deutschen NATO-Botschaft in Paris. Im Mai 1956 zog die Familie von Heidelberg nach Meudon, einen Vorort in den Hügeln. Von seinem Schlafzimmer aus konnte der Junge den Eiffelturm sehen. Da lag das Thema nahe. „Ich war stolz wie Bolle“, schrieb Wickert vor zwei Jahren im F.A.Z.-Magazin über seinen ersten Zeitungsartikel. Geld habe er mit seinem Text nicht verdient. Aber für sein Foto des Eiffelturms, das ebenfalls abgedruckt war, habe er immerhin drei Mark bekommen.

          In diesen Tagen erinnert sich Wickert, der am 2. Dezember 1942 in Peking geboren wurde, also am Freitag 80 Jahre alt wird, besonders gern an seine frühen Jahre. So erzählte er der Deutschen Presseagentur, wie er als Jugendlicher aus dem Konfirmandenunterricht flog: „Das war in Paris. Da habe ich dem Pfarrer in den Mantel geholfen – und ihm dabei den linken Ärmel zugehalten. Alle lachten sich kaputt. Doch er war so sauer, dass er einen Brief schrieb, den ich meinem Vater geben musste. Darin stand, dass ich aus dem Konfirmandenunterricht ausgeschlossen wäre.“ Konfirmiert wurde er dann von einem anderen Pfarrer.

          Auch die Nebenthemen vernachlässigte er nicht

          Ursprünglich wollte Wickert Diplomat werden, wie sein Vater. Daher studierte er Jura in Bonn und Politikwissenschaften in Connecticut, wo er das kritische Denken lernte. Schon Anfang der Sechziger engagierte er sich im Bonner Studentenparlament gegen einen ehemaligen Nazi an der Uni – und setzte sich schon früh mit der Rolle seines Großvaters und seines Vaters im Nationalsozialismus auseinander. Kein Wunder, dass er 1969 beim WDR-Politmagazin „Monitor“ landete. 1977 ging er als ARD-Korrespondent nach Washington, bald darauf nach New York und dann nach Paris.

          Die politische Themen waren natürlich seine erste Pflicht. Aber die Nebenthemen vernachlässigte er nicht. So wurde er als Korrespondent gleich 1984 durch eine spannende kleine Reportage darüber bekannt, wie man am besten die Place de la Concorde überquert: Wickert marschierte einfach geradeaus über den befahrenen Platz mit den vielen Spuren, die keine Spuren sind, ohne nach den Autos zu sehen. Und er kam wirklich auf der anderen Seite an, ohne überfahren worden zu sein. Das hatte fast schon symbolischen Charakter: Man muss schon mutig sein, um von Franzosen akzeptiert zu werden.

          Zum 1. Juli 1991 wurde er Erster Moderator der „Tagesthemen“ in Hamburg. Im wöchentlichen Wechsel erst mit Sabine Christiansen, dann mit Gabi Bauer und Anne Will moderierte er in sanftem Parlando eine der wichtigsten deutschen Nachrichtensendungen. Zum Markenzeichen wurde sein Abschiedsgruß am Ende der Sendung, man möge „eine geruhsame Nacht“ verbringen. Da waren aber einige der Zuschauer schon eingenickt.

          Wie nebenbei schrieb er viele Bücher. „Der Ehrliche ist der Dumme: Über den Verlust der Werte“ (1994) wurde ein großer Erfolg. Vor populären Aussagen scheute sich der Publikumsliebling dabei nicht zurück, wie in „Identifiziert euch! Warum wir ein neues Heimatgefühl brauchen“ (2019). Gerade erst hat er im Piper-Verlag seinen siebten Krimi über den Untersuchungsrichter Jacques Ricou veröffentlicht: „Die Schatten von Paris“. Aus dem Schatten dieser Stadt tritt er also nicht mehr heraus.

          Dabei lebt Wickert, wenn er nicht gerade in Südfrankreich weilt, mit seiner Frau, der Verlagsmanagerin Julia Jäkel, und den 2012 geborenen Zwillingen in Hamburg. Sogar der Bundespräsident hat zum runden Geburtstag gedankt „für 15 Jahre ,Tagesthemen‘ und ihre hervorragende journalistische Arbeit“. Trotz solcher schwergewichtigen Gratulationsworte wird der leidenschaftliche Autor und Vater nicht so schnell in einen geruhsamen Lebensabend wechseln.

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