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Platz im Panthéon : „Ich bin wieder da, Paris“

Einzug in die Ruhmeshalle: Bilder, die auf das Panthéon projiziert werden, zeigen am Dienstagabend Joséphine Baker. Bild: AFP

Das Quartier Latin wird zum Fest. Joséphine Baker zieht in den Ruhmestempel der Nation ein. Präsident Macron hat dabei noch mehr im Sinn für die Frau, die für die Freiheit kämpfte.

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          Brian Bouillon ist schon von Weitem an der Gesichtsmaske mit dem Konterfei seiner berühmten Mutter Joséphine Baker zu erkennen. Die Zeremonie zu ihren Ehren sei „der schönste Moment meines Lebens“ gewesen, sagt er gerührt. Der Familienclan ist am Mittwoch ins Panthéon zurück­gekehrt, um in privater Runde der Absenkung des leeren Sarges beizuwohnen. Fortan hat Joséphine Baker symbolisch ihren Platz in der Ruhmeshalle neben dem Schriftsteller Maurice Genevoix, der die Schrecken des Ersten Weltkrieges in Worte fasste. Der deutsche Künstler Anselm Kiefer hat zu dem Anlass sechs monumentale Kunstwerke mit Stacheldraht, Uniformen, Blei und Stroh geschaffen, die eine bedrückend-düstere Stimmung unter der gewaltigen Kuppel des Panthéons verbreiten.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Doch nichts kann die Erinnerung an die erhabene und zugleich heitere Feier am Vorabend überschatten. Sogar der Eiffelturm glitzert für Joséphine Baker so wie einst die Pailletten an ihren Bühnenkostümen. An der kolonnenbestandenen Fassade des Panthéon öffnete sich dank modernster Lichttechnik der rote Vorhang, und die Sängerin, Revuetänzerin, Widerstandskämpferin und Bürgerrechtlerin wurde in Filmausschnitten einem Millionenpublikum wieder lebendig. Die Schauspielerin Sephora Pondi von der Comédie-Française erzählte die ungewöhnliche Lebensgeschichte der 1906 als uneheliches Kind einer Wäscherin in Saint-Louis geborenen Frau. Sie wuchs in einer Hütte auf, durch dessen Wellblechdach der Regen tropfte, musste mit acht Jahren als Dienstmädchen in einer Familie anheuern. Als sie versehentlich einen Teller zerbrach, wurde ihr zur Strafe kochendes Wasser über die Hände gegossen. Sie erlebte eines der schlimmsten Pogrome gegen Schwarze in der Geschichte der USA. Sie wurde geschlagen und misshandelt und mit 13 Jahren verheiratet. Sie „gab nie auf“, wie Präsident Macron später sagen sollte. Sie tanzte, um zu leben, und lebte, um zu tanzen, eroberte Saint-Louis und New Orleans, schaffte es an den Broadway. 1925, sie war gerade 19 Jahre alt, ging sie auf Europatournee: Paris!

          Ihre Lieder hallen weiter durch das Quartier Latin

          In der „Revue Nègre“ im Theater an den Champs-Elysées wurde sie schlagartig zum Star, auch weil sie die kolonialen Klischees von der erotisch-exotischen Wilden aufbrach. „Sie hat die Erotik mit Grimassen und ruckartigen Gesten zerstört, mit einem Hüftschwung Klischees überwunden“, sagt der Präsident. Mit mokierendem Augen­rollen habe sie sich über die Darstellungen Schwarzer lustig gemacht. Paris wurde ihre Heimat und ihr Ideal, die französische Staatsbürgerschaft empfing sie vor 84 Jahren wie ein Geschenk.

          Auch wenn die Musik aus den Lautsprechern auf den Straßen im Quartier Latin verstummt ist, scheint die Stimme der Sängerin weiter zu klingen: J’ai deux amours, ich habe zwei Lieben. „Das, was mich verzaubert, ist Paris, das ist ganz einfach Paris“, so geht der Songtext. Am Dienstagabend war es Joséphine, die Paris, nein Frankreich verzauberte. Die Rue Soufflot, die zum Hügel der Heiligen Genoveva hinaufführt, ist gesäumt von Schaulustigen, die ihre Lieder mitsummen und bewegt dem langsamen Ehrenmarsch der Republikanischen Garden mit dem von der Trikolore bedeckten Sarg verfolgen. Es wird viel geklatscht, gesungen und gelacht an diesem Abend im Quartier Latin.

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