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Vorwürfe gegen Johnny Depp : Der Anfang vom Ende war die Rolle als Captain Jack Sparrow

  • -Aktualisiert am

London: Johnny Depp winkt beim Verlassen des High Court. Bild: dpa

Johnny Depp ist wieder einmal in den Schlagzeilen. Seine frühere Frau Amber Heard bringt schwere Anschuldigungen vor. Doch die jüngsten Eskapaden zeigen, was wir uns eigentlich schon lange hätten eingestehen müssen.

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          Zunächst einmal ist da dieser presserechtliche Prozess, aber eigentlich geht es um einen Konflikt unter Eheleuten. Prominenten Eheleuten. Ja, einer der Partner ist jemand, für den das Wort „Weltstar“ erfunden worden sein könnte. In den kommenden Wochen entscheidet ein Londoner Gericht darüber, ob das britische Boulevardblatt „The Sun“ den Schauspieler Johnny Depp, 57, verleumdete, als es ihn 2018 als „wife beater“ bezeichnete: als einen Mann, der seine Frau schlägt. Die Zeitung bezieht sich auf Vorwürfe von Depps Exfrau Amber Heard, die – ebenfalls Schauspielerin, aber nicht ganz so prominent wie der Exgatte – seit der Trennung 2016 behauptet, Depp habe sie während der 15 gemeinsamen Ehemonate wiederholt misshandelt. Er bestreitet das. Sowohl Depp als auch Heard erschienen nun vor Gericht – und warfen einander erneut verschiedenste Undinge vor. Er sagt, sie habe ihre Notdurft im Ehebett verrichtet. Sie sagt, er habe ihren Yorkshire Terrier „Pistol“ aus dem Fenster eines fahrenden Autos baumeln lassen. Er sagt, sie habe ihm die Fingerkuppe mit einer Wodkaflasche abgeschlagen. Sie sagt, er habe sie geohrfeigt.

          Bewiesen ist keine der Anschuldigungen. Wer weiß schon, was bei den Depps wirklich vor sich ging? Und doch wird die öffentliche Schlammschlacht von einer Enttäuschung begleitet: Sie liegt in der Erkenntnis, dass Johnny Depp die Klatschpresse mittlerweile mit dem gleichen profanen Celebrity-Zirkus versorgt wie die 08/15-Stars, zu denen er nie gehören wollte. Kaum jemand entzaubert so wirksam wie ein Idol, das im Zuge seiner Eskapaden – neben, sagen wir, dem Inventar seines Hotelzimmers – jegliche Projektionsfläche für Träumereien zerschlägt. Das mit den Hotelzimmern fand man bei Depp ja gar nicht so schlimm, schließlich pflegte er auf recht charmante Weise seinen Ruf als ruppiger Außenseiter, eine Art Rockstar unter den Schauspielern, der Rebell unter den Kassenmagneten. Die Figur „Johnny Depp“ aber scheint sich erschöpft zu haben. Heute wirkt er wie ein unvorteilhaft gealterter, leicht schmieriger Skandal-Playboy. Was ist geschehen, Johnny?

          Depps ehemalige Frau: Amber Heard

          Nach Hollywood, so hat Depp selbst es erzählt, kam er aus Pragmatismus. Eigentlich hatte er – na klar – Rockstar werden wollen, die Voraussetzungen dafür hatte er: mit zwölf die erste E-Gitarre, mit vierzehn alle Drogen durch, mit sechzehn runter von der Schule und rein in die Musikklubs Floridas, in denen Depp, noch minderjährig, mit seiner Garagenband auftritt. Mit neunzehn zieht er mit der Band nach Los Angeles, es soll der große Durchbruch werden. Aus Geldnot geht Depp zu Castings, 1987 bekommt er die Hauptrolle in der Highschool-Serie „21 Jump Street“ und steigt zum internationalen Teenie-Idol auf. Später nennt Depp die Serie den „dümmsten Job, den ich je gemacht habe“.

          Von da an ist ihm der Hollywood-Mainstream zuwider. Stattdessen sucht er sich nun vor allem Filme aus, die das Zeug zum Kassengift haben, ihm aber einen Ruf als Charakterdarsteller mit einer Vorliebe für skurrile Figuren einbringen, etwa in „Edward mit den Scherenhänden“. Die Rolle in „Interview mit einem Vampir“ freilich, die Brad Pitt endgültig zum Star machte, schlägt er aus.

          Überhaupt ist Depp so eine Art Gegenpart zu Pitt. Beide gleich alt, beide wissen (inzwischen), wie sich der Status des Superstars anfühlt. Aber Pitt verkörperte doch meistens den blonden „all-American Boy“ mit dem strahlenden Lächeln und der gesunden Gesichtsfarbe, Depp dagegen den extravaganten Schönling mit den wunderbar hohlen Wangen, dem unsteten Lebenswandel und den schönen Frauen (Kate Moss).

          Fatale Rückkehr in den Mainstream

          Mit der französischen Sängerin Vanessa Paradis dann tauscht Depp zu Beginn der 2000er das wilde Leben gegen zwei Kinder und ein zurückgezogenes Dasein auf einem französischen Landgut ein. Der hat den Absprung rechtzeitig geschafft, dachte man da noch, keine Skandale mehr, dafür viel savoir-vivre.

          Den Anfang vom Ende markiert Depps Rolle als Captain Jack Sparrow in der „Fluch der Karibik“-Reihe. Depps eigenwillige Interpretation der Figur macht ihn zum Megastar, bedeutet aber auch seine Rückkehr in den Mainstream: fatal. Immer häufiger spielt er in sehr teuren und dafür sehr schlechten Filmen.

          Irgendwann muss er dann die kultige Sparrow-Figur mit dem wahren Leben verwechselt haben. Privat wird es wieder wild: Mit seiner Bekanntschaft mit der 23 Jahre jüngeren Heard mehren sich wieder die Berichte über Suff- und Drogeneskapaden. 2017 droht Depp, obwohl einer der bestbezahlten Schauspieler Hollywoods, der Ruin.

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          Jetzt komplettiert der Rosenkrieg mit Heard das Bild für Depp. Von dem einst so schön-struppigen Sonderling unter den Kassenmagneten ist vornehmlich das Struppige geblieben – während seine alte Leinwand-Antithese Pitt mit Mitte fünfzig immer noch ausschaut wie frisch aus dem Ei gepellt.

          Dazu kommt: Auch die Welt um Depp herum hat sich gewandelt. Selbstoptimierer sind nun gefragt, und keine zerfeierten Altrocker. Also, Johnny Depp, vielleicht bist du nicht allein schuld, dass du dich nicht mehr recht eignest als Projektionsfläche für unsere Träume. Heute taugen dafür nur noch glatte Oberflächen.

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