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John Turturro im Gespräch : „Ich will nicht immer dasselbe Lied spielen“

  • Aktualisiert am

Zu ihm schauen die Kollegen auf: John Turturro ist ein „actors’s actor“ Bild: Getty

Schauspieler John Turturro ist Spezialist für Figuren, die man nicht vergisst. Ein Gespräch über Woody Allen, Blockbuster und Egomanen.

          5 Min.

          Sonntagmorgen, ein Luxushotel am Berliner Gendarmenmarkt. John Turturro ist in doppelter Mission in der Stadt. Er ist der Autor und Regisseur der Komödie „Plötzlich Gigolo“ und spielt neben Woody Allen auch gleich noch die Hauptrolle. Als Darsteller hat Turturro schon einige unvergessliche Typen verkörpert, vor allem in Filmen der Coen-Brüder, in „Barton Fink“, „The Big Lebowski“ und „O Brother, where art thou?“.

          Turturro, 57, graue Schläfen, schwarze Hornbrille, lange Beine, die in polierten Lederschuhen enden, strahlt aus, was er ist: ein kultivierter, aufgeschlossener, energetischer New Yorker Italo-Amerikaner. Die Rolle des Fioravante hat er sich auf den Leib geschrieben: ein sensibler Florist, dem sein bester Freund Murray (Allen) nahelegt, das Gewerbe zu wechseln und sich als Gigolo zu versuchen. Die beiden sind ein sehr lustiges „odd couple“.

          Mr. Turturro, wie haben Sie Woody Allen dazu gebracht, in Ihrem Film eine Hauptrolle, und noch dazu Ihren Zuhälter, zu spielen?

          Wir haben den gleichen Friseur, Anthony Silvestri. Er arbeitet in Manhattans Upper East Side in einem Salon, hat dort seine eigene Ecke. Woody schneidet er seit 25 Jahren zu Hause, meine Haare seit ungefähr 20 Jahren. Meine Minilocken sind eine Story für sich, ich habe ungefähr zweimal soviel Haare wie der Durchschnittsamerikaner.

          Ihr Friseur hat Woody Allen also das Drehbuch von „Plötzlich Gigolo“ übergeben?

          Nein, nein, anfangs gab es nur die Idee! Ein guter Weg zu testen, ob eine Idee zündet oder nicht, ist das Knallfroschprinzip. Nebenbei einfach mal die Idee fallen lassen, beim Mittagessen, beim Basketballspielen oder Spazierengehen, und die Reaktionen abwarten. Nachdem mehrere Freunde positiv auf den Plot reagiert hatten, erzählte ich Anthony davon. Eigentlich funktioniert Woody ANTWORT: bestens mit Frauen als Gegenüber. Ich dachte mir aber, wir würden ein gutes Herrenteam abgeben. Gerade weil wir so unterschiedlich in Größe, Alter und Aussehen sind.

          Ihrem Friseur gefiel die Idee?

          Mehr als das. Aber er sagte auch, dass Woody eigentlich nicht in Filmen von anderen Regisseuren mitspielt. Obwohl ich ihn nicht darum gebeten hatte, erzählte er Woody bei seinem nächsten Besuch von meinem Projekt. Wir kannten uns nur flüchtig, ich hatte vor zwanzig Jahren eine Minirolle in „Hannah und ihre Schwestern“.

          Wie lautete Woodys Antwort?

          „Gefällt mir, John soll mich anrufen.“ Ein paar Tage später saß ich auf Woodys Sofa. Er sagte: „Gut, wir haben den gleichen Friseur, dass ist eine Basis, aber: What’s next?“ Ich erzählte ihm mehr über die Geschichte, skizzierte ein paar Stränge und mögliche Figuren. Am Ende sagte Woody nicht: Alles klar, ich spiele es. Sondern: Gut, du schreibst, und ich gebe Feedback.

          Und wie fiel es aus?

          Tja, die erste Drehbuchfassung gefiel ihm nicht. Ich traf wohl nicht den richtigen Ton. Und Woody stellte sich die ganze Sache kultivierter und differenzierter vor. Sein Rat: „Dig deeper.“

          Filmtrailer : Plötzlich Gigolo

          Puh, nicht gerade das, was Sie hören wollten, oder?

          Ich fühlte mich nicht kritisiert, sondern inspiriert! Ich bin zwar ein Schauspieler, der bereits ein paar Mal Regie geführt hat, aber wenn ich einen genialen Drehbuchautor als Hauptdarsteller gewinnen will, sollte ich auf ihn eingehen. Bis zur finalen Drehbuchfassung war Woody mein Lektor, ohne jemals zu verlangen, als Ko-Autor genannt zu werden. Am Ende sagte er nur: Das Script ist gut, besorg das Geld, und wenn du es mit jemand anderem machen willst, auch gut. Dabei hatte ich beim Schreiben immer Woody vor Augen.

          Wie war die Zusammenarbeit später am Set?

          Unproblematisch! Ich habe allerdings seine Farben verändert. Normalerweise trägt Woody khakifarbene Hosen, aber sorry, das ist einfach nicht meine Farbpalette. Mein Vorschlag: burgunderfarben! Die Farbe seiner Hose war die größte Diskussion, die wir am Set hatten. Am Ende hat er sich darauf eingelassen. Die Interaktion zwischen Woody und mir wäre eine ganz andere gewesen, wenn ich ihn kurz vor Drehbeginn einfach nur als Schauspieler engagiert hätte.

          Wir haben uns über die jahrelange Arbeit am Drehbuch richtig kennengelernt. Dadurch konnten besondere Szenen entstehen, unsere Zuneigung ist auf der Leinwand sichtbar. Es geht immer darum, ob man klickt oder nicht. Die wirklich schlauen Regisseure fördern die Kreativität ihrer Schauspieler und unterbinden nichts. Die Coen-Brüder sind ein gutes Beispiel. So ist auch die Figur des Jesus in „The Big Lebowski“ entstanden.

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