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John Carlson im Gespräch : „‚Unsere Heimat‘, das wäre was für Tom Waits gewesen“

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Junger Pionier: John Carlson lässt die DDR in schönsten Tönen erklingen Bild: Silke Winkler

„Soldaten sind vorbeimarschiert“ und „Das Lied der Partei“: Der aus Amerika stammende Musiker John Carlson studiert mit Kindern in Schwerin DDR-Lieder ein.

          Herr Carlson, am 14. Februar hat „Sonnenallee“ als Musical am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin Premiere. Dafür üben Sie zurzeit mit Schülern des Schweriner Goethe-Gymnasiums DDR-Lieder ein. Welche?

          Vorwiegend Pionierlieder. „Unsere Heimat“ wird dabei sein, „Soldaten sind vorbeimarschiert“. Vermutlich spielen wir – allerdings ohne Chor – auch „Spaniens Himmel“ und „Das Lied der Partei“. Ganz genau will ich mich da aber noch nicht festlegen.

          Für einen Amerikaner, den es in den Osten verschlagen hat, muss das eine Begegnung der dritten Art sein.

          Nein. Ich komme aus der Gegend um Seattle und bin 1990 im Osten Deutschlands mehr oder weniger gestrandet. Mit den Jahren lernt man als Musiker dann solche Lieder kennen. Schon mein erstes Engagement in Wismar war ein skurriler Ost-Schlagerabend. Meine ersten Pionier- und Marschlieder habe ich Halloween 1998 gespielt. Das war in Wismar oder Güstrow, genau weiß ich es nicht mehr. Es war jedenfalls ein bunter Abend mit sozialistischem Liedgut. Ich mache außerdem bei einem Kabarettprogramm mit „Bauer Korl“ mit, der in Mecklenburg-Vorpommern ziemlich bekannt ist. Da kommen solche Lieder auch vor. Überhaupt: In meinen 15 Jahren am Schweriner Theater hat solche Musik immer wieder eine Rolle gespielt. Sogar im „Faust“.

          Gefallen Ihnen die Lieder denn?

          Musikalisch auf jeden Fall. Es gibt darunter Kompositionen von Hanns Eisler, den ich sehr verehre. Dessen Harmoniewelt ist mir vertraut. Es ist verrückt, aber seine Lieder erinnern an den Big-Band-Sound von Hollywood. Das ist raffinierte, leidenschaftliche, sinnliche Musik, überhaupt nicht kleingeistig. Auch Paul Dessau hat solche Lieder geschrieben. Und einige der Texte stammen von Brecht. Allerdings: Ich finde die Musik großartig, bei den Texten höre ich gar nicht hin.

          Haben Sie Lieblingslieder?

          Eislers DDR-Nationalhymne finde ich klasse. Pathetisch, aber großartig.

          Und in der „Sonnenallee“?

          Ich denke: „Unsere Heimat“.

          Das Lied ist Ihnen nicht zu süßlich?

          Nein. Das ist eine schlichte, schöne Musik. Und wenn man genauer hinschaut: Musikalisch ist es gar nicht so einfach, wie man denkt. Der Komponist Hans Naumilkat hat das Lied ungewöhnlich gebaut. Seine Harmonik hat nichts mit Volksmusik zu tun. Das könnte auch ein Bluessänger singen – als „Unsere Heimat Blues“. Das wäre was für Tom Waits gewesen. Oder Louis Armstrong. Das hat etwas vom Dixieland der Südstaaten. Und das Vorspiel ist so kompliziert, dass man daraus ein eigenes Werk machen könnte.

          Was Ihnen Spaß macht, könnte beim Publikum die Ostalgie befördern.

          Wenn es immer noch verklärte Blicke auf die DDR gibt, dann gehört das auf die Bühne. Bloß kein Tabuthema draus machen. So eine Inszenierung wie „Sonnenallee“ mit dieser Musik kann Brücken bauen zu den Menschen, die der Vergangenheit nachtrauern. Aber da ist es dann auch wichtig, die Lieder nicht zu denunzieren. Bevor wir es verfremden, singt der Kinderchor „Unsere Heimat“ so, wie man es eben kennt. Pur sozusagen.

          Kennen die Schüler die Lieder?

          Nein, sie kannten die nicht. Ich erkläre aber nicht viel. Wir singen einfach und üben. Ich war als Kind im Kirchenchor und habe mir auch keine Gedanken darüber gemacht, was ich da singe. Die Schüler behandeln die Lieder dann übrigens weiter in der Schule. Interessant wird sein, wie sich die Lehrer dazu stellen.

          Haben Sie mit den Lehrern gesprochen?

          Ja. Sie waren zur Probe im Theater. Und alle kannten die Lieder. Sie haben gleich erzählt aus ihrer Jugend. Dass sie die Lieder damals singen mussten, aber sie trotzdem heute noch schön finden.

          Und haben umgekehrt die Lehrer Sie mal nach Ihrer Biographie gefragt?

          Nein, überhaupt nicht. Dass Sie auf so eine Frage kommen.

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