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Johanna Wokalek : Ihr Glück hat keinen Namen

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Vorhang auf: Johanna Wokalek mag bei der Arbeit keine Kompromisse Bild: Pilar, Daniel

Die Schauspielerin Johanna Wokalek überzeugte als „Päpstin“ wie als Gudrun Ensslin. Ob im Film oder im Burgtheater, ihre Figuren vergisst niemand. Seit neuestem ist sie aber in erster Linie Mutter.

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          Es war eine kräftige, in Papier eingewickelte Wurst, mit der sich Johanna Wokalek erstmals einem großen Publikum präsentierte, und zwar gleich bei den Berliner Filmfestspielen 1999. Die Wurst war eine sogenannte Thüringer, kalorienreich und haltbar, ideal in harten Zeiten. Man sah das fleischige Stück nicht genau, weil es in Max Färberböcks „Aimée und Jaguar“ in einem düsteren Hausflur die Besitzerin wechselte. Der Film spielte im Zweiten Weltkrieg, und Essen war rationiert. „Meine geliebte Thüringer!“, schwärmte Wokalek auf der Leinwand und nahm das Objekt ihrer kulinarischen Begierde begeistert an sich, lächelte und ließ ihre blauen Augen leuchten. Ganz jung sah sie als beglückte Ilse aus, die ja auch noch ein kaum erwachsenes Ding war und bei einer strammen deutschen Mutterkreuzträgerin ihr „Haushaltsjahr“ ableistete.

          Wokalek wirkte ganz frei im Hier und Jetzt, souverän in ihrer Rolle und ihrem Beruf. Den sie zur Drehzeit eigentlich noch gar nicht professionell ausübte, da sie gerade ihr Schauspielstudium am Wiener Max-Reinhardt-Seminar beendete. Der Film wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit goldenen Filmbändern und silbernen Bären - und der Name Johanna Wokalek war von da an ein Begriff.

          Ein glaubhaft zurückhaltender Mensch

          Ihr erstes Theaterengagement führte sie ans Schauspiel Bonn, wo sie praktische Erfahrungen sammeln konnte. Für ihre Leistung in Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“ wurde sie als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet. Der Erfolg ist der gebürtigen Freiburgerin, die nach drei Jahren ins Ensemble des berühmten Wiener Burgtheaters wechselte, seitdem treu geblieben, obwohl sie selbst in solchen Kategorien nicht denkt, wie sie sagt, um gleich darauf in ihr entwaffnend fröhliches Lachen auszubrechen. Preise? Ehrungen? Ruhm? Ach was! Ihr Glück liegt derzeit ganz woanders und hat keinen Namen - zumindest nicht für die Öffentlichkeit. Den Namen ihres Sohns, den sie vor knapp einem Jahr bekommen hat, will sie nicht verraten, höchstens dies: „Ich bin so glücklich, dass der Kleine da ist und dass er gesund und munter ist. Das ist ein so großes Geschenk, wie ich es mir nie vorstellen konnte. Ich bin einfach nur dankbar!“

          Johanna Wokalek im Film „Die Päpstin“ als Johannes Anglicus
          Johanna Wokalek im Film „Die Päpstin“ als Johannes Anglicus : Bild: dpa

          Trotz ihrer berufsbedingten nötigen Neigung zum Exhibitionismus ist Wokalek ein glaubhaft zurückhaltender Mensch. Sie fand es schon immer unangebracht, wenn Schauspieler ihr Privatleben allzu sehr in den Medien ausbreiteten. Noch ehe sie selbst bekannt wurde, hat es sie genervt, wenn sie ins Kino ging und dort bei einem Schauspieler nicht an dessen Rolle denken musste, sondern an sein Privatleben: Ach, der ist ja Vegetarier! Sieh an, die hat sich doch gerade scheiden lassen! Das ist nicht ihr Stil, und deshalb hat sie eine gewisse Reserviertheit gegenüber dem Publikum entwickelt, dessen Neugier sie zwar verstehen kann, die sie aber nicht bedienen möchte: „Was man von mir auf der Bühne oder im Film sieht, ist doch schon genug, oder?“

          Sie liebt das Risiko

          Obwohl sie seit der Geburt ihres Sohnes im vergangenen Sommer nicht mehr aufgetreten ist, hatte sie kaum Zeit, sich zu überlegen, ob ihr die Arbeit fehlt. Zu sehr hielt sie ihr Kleiner auf Trab. Der Vater des Kindes, ihr Mann, der Dirigent Thomas Hengelbrock, lebt in Hamburg und ist Chef des NDR-Sinfonieorchesters. Wokalek lebt in Wien, aber wann immer es möglich ist, sind sie gemeinsam hier oder dort oder unterwegs.

          Wie letztens in Madrid, wo Michael Haneke „Cosi fan tutte“ inszenierte und Wokalek und ihr Mann im Publikum saßen. Sie war vom intensiven, mozartbeseligten Spiel der Sänger so begeistert, dass sie nur zu gern mitgemacht hätte und sich erstmals fragte: „Verdammt, warum kann ich eigentlich nicht so singen?“

          Dabei ist sie quasi schon mit Orchester aufgetreten: Nachdem ihr Mann mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble Monteverdis „Orfeo“ gespielt hatte, trat Wokalek auf die Bühne und hat Elfriede Jelineks einstündigen Eurydike-Monolog „Schatten“ in der Essener Philharmonie, allein auf einem riesigen Kleiderhaufen sitzend, uraufgeführt - keine einfache Aufgabe, aber Wokalek liebt das Risiko und versucht, auf der Bühne wie im Film stets an ihre Grenzen zu gehen. Selbst auf den ersten Blick nicht unbedingt auffällige Figuren vermag sie wie über einen doppelten Boden laufen zu lassen, den sie ihnen mit Courage, Phantasie und Einfühlungsvermögen bereitet.

          Keine Fließbandware

          Das geht ihr selbst manchmal an die Nieren, aber wenn es der Sache dient, ist sie zu allen psychischen Gefährdungen und physischen Entäußerungen bereit. Für die Titelrolle in „Die Päpstin“ ließ sie sich ein Loch in die Haare schneiden, weil eine Perücke mit Tonsur bei den strapaziösen Dreharbeiten in der Hitze von Marokko unerträglich gewesen wäre und sie überdies bis in die Kopfhaut ganz hautnah spüren konnte, wie es ist, ein Mönch zu sein. Als Gudrun Ensslin in „Der Baader Meinhof Komplex“ versetzte sie sich so tief in das Charakterprofil der ideologisch fanatisierten Terroristin, dass sie in den Pausen abseits der Crew saß, als wollte sie nichts mit den anderen zu tun haben - dabei war es die Figur, die ihr abverlangte und nahelegte, sich lieber am Rand der Gesellschaft zu isolieren. Selbst Til Schweiger erschien an ihrer Seite in dem tragikomischen Liebesfilm „Barfuss“, in dem sie eine suizidgefährdete Psychiatriepatientin spielte, als gar nicht mal so übel - weder als Regisseur noch als Schauspielpartner. Zuletzt stolperte sie in „Anleitung zum Unglücklichsein“ über die Füße der von ihr dargestellten Verkäuferin Tiffany Blechschmid.

          Derlei unterschiedliche Herausforderungen und kreative Verausgabungen kosten Kraft, weswegen Wokalek sich konsequent Arbeitspausen organisiert, in denen sie Muße hat, sich einfach durchs Leben treiben zu lassen, Galerien oder Konzerte zu besuchen, ausgiebig zu lesen oder mit dem Rucksack durch Peru zu trampen. Auf diese Weise lädt sie ihre Vorstellungskraft und ihre künstlerischen Speicher auf, um sich bei der nächsten Rolle daran zu bedienen. „Ich bin ein Augenmensch, ein Sehmensch. Wenn ich zum Beispiel auf einem Flughafen warte, nehme ich die Leute um mich herum ganz genau wahr, ihre kleinen Ticks, ihre Gesten und Kleider, die mir oft wie Theaterkostüme erscheinen. All das merke ich mir und mache es vielleicht irgendwann für eine Rolle produktiv.“ Sie kann und sie will nicht direkt von einer Aufgabe zur nächsten springen, eine Rolle nach der anderen abliefern: „Das, was wir Schauspieler machen, ist keine Fließbandware. Wir brauchen Abstand und Rückzugsmöglichkeiten. Hätte ich das nicht, könnte ich nur noch handwerklich tätig sein und nicht mehr schöpferisch.“ Was ihre Kunst anbetrifft, kennt die große schlanke Wokalek keine Kompromisse. Das sieht man ihren virtuos durchgezeichneten Figuren auch an, etwa der Emilia Galotti in der legendären Lessing-Inszenierung von Andrea Breth 2002 am Burgtheater oder der Königin Elisabeth zwei Jahre später in Schillers „Don Carlos“.

          Babypause endet bei den Wiener Festwochen

          Ganz ungewohnt für die zurückhaltende Schauspielerin verschränkten sich ihr privates Leben und ihre Arbeit, als Tschechows „Platonow“ in der Inszenierung von Alvis Hermanis, die im Mai 2011 herauskam, ein Jahr später zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Inzwischen war Wokalek, die darin eine junge Ehefrau spielte, schon sichtbar schwanger. Ihre private Situation ließ ihre Rolle der frisch verheirateten Sofja, die mit ihrer aufgetauchten Jugendliebe durchbrennen wollte, umso bemerkenswerter erscheinen. Die nicht inszenierte, sondern reale Schwangerschaft bedeutete für alle Beteiligten an dem Stück einen Ausnahmezustand, aber der lettische Regisseur und die Kollegen hätten sich mit ihr über die Situation gefreut, erzählt sie: „Irgendwie wurde das neue Leben gefeiert und dass wir beieinander sind und spielen können.“

          Wokalek mag feste Beziehungen und hat am Burgtheater so etwas wie eine große Familie gefunden. Diese gewachsenen Strukturen schätzt sie privat wie für die Arbeit außerordentlich, weil ihr die über Jahre entstandenen Verlässlichkeiten die besten Möglichkeiten der künstlerischen Kommunikation eröffnen. „Schön ist die Arbeit ja vor allem, wenn man sich versteht, ohne viel sprechen zu müssen. Und wenn es nicht mehr darum geht, ob etwas richtig oder gut ist, sondern wenn wir Schauspieler zur Selbstvergessenheit von Kindern beim Spielen finden. Dafür ist aber viel Vertrauen zwischen allen Beteiligten nötig.“

          Bei den Wiener Festwochen wird sie in dieser Woche unter der Regie von Luc Bondy nun erstmals seit ihrer Babypause wieder Theater spielen und in der Inszenierung von Molières Komödie „Tartuffe“ als Elmire mit Gert Voss als Orgon ein altersmäßig sehr ungleiches Ehepaar verkörpern. Ihr Sohn hat sie erst gar nicht aus der Übung kommen lassen: „Er gibt im Alltag den Takt vor. Man kann nichts planen, muss spontan auf ihn reagieren. Ich liebe das! So ist auch Theaterspielen: wie Pingpong mit den Partnern, dem Regisseur. Bei mir jedenfalls ist dann am meisten möglich, weil ich mehr zulassen, das heißt auch mehr riskieren kann. Darum geht’s ja. Und da ist so ein kleines Wesen sehr förderlich.“

          Päpstin, Ensslin, Emilia

          Johanna Wokalek wurde 1975 in Freiburg im Breisgau geboren. Nach dem Abitur studierte sie am Max-Reinhardt-Seminar in Wien unter anderen bei Klaus Maria Brandauer. Ihr erstes Engagement führt sie ans Schauspiel Bonn. Seit 2000 ist sie Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. Dort arbeitete sie mit Regisseuren wie Andrea Breth, Stephan Kimmig, Thomas Vinterberg und Alvis Hermanis. Zu ihren bekanntesten Filmen zählen „Aimée und Jaguar“, „Hierankl“, „Barfuß“, „Der Baader Meinhof Komplex“, „Die Päpstin“ und „Anleitung zum Unglücklichsein“. Diese Woche spielt sie in Luc Bondys Inszenierung von Molières „Tartuffe“ bei den Wiener Festwochen (Premiere: 28. Mai, Akademietheater). Sie ist mit dem Dirigenten Thomas Hengelbrock verheiratet, das Paar hat einen Sohn.

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