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Johanna Wokalek : Ihr Glück hat keinen Namen

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Sie liebt das Risiko

Obwohl sie seit der Geburt ihres Sohnes im vergangenen Sommer nicht mehr aufgetreten ist, hatte sie kaum Zeit, sich zu überlegen, ob ihr die Arbeit fehlt. Zu sehr hielt sie ihr Kleiner auf Trab. Der Vater des Kindes, ihr Mann, der Dirigent Thomas Hengelbrock, lebt in Hamburg und ist Chef des NDR-Sinfonieorchesters. Wokalek lebt in Wien, aber wann immer es möglich ist, sind sie gemeinsam hier oder dort oder unterwegs.

Wie letztens in Madrid, wo Michael Haneke „Cosi fan tutte“ inszenierte und Wokalek und ihr Mann im Publikum saßen. Sie war vom intensiven, mozartbeseligten Spiel der Sänger so begeistert, dass sie nur zu gern mitgemacht hätte und sich erstmals fragte: „Verdammt, warum kann ich eigentlich nicht so singen?“

Dabei ist sie quasi schon mit Orchester aufgetreten: Nachdem ihr Mann mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble Monteverdis „Orfeo“ gespielt hatte, trat Wokalek auf die Bühne und hat Elfriede Jelineks einstündigen Eurydike-Monolog „Schatten“ in der Essener Philharmonie, allein auf einem riesigen Kleiderhaufen sitzend, uraufgeführt - keine einfache Aufgabe, aber Wokalek liebt das Risiko und versucht, auf der Bühne wie im Film stets an ihre Grenzen zu gehen. Selbst auf den ersten Blick nicht unbedingt auffällige Figuren vermag sie wie über einen doppelten Boden laufen zu lassen, den sie ihnen mit Courage, Phantasie und Einfühlungsvermögen bereitet.

Keine Fließbandware

Das geht ihr selbst manchmal an die Nieren, aber wenn es der Sache dient, ist sie zu allen psychischen Gefährdungen und physischen Entäußerungen bereit. Für die Titelrolle in „Die Päpstin“ ließ sie sich ein Loch in die Haare schneiden, weil eine Perücke mit Tonsur bei den strapaziösen Dreharbeiten in der Hitze von Marokko unerträglich gewesen wäre und sie überdies bis in die Kopfhaut ganz hautnah spüren konnte, wie es ist, ein Mönch zu sein. Als Gudrun Ensslin in „Der Baader Meinhof Komplex“ versetzte sie sich so tief in das Charakterprofil der ideologisch fanatisierten Terroristin, dass sie in den Pausen abseits der Crew saß, als wollte sie nichts mit den anderen zu tun haben - dabei war es die Figur, die ihr abverlangte und nahelegte, sich lieber am Rand der Gesellschaft zu isolieren. Selbst Til Schweiger erschien an ihrer Seite in dem tragikomischen Liebesfilm „Barfuss“, in dem sie eine suizidgefährdete Psychiatriepatientin spielte, als gar nicht mal so übel - weder als Regisseur noch als Schauspielpartner. Zuletzt stolperte sie in „Anleitung zum Unglücklichsein“ über die Füße der von ihr dargestellten Verkäuferin Tiffany Blechschmid.

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