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Absturz in der Ukraine : Ein Gigant der Aids-Forschung

Joep Lange im Jahr 2003 in Paris Bild: AFP

Unter den Toten des Fluges MH17 sind auch mehr als 100 Passagiere, die auf dem Weg zur Welt-Aids-Konferenz in Melbourne waren. Die bereits angereisten Delegierten trauern auch um Medizin-Professor Joep Lange. Er war einer der ganz Großen auf seinem Gebiet.

          Der Schock ist ihr anzusehen. Françoise Barré-Sinoussi soll ein paar Worte zum Tod eines ihrer langjährigen Weggefährten sagen. Sie sei voller Traurigkeit und am Boden zerstört, sagte die französische Virologin und Medizin-Nobelpreisträgerin des Jahres 2008 am Freitag in Melbourne. Kurz zuvor erst hatte sie erfahren, dass Joep Lange an Bord des Fluges MH17 war, dem Flugzeug, das über der Ostukraine abgeschossen wurde.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Barré-Sinoussi, als Präsidentin der Internationalen Aids-Society (IAS) zugleich Gastgeberin der an diesem Wochenende in Melbourne beginnenden zwanzigsten Welt-Aids-Konferenz, kannte den Niederländer seit vielen Jahren. Er selbst war von 2002 bis 2004 IAS-Präsident und damit auch einer der Gastgeber der fünfzehnten Internationalen Aids-Konferenz in Bangkok gewesen. Zudem stand Lange einer Reihe weiterer Organisationen zur Bekämpfung des HI-Virus vor – unter anderem war Lange 1992 bis 1995 Leiter eines Programms der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Entwicklung von Aids-Medikamenten. Zuletzt war er Chef der Abteilung für globale Gesundheit am medizinischen Zentrum der Universität Amsterdam.

          Den Virus in Schach halten

          Lange, der seit 1983, also fast seit dem ersten Auftreten der Aids-Epidemie nach einem Mittel gegen HIV geforscht hatte, war einer der bekanntesten Wissenschaftler der Niederlande. In Melbourne sollte der Medizin-Professor aus Amsterdam gleich mehrere Vorträge halten. Einen Namen hatte sich der fünffache Vater, Jahrgang 1954, auf dem Gebiet der antiretroviralen Therapie gemacht.

          In vielen Studien hatte er die Wirksamkeit neuer Aids-Medikamente erforscht, die das Virus zumindest in Schach halten und den Patienten ein fast schon normales Leben ermöglichen können. Besonders erfolgreich war er schon früh bei dem Nachweis, dass diese Medikamente die Übertragung des Erregers von einer mit HIV-infizierten Schwangeren auf ihr Ungeborenes verhindern können, wenn die antiretroviralen Medikamente kurz vor der Geburt an die Mutter und nach der Geburt an das Kind in hohen Dosen verabreicht werden.

          Ohne Zweifel hat die Aids-Forschung einen „Giganten“ verloren, wie ein Sprecher der IAS in Melbourne es formulierte. Lange setzte sich aber auch auf anderem Gebiet für Aids-Patienten ein: Schon 2001 hatte er die Stiftung „PharmAccess“ gegründet und seither geleitet, die HIV-Infizierten in Entwicklungsländern leichteren Zugang zu den oft noch zu teuren Aids-Medikamenten ermöglichen will.  Dazu bemerkte er 2002 bei der Welt-Aidskonferenz in Barcelona: „Wenn wir kalte Coca-Cola und Bier in die entlegensten Regionen Afrikas bringen können, sollte es nicht unmöglich sein, dasselbe mit Medikamenten zu tun.“

          Viele weitere Aids-Aktivisten im Flugzeug

          In dem Flugzeug aus Amsterdam saßen noch etliche weitere Teilnehmer der diesjährigen Konferenz, unter ihnen etliche Aids-Aktivisten aus den Niederlanden wie Jacqueline van Tongeren (ArtAids), seit langem Mitarbeiterin und Partnerin Joep Langes, sowie Pim de Kuijer (Stop Aids now), Martine de Schutter (Aids fonds) und Lucie van Mens  (Universal Access to Female Condom). Auch einer der Sprecher der Weltgesundheitsorganisation, Glenn Raymond Thomas, für den die so jäh endende Reise am Donnerstagmorgen zur Welt-Aidskonferenz in Genf begonnen hatte, befand sich nach IAS-Informationen in dem Flugzeug.

          Wie viele Passagiere mit dem Malaysia-Airlines-Flugzeug auf dem Weg über Kuala Lumpur nach Melbourne zu der internationalen Aids-Konferenz wollten, stand am Freitagabend noch nicht fest. Allerdings sollen es mehr als 100 der 283 Passagiere gewesen sein. Schon am Nachmittag kamen erste Delegierte vor dem Konferenz-Gelände zusammen, um Kerzen aufzustellen und Blumen niederzulegen. „Was ein Schock“, sagte Holger Wicht von der Deutschen Aids-Hilfe. „Wenige Stunden zuvor sind wir dieselbe Strecke geflogen.“ Ohne Zweifel sei Joep Lange „einer der ganz großen Forscher im HIV-Bereich“ gewesen.

          Eine Absage der Konferenz, die bis zu 14.000 Teilnehmer haben wird, sei nicht im Sinne der Getöteten, die allesamt ihr Leben dem Kampf gegen Aids gewidmet hätten, hieß es von Seiten der IAS. „Auch als Würdigung ihres Engagements wird das Treffen wie geplant stattfinden und Gelegenheiten bieten, jener zu gedenken, die wir verloren haben.“ Zu der Aids-Konferenz werden unter anderen auch etliche prominente Aids-Aktivistin erwartet wie der ehemalige amerikanische Präsident Bill Clinton und der irische Musiker Bob Geldof.

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