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Familie : Wenn Opa nur geliehen ist

  • -Aktualisiert am

So einen Großvater würden sich Kinder borgen: Heidi (Anuk Steffen) und der Alm-Öhi (Bruno Ganz) in der Verfilmung von 2015. Bild: dpa

Seniorinnen, die junge Familien unterstützen, kennt man. Jetzt trauen sich auch Männer. Leih-Opas nennen jedoch andere Gründe als ihr weibliches Pendant.

          Can greift nach Hans Peter Kinkels Hand und schaut zu ihm hoch: „Können wir zur Schaukel gehen?“ So begann die Freundschaft zwischen dem damals Zweijährigen und dem damals 67-Jährigen vor etwa sechs Jahren, und sie hat sich mit der Zeit zu einer intensiven Beziehung entwickelt. Can ist manchmal mehrmals die Woche bei Kinkel und dessen Frau. Kinkel geht mit Can zum Fußball und nimmt ihn auch schon mal für ein paar Tage mit in den Urlaub.

          Dabei ist Kinkel nicht etwa Cans Opa, sondern sein „Leih-Opa“. Ein Phänomen, das noch recht selten ist. Auf Frauen, die sich ehrenamtlich als Leih-Omas engagieren, trifft man viel häufiger: Deren eigene Enkel wohnen in einer anderen Stadt oder einem anderen Land, sie selbst haben Zeit und Spaß daran, mit Kindern Zeit zu verbringen.

          So können sich Rentnerinnen, etwa über kirchliche Träger oder auch Portale im Internet, als ehrenamtliche Großmütter vermitteln lassen. Nun aber haben plötzlich auch Männer vermehrt Interesse daran, in ihrer Freizeit mit Kindern zu spielen, Ausflüge zu unternehmen oder auch mal Hausaufgaben mit ihnen zu machen.

          Erstmals gibt es eine Studie über dieses Phänomen

          An der Universität Frankfurt wird darum derzeit zum Phänomen der Leih-Opas am Fachbereich Soziologie geforscht. Entstanden ist diese Projekt-Idee aus der Beobachtung heraus, dass ältere Menschen in Mehr-Generationen-Häusern Lust haben, Fürsorge-Beziehungen zu im Grunde fremden Kindern einzugehen.

          „Hauptsächlich sind es Frauen, die in diesen Feldern tätig sind; spannend ist nun, sich auch einmal die Männer anzuschauen“, sagt Diplomsoziologe Luigi Wenzl, der das Projekt gemeinsam mit Birgit Blättel-Mink, Soziologieprofessorin an der Uni Frankfurt, und Alexandra Rau, Professorin für soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Darmstadt, durchführt. Es ist eine der ersten Studien überhaupt zu dem Thema.

          Finanziert wird das Projekt vom hessischen Wissenschaftsministerium. „Der Bedarf, Männer in die Betreuung von Kindern einzubinden, ist in unserer Gesellschaft vorhanden, gerade weil in den ersten Jahren Kinder vermehrt von Frauen betreut werden“, sagt Blättel-Mink.

          Klassische Rollenverteilung bei Leih-Großeltern

          Sei es, dass die Mutter zu Hause die Verantwortung übernehme, da immer noch mehrheitlich der Vater beruflich stärker eingespannt sei, oder sei es, dass Erzieher und Grundschullehrer meist Frauen sind. Und wenn man dann beobachte, dass Jungen mehr Probleme haben und eher von Gewalt und Aggressionen betroffen sind, stelle sich die Frage, wie in Zukunft das Fehlen männlicher Vorbilder kompensiert werden könne.

          Wirft man einen Blick auf die Zahlen für Hessen, sind Leih-Opas - Männer ab 50 Jahren aufwärts - noch recht selten anzutreffen: In der öffentlichen Tagespflege sind 37 Leih-Opas verzeichnet, im privaten Bereich auf der Internet-Seite betreut.de vier und in freiwilligen Projekten 44. „Interessant ist, dass es sich dabei nicht um ein städtisches Phänomen handelt, wie man annehmen könnte, sondern es verteilt sich über Landkreise und kreisfreie Städte“, sagt Blättel-Mink.

          Wenzl hat einige der Leih-Opas zu ihrem Hintergrund und ihrer persönlichen Motivation befragt. Ein finales Ergebnis liegt noch nicht vor, aber einige Tendenzen zeichnen sich schon ab. So seien es vor allem Ehefrauen, Lebensgefährtinnen oder der Freundeskreis, die die Männer dazu ermutigten, sich als Leih-Opa zu engagieren, so Blättel-Mink.

          Man(n) hat mit den eigenen Kindern zu viel verpasst

          Hintergrund für die Entscheidung der Männer sei oft, dass sie früher sehr viel gearbeitet und nun das Gefühl hätten, bei den eigenen Kindern etwas verpasst zu haben, was sie nun nachholen wollten. „Es besteht auch der Wunsch, Erfahrungen und Wissen weiterzugeben, doch die eigenen Enkel wohnen nicht in der Nähe“, berichtet Wenzl von den Gesprächen, die er mit den Leih-Opas geführt hat. Die meisten Männer wollten allerdings kein Kleinkind betreuen, sondern ein Kind, das sprechen, laufen und selbständig auf die Toilette gehen könne.

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