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Hollywood-Karriere : Die talentierte Miss Chastain

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Ein Traum ging für sie in Erfüllung, als sie in Liv Ullmanns Strindberg-Adaption „Fräulein Julie“ die Titelrolle bekam: „Liv war stets ein großes Vorbild für mich – sie ist die einfühlsamste Schauspielerin, die ich kenne. Außerdem schloss sich damit ein Kreis, denn beim Dreh zu ,The Tree of Life‘ hatte Terrence Malick plötzlich gesagt: ,Jessica, du spielst ja wie eine junge Liv Ullmann!‘ Verrückt, oder? Ich selbst hätte es nie gewagt, mich mit dieser Ikone zu vergleichen. Dass ich nun Liv live erleben durfte, war extrem inspirierend. Von ihr habe ich gelernt, als Schauspielerin stets offen, sensibel und verletzlich zu bleiben.“

Ich frage Chastain, ob es nicht strapaziös sei, so tief in die Gefühlswelt ihrer Figuren einzutauchen. „Doch, sehr sogar“, antwortet sie. „Sicher wäre es leichter, nicht so viel an sich heranzulassen und bloß gewohnte Mechanismen abzurufen. Aber ich kann keine Emotionen vortäuschen, ich muss mich wirklich hineinfallen lassen. Wenn ich mich in eine Figur verwandle, dann lebe ich mit deren Ängsten, Wünschen und Sorgen.“ Jede Rolle sei für sie eine neue Lektion in Empathie, fügt sie an: „Auch für einen Bösewicht kann ich Mitgefühl empfinden, wenn ich mir überlege, was ihn zu einem Monster gemacht hat. Im wirklichen Leben versuche ich ebenso, mich vorurteilsfrei auf meine Mitmenschen einzulassen – egal, ob es ein fremder Taxifahrer ist oder mein alter Freund Oscar Isaac.“

„Ich halte Modedesign für eine Kunstform“

An der Seite von Isaac, mit dem sie an der Juilliard School studierte, ist sie demnächst in „A Most Violent Year“ in den deutschen Kinos zu sehen. Mit einem flammenden Plädoyer hatte sich Chastain persönlich bei Regisseur J.C. Chandor für ihren Wunschpartner eingesetzt. Die beiden spielen ein Unternehmer-Pärchen, das im korrupten New York des Jahres 1981 um seine Existenz kämpft. Die ebenso skrupellose wie glamouröse Gattin erweist sich dabei unter all den schwerbewaffneten Macho-Männern als furchterregendste Figur des Films.

„Sie ist wie ein Raubvogel, und ihre viel zu langen Fingernägel sind ihre Krallen“, sagt die Aktrice über ihre Rolle, die ihr die dritte Golden-Globe-Nominierung bescherte. „Diese unpraktischen Fingernägel, mit denen man kaum vernünftig kochen kann, deuten an, dass sie lieber ein Imperium lenkt, als sich um den Haushalt zu kümmern.“ In dieser Ehe sei eindeutig die Frau die Strippenzieherin, betont Chastain und ergänzt: „Deshalb habe ich bei meiner Darstellung immer wieder an Dick Cheney gedacht, die treibende Kraft hinter George W. Bush!“

Während ich vergeblich versuche, mich an Dick Cheneys Krallen zu erinnern, frage ich sie, die immer wieder auf Best-Dressed-Listen auftaucht und sich sogar bei Modenschauen blicken lässt, ob es ihr denn leichtfällt, das Spiel auf den roten Teppichen mitzuspielen. „O ja“, sagt sie. „Es mag aus dem Munde einer Juilliard-Absolventin seltsam klingen, aber ich interessiere mich sehr für Mode! Dabei geht es für mich nicht darum, ob ein Hintern in einem Kleid toll aussieht. Ich halte Modedesign für eine Kunstform wie Malerei oder Musik. Ein fabelhaftes Outfit kann ebenso eine Geschichte erzählen wie eine Skulptur. Mode ist Ausdruck von Gefühlen, und manchmal muss ich sogar bei Modenschauen weinen.“

Schön und gut, entgegne ich, aber besteht nicht die Gefahr, dass der Fokus der Presse irgendwann nicht mehr auf der Schauspielkunst liegt, sondern auf den Klamotten? „Nun, bis jetzt wollen die meisten Leute mit mir noch über meine Arbeit reden“, meint sie. „Ich habe auch das Gefühl, dass sich das ziemlich gut steuern lässt. Und wenn ich mit einem aufsehenerregenden Auftritt nebenbei Werbung für einen Film oder ein Theaterstück machen kann – warum nicht?“

Zu guter Letzt, das Aufnahmegerät ist schon aus, erzählt Chastain noch mit leuchtenden Augen von ihren Plänen für die nächsten Tage und ihren Wünschen für die fernere Zukunft. Sie gesteht, dass sie inständig hofft, eines Tages mit Haneke arbeiten zu können. Offenbar glaubt sie an die Kraft des magischen Denkens. „Wer weiß“, meint sie lachend, „vielleicht passiert es ja wirklich, wenn ich es nur oft genug sage.“

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