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Jesidin trifft auf IS-Peiniger : „Ich bin erstarrt“

  • -Aktualisiert am

Im Heimatdorf: Aschwaq ist nach der Flucht aus Deutschland wieder in Lalisch im Nordirak – hier gedenkt sie am Mittwoch der Jesiden, die zu IS-Opfern wurden. Bild: AFP

Eine junge Jesidin traf in Deutschland ihren Peiniger des IS auf der Straße – und floh zurück in den Nordirak. Deutsche Behörden ermitteln.

          Bei der Projektstelle für Integration und für Flüchtlinge am Bahnhof in Schwäbisch Gmünd meldete sich im Februar die Jesidin Aschwaq. Sie berichtete von einer unglaublichen Erfahrung. Zufällig habe sie auf der Straße der württembergischen Stadt, wenige Meter von der eigenen Wohnung entfernt, ihren Peiniger, den IS-Kämpfer Abu Humam, wiedergetroffen. Ihre Geschichte klingt wie aus einem düsteren Film. Der Mann, so erzählte sie, habe sie 2015, als sie 15 Jahre alt war, von anderen Mitgliedern der IS-Terrormiliz für 1000 Dollar gekauft und sie über zehn Wochen täglich missbraucht und vergewaltigt. In Schwäbisch Gmünd soll Humam sie angesprochen und ihr gedroht haben. Dem kurdischen Journalisten Barham Ali erzählte das Mädchen: „Ich bin erstarrt, als ich in sein Gesicht gesehen habe. Es war definitiv Humam, er hatte denselben furchteinflößenden Bart, dasselbe hässliche Gesicht. Ich war sprachlos, als er mich auf Deutsch fragte, ob ich Aschwaq sei.“

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Am Freitag berichtete der SWR von weiteren Zeuginnen, die den IS-Entführer erkannt haben wollen. Der Sender zitierte Zemfira Dlovani, die stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden. Wo sich Humam derzeit aufhält, welche anderen Identitäten er benutzt, ist weiterhin unklar. Zeugenaussagen jesidischer Frauen aus dem Kontingent haben schon mehrfach zur Ergreifung von Tätern des IS geführt. In Humams Fall gestalten sich die Ermittlungen schwierig, weil Aschwaq ausreiste, bevor sie von der Bundesanwaltschaft überhaupt vernommen werden konnte. „Aschwaqs Reaktion war emotional. Es ist schlecht, wenn Hysterie in die Gemeinschaft getragen wird. Terrorismus bekämpft man nicht mit Panik“, sagte Michael Blume, Leiter des Referats Nordirak in der Stuttgarter Staatskanzlei.

          Baden-Württemberg hatte Anfang 2015 etwa 1100 Jesidinnen per Sonderkontingent aufgenommen, um den versklavten, vergewaltigten und sexuell missbrauchten Frauen aus dem Nordirak Schutz zu bieten. Den Anstoß hierzu gab der Besuch einer jesidischen Delegation auf einer auswärtigen Klausurtagung der Grünen-Landtagsfraktion in Berlin. Dort berichteten die Jesiden von der Verfolgung und reichten auch ein erschütterndes Fotobuch herum, in dem die Greueltaten des IS dokumentiert waren.

          Daraufhin beschloss Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), die Frauen aus dem Nordirak zu holen und in Deutschland zu therapieren. Von den 1100 Frauen und Mädchen wurden 100 in Schleswig-Holstein und Niedersachsen untergebracht. Die Versorgung regelte das Land per Verordnung. Es organisierte eine medizinische und psychiatrische Betreuung und verteilte die Frauen auf verschiedene Orte, teils in Einrichtungen karitativer Organisationen, teils in Privatwohnungen. Einige mussten zunächst auch stationär psychiatrisch behandelt werden. Immer ist der Aufenthaltsort anonym.

          „Wir waren mit ihr in Kontakt“

          Die Stadt Schwäbisch Gmünd bot Aschwaq im Februar rasch eine neue Wohnung an, um ihre Anonymität künftig besser schützen zu können. „Wir waren mit ihr in Kontakt, haben ihr eine neue Wohnung gesucht, aber dorthin wollte sie nicht ziehen“, sagt ein Sprecher der Stadt am Freitag. Aschwaq sagt hingegen, man habe ihr lediglich eine Notfalltelefonnummer angeboten. Die Stadt meldete den Vorfall der Polizei und dem Staatsschutz. Außerdem versuchte man zu recherchieren, wie ihr früherer Peiniger Abu Humam nach Schwäbisch Gmünd gekommen sein könnte. Aber es stellte sich nur heraus, dass er in der Stadt nicht bekannt und auch nicht als Flüchtling registriert war. „Wir wissen heute nur, dass die junge Frau nicht mehr in Schwäbisch Gmünd lebt“, sagt der Sprecher der Stadt.

          Verkauft für hundert Dollar

          Bekannt wurde die Geschichte von Aschwaq nun durch den kurdischen Journalisten Barham Ali, der im Internet von einem Treffen mit ihr und ihrer Familie berichtet. Im August 2014 waren Kämpfer des IS demnach in ihre Heimat im nordirakischen Sindschar-Gebirge eingefallen und hatten Hunderte junge Jesidinnen entführt. Sie wurden verkauft, wie Vieh auf dem Großmarkt, für rund 100 Dollar. Drei Monate lebte Aschwaq nach eigener Aussage als Sklavin beim IS, wurde misshandelt und gezwungen, zum Islam zu konvertieren. Als Aschwaq und ihre Mitgefangenen zu einem Arzt gebracht wurden, konnte sie fliehen.

          Nach Auskunft der Bundesanwaltschaft hat die junge Frau den Behörden fünf Tage nach ihrer Begegnung hiervon berichtet. Zu diesem Zeitpunkt konnte die Beschreibung des mutmaßlichen IS-Kämpfers aber keiner Person zugeordnet werden, auch anhand des Namens gelang keine erfolgreiche Identifizierung.

          Für das Jesiden-Sonderkontingent veranschlagte die Landesregierung im März 2015 Kosten in Höhe von 95 Millionen Euro. Auf eine parlamentarische Anfrage der AfD-Landtagsfraktion teilte das Innenministerium Ende Juni mit, dass 44 Millionen Euro ausgegeben worden seien, was auch daran liege, dass bei einigen Frauen mit einer Therapie noch nicht begonnen worden sei.

          Über die Integration der Frauen in die deutsche Gesellschaft machte das Ministerium nur vage Aussagen. Einige Frauen hätten Ausbildungen begonnen, Praktika absolviert oder seien auf der Suche nach Arbeitsstellen. Die AfD ist der Auffassung, dass es besser gewesen wäre, die schwer traumatisierten Frauen im Nordirak zu behandeln. Die hierzu erforderliche Infrastruktur zur medizinischen und vor allem psychiatrischen Behandlung ist im Nordirak aber nur in Ansätzen vorhanden. Aschwaq jedenfalls ist, offenbar aus Furcht vor ihrem Peiniger, in den Irak zurückgereist.

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