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Zwischen 12 und 18 Jahren : Jeder dritte Berliner Schüler hat Erfahrungen mit Cannabis

  • -Aktualisiert am

Alkoholkonsum ist in Flächenländern grundsätzlich höher als in Stadtstaaten – bei Cannabis ist es andersherum. Bild: dpa

In Berlin konsumieren Jugendliche deutlich mehr und früher Cannabis als im Rest Deutschlands, wie eine neue Untersuchung zeigt. Die Präventions-Fachstelle nennt das Ergebnis erschreckend. Warum wird in der Hauptstadt früher gekifft?

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          Berliner Jugendliche konsumieren deutlich früher und häufiger Cannabis als Gleichaltrige im Bundesgebiet. Nachdem die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schon im Juni auf das sinkende Alter bei Erfahrungen mit der illegalen Droge hingewiesen hatte, liegen aus der Hauptstadt jetzt neue beunruhigende Zahlen vor.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Demzufolge hat jeder dritte Hauptstadtschüler zwischen 12 und 18 Jahren Erfahrungen mit Cannabis. Die Jungen und Mädchen sind im Mittel 14,6 Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal an einem Joint ziehen – und damit 1,8 Jahre jünger als der Bundesdurchschnitt. Das geht aus einer Untersuchung der Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin hervor, für die mehr als 1700 Schülerinnen und Schüler quer über alle Schultypen des Landes anonym befragt worden sind.

          Während bundesweit 10 Prozent der 12- bis 17-Jährigen schon einmal Cannabis probiert haben, sind es in Berlin mit 30 Prozent dreimal so viele. 27 Prozent der befragten Konsumenten im Alter von zwölf bis 18 Jahren gaben an, gleich mehrfach in der Woche zu kiffen. Kerstin Jüngling, Geschäftsführerin der Präventions-Fachstelle, nannte diese Zahl erschreckend. Nahezu jeder zweite Jugendliche müsse nach internationalen Kriterien als suchtgefährdet gelten, etwa weil er schon vor der Schule oder vormittags Cannabis konsumiere oder sich wegen seines Drogengebrauchs soziale oder gesundheitliche Probleme eingehandelt habe.

          Trotz dieses alarmierenden Befundes halten die Berliner Koalitionsparteien Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen an ihrem Vorhaben fest, in einem Modellprojekt die Auswirkungen einer kontrollierten legalen Abgabe von Cannabis an Erwachsene wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Es gehe nicht darum, Cannabis zu verharmlosen oder eine freie Abgabe an alle zu erreichen, sagte Niklas Schrader, Sprecher für Innen- und Drogenpolitik der Fraktion Die Linke im Abgeordnetenhaus bei der Vorstellung der Studie. Die Kriminalisierung jedoch habe keinerlei präventiven Effekt.

          Catherina Pieroth, Sprecherin für Gesundheits- und Drogenpolitik der Grünen, sagte, ihr sei es lieber, wenn ihr 20-jähriger Sohn in der Apotheke oder Fachstelle kontrolliert „sein Cannabis“ erwerbe, dafür aber per Beipackzettel über die exakte Zusammensetzung der Droge informiert sei. Sie kündigte an, dass der Antrag für das Modellprojekt im September beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eingereicht werden solle. Zugleich wolle die Koalition in den anstehenden Haushaltsverhandlungen mehr Geld für Prävention bereitstellen.

          Berlin als hippe, coole, fortschrittliche Stadt

           Warum Cannabis unter Berliner Jugendlichen so normal und verbreitet ist, kann die Studie derweil nicht erklären. Offenbar liegt der Konsum in Stadtstaaten grundsätzlich höher als in Flächenländern, beim Alkohol ist es andersherum. Kerstin Jüngling sieht durchaus einen Zusammenhang damit, dass Berlin sich als hippe, coole, fortschrittliche Stadt verstehe. In der Präventionsarbeit zum Thema Cannabis fällt ihr sowohl bei Eltern als auch in Schulen immer wieder eine große Verunsicherung auf. Mütter und Väter würden lieber die Rucksäcke ihrer Kinder kontrollieren, als klar zu sagen: „Bitte mach das nicht! Kiff nicht unter 18!“

          Während auch aus Jünglings Sicht eine moderne Drogen- und Suchtpolitik für Erwachsene dringend erforderlich sei, gelte es, den Jugendlichen gegenüber eine klare Haltung einzunehmen. In der Pubertät müssten klare Grenzen gesetzt werden, sagte Jüngling. Ziel der Präventionsarbeit müsse sein, das Einstiegsalter anzuheben. Wie die Fachstelle in all ihren Materialien erläutert, kann Cannabis entgegen früherer Annahmen bei regelmäßigem Konsum zur Abhängigkeit führen und psychische Probleme verursachen.

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