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Fernbeziehungen : 48 Stunden für immer

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Wir sehen uns nächstes Wochenende, erst mal am Bahnsteig: Etwa jede achte Beziehung in Deutschland ist eine auf Distanz. Bild: Andreas Müller

Endlich vereint! So einfach ist es aber nicht: Wenn Paare nach einer langjährigen Fernbeziehung zusammenziehen, kann es oft schwierig werden.

          8 Min.

          Es war Liebe auf den ersten Blick: Bereits mit 16 Jahren verliebte sich Hannah Fricke während eines Zeltlagers in den acht Jahre älteren Manuel Albrecht. Doch nach der Freizeit verloren sich die beiden (die eigentlich anders heißen) aus den Augen, bis Albrecht seine Jugendliebe im Jahr 2012 über Facebook wiederfand. „Das war toll“, kommentiert es Fricke, „wir hatten uns beide in all den Jahren nicht vergessen.“ Nach der erfolgreichen Zusammenführung per sozialem Netzwerk schrieben die beiden fortan jeden Tag - Facebook war das Erste, das morgens nach dem Aufstehen gecheckt wurde, und auch abends schickten die beiden sich über Stunden lange Nachrichten hin und her.

          Einen Monat lang riss der digitale Kontakt nicht ab, auch wenn die beiden sich im echten Leben noch nicht wiedergesehen hatten - immerhin lagen 500 Kilometer zwischen ihren Wohnorten. Irgendwann ergriff jedoch Fricke die Initiative und stieg in Stuttgart in den Zug, um nach Hannover zu fahren, wo Albrecht wohnte. „Als ich in Hannover ankam, hat es dann komplett gefunkt“, erzählt es die 36-Jährige heute. Sie blieb das Wochenende. Sonntags musste sie jedoch wieder zurück nach Baden-Württemberg. Immerhin warteten dort ihre Wohnung, ihr Job, ja, ihr eigentliches Leben auf sie. Doch nach diesem Besuch war der Beziehungsstatus von beiden klar: vergeben - wenn auch auf Distanz.

          Keinen klassischen Alltag, sondern nur ein Feuerwerk der Gefühle

          Damit sind Albrecht und Fricke nicht allein: Rund 1,7 Millionen aller Paare leben in Deutschland mehr als hundert Kilometer voneinander entfernt und führen damit eine Fernbeziehung; das ergab eine Studie der Online-Partneragentur Parship. „Jeder achte Deutsche führt eine Fernbeziehung, und die Tendenz steigt“, heißt es bei dem Online-Portal „Farlove“. Das bestätigt auch der Psychologe und Beziehungsexperte Markus Ernst, der in seiner Hamburger Praxis Paarsuchende und auch eine Online-Partneragentur berät. Mitverantwortlich für die steigende Zahl der Fernbeziehungen seien die sozialen Medien: „Früher lernten sich die Leute noch auf Partys kennen. Heute ist der Radius bei der Partnersuche durch das Internet einfach viel weiter.“

          Die erforderliche Mobilität im Beruf ist ein weiterer Grund. Während man früher noch oftmals sein ganzes Leben bei einem Arbeitgeber beschäftigt war, gibt es heute in beruflicher Hinsicht weniger Stabilität. Flexibilität wird gefordert - oft auf Kosten des Privatlebens. Denn Beziehungen können dann meistens nur am Wochenende gelebt werden: Begrüßung am Freitagabend, sonntags dann viel zu schnell schon der Abschied.

          So war es auch bei Fricke und Albrecht. Das Paar sah sich nur jedes zweite oder dritte Wochenende. Meistens fuhr sie von Stuttgart nach Hannover, da er dort mit seinen drei Kindern aus einer geschiedenen Ehe lebte. Aber trotz der Kinder nahmen die beiden sich viel Zeit für Zweisamkeit. Es gab keinen klassischen Alltag, sondern nur ein Feuerwerk der Gefühle. 48 Stunden lang. Bis Fricke wieder in den Zug steigen musste. Die schmerzhafte Routine im Verabschieden haben alle Fernbeziehungs-Pärchen gemeinsam und mit der ständigen Sehnsucht wohl auch den Wunsch, irgendwann mit dem Partner das Leben komplett zu teilen. Endlich Gemeinsamkeit, nicht nur beschränkt auf ein paar Stunden in der Woche oder im Monat. Der Zusammenzug quasi als Belohnung für die Gefühlsachterbahn, die eine Fernbeziehung mit sich bringt.

          Keine Zeit mehr für Zweisamkeit

          Bei Fricke und Albrecht gab es bereits nach einem Dreivierteljahr ein absehbares Ende der Wochenendbeziehung. Laut Fricke kam die Initiative von ihrem Partner, der immer wieder betonte, wie gerne er sie bei sich hätte und dass er sich eine richtige Perspektive für beide wünsche. Zusammen. An einem Ort. Ein Umzug von ihm zu ihr habe nicht zur Debatte gestanden, wegen der Kinder. Nachdem sie einen neuen Job als Kundenbetreuerin bei einem Radiosender in Hannover fand, kündigte sie den in Stuttgart. Leicht sei das für Fricke nicht gewesen, immerhin hatte sie mit ihrem alten Team zehn Jahre zusammengearbeitet und fühlte sich in diesem durchaus wohl. Doch die Aussicht auf ein gemeinsames Leben mit ihrem Partner überwog alle Bedenken: Sie gab ihre Wohnung auf, verkaufte all ihre Möbel, verabschiedete sich von ihren Freunden und war bereit für das neue Leben im Haus von Albrecht.

          Noch ein Handkuss dann fährt der Zug los: Der Bahnsteig als Ort des Abschieds oder Wiedersehens
          Noch ein Handkuss dann fährt der Zug los: Der Bahnsteig als Ort des Abschieds oder Wiedersehens : Bild: Andreas Müller

          „Doch nach dem Umzug bin ich ziemlich schnell und ziemlich hart von meiner rosa Wolke in die Realität gestürzt“, kommentiert Fricke ihre Entscheidung heute. „Der Mann, den ich von der Fernbeziehung kannte, war ganz anders als der, den ich dann in den ersten Wochen kennengelernt habe.“ Denn während Albrecht sich anfangs noch von seiner besten Seite gezeigt habe, wurden seine Macken nur allzu schnell deutlich: Fricke beschreibt ihn als einen Morgenmuffel, der sich sogar aufregte, wenn die Kaffeemaschine zu laut war. Auch die Rollenverteilung habe er sehr traditionell gesehen: Selbst wenn Albrecht zwei Stunden früher Feierabend hatte, kochte er nicht, sondern wartete, bis Fricke daheim war und es übernahm. War das Bad mal nicht sauber, gab es abfällige Kommentare von ihm, selbst geputzt hat er nicht, so Fricke.

          Ein Alltag, in dem die beiden aneinander vorbeilebten, nahm schnell überhand. Während früher die Wochenenden ihnen gehört hatten, gab es nun keine Zeit für Zweisamkeit mehr. Nicht einmal nachts: Die kleine Tochter schlief immer mit im Bett. Und auch tagsüber hielten die drei Kinder, die mit im Haus lebten, die Erwachsenen auf Trab.

          „Nur: Im Alltag war kein Platz für mich. Obwohl ich alles für ihn aufgegeben habe.“

          Als Fricke dann nach gerade mal vier Wochen von einer ihrer häufigeren mehrtägigen Dienstreisen wiederkam, war ihr Partner distanziert und gestand ihr, er sei sich seiner Gefühle nicht mehr sicher. „Ich habe ihm gesagt, dass es doch ganz normal ist, dass wir erst mal ein bisschen Zeit brauchen, uns aneinander zu gewöhnen“, erzählt Fricke. Er meinte, er wolle es weiter versuchen: „Aber eigentlich bin ich mir sicher, dass es für ihn schon nach dem ersten Monat vorbei war.“

          Wirklich zu Ende ging es dann nach vier Monaten: Auf einer Gartenparty hatte Albrecht zu viel getrunken und warf Fricke, nicht gerade unter vier Augen, an den Kopf, dass er sie nicht liebe und dass sie hier nicht hingehöre. Einen Tag später packte sie ihre Sachen und zog aus. „Ich hatte nach meinem Auszug das Gefühl, als wäre es doch noch nicht vorbei und als wolle er, dass es wieder so ist wie während der Fernbeziehung: Glück und Euphorie pur“, so Fricke. „Nur: Im Alltag war kein Platz für mich. Obwohl ich alles für ihn aufgegeben habe.“

          So kann es gehen - obwohl sich die meisten Paare in einer Fernbeziehung einen gemeinsamen Alltag wünschen und den Zusammenzug somit eher als den Zieleinlauf sehen. Doch gerade wenn man sich vorher nur an den Wochenenden gesehen hat, birgt die neue Nähe viele Stolpersteine. „Während der Fernbeziehung haben sich beide meistens von ihrer Sonntagsseite gezeigt, und dann gibt es selten Konflikte“, erklärt Psychologe Ernst. „Im Alltag hatte jeder seine eigene Welt. Diese zwei Welten prallen dann beim Zusammenzug aufeinander.“ Wie bei Fricke und Albrecht können dann Macken zum Vorschein kommen, die den anderen enttäuschen können.

          Partner sollte sich wohlfühlen

          Um das zu vermeiden, empfiehlt Ernst, vorher eine Art Probelauf zu absolvieren. Zum Beispiel in Form eines längeren Urlaubs, in dem man einige Zeit gemeinsam verbringt. Grundsätzlich sei es auch einfacher, gemeinsam etwas Neues zu starten, als dass der eine Partner zum anderen zieht. Dennoch sei Letzteres meistens der Fall, so Ernst, und weiter: „Beide müssen sich dann gegenseitig einfach Zeit geben - auch wenn der Tipp vielleicht abgedroschen klingt.“ Rund sechs Monate könne es schon mal dauern, bis sich beide an den neuen Lebensrhythmus gewöhnt haben. Denn gerade auf demjenigen, für den alles aufgegeben wird, laste ein riesiger Druck. Immerhin will dieser Partner, dass der andere sich auch in der neuen Heimat wohl fühlt.

          So war es laut Fricke für ihren damaligen Freund, der mit der neuen Situation nicht fertig wurde. Und so ähnlich ist es auch bei Miriam Burg und Clément Gutowski. Vor rund einem Jahr zog Gutowski zu seiner Freundin nach Karlsruhe, nachdem sie sich zuvor zwei Jahre lang auf Distanz liebten. Sie wohnte damals noch in Heidelberg, er als gebürtiger Franzose in einem kleinen Dorf an der französisch-schweizerischen Grenze. Den Druck auf dem Partner mit Heimvorteil kennt auch Burg: Kontinuierlich wolle sie, dass ihr Partner sich wohl fühlt. Deshalb haben die beiden gerade anfangs viel die Stadt erkundet oder sind oft in Restaurants ausgegangen. „Er soll es schließlich nicht irgendwann bereuen, für mich nach Deutschland gekommen zu sein“, so die 24-jährige Studentin.

          Kennengelernt haben die beiden sich, als Burg während der Schulzeit ein Auslandsjahr in der Heimatstadt von Gutowski verbrachte. „Er war der einzige Franzose, der Englisch konnte, das hat mich fasziniert“, so Burg lachend. Auch nach ihrer Abreise hielten sie den Kontakt über vier Jahre, bis sie sich 2013 endlich wieder trafen und ein Paar wurden. Für beide war es schnell klar, dass die Beziehung ernst ist und sie irgendwann auch räumlich zusammen sein wollen. Eine Fernbeziehung als Dauerzustand ohne die Perspektive, bald zusammenzuziehen, kam für keinen der beiden in Frage. Sie sprachen viel darüber, wägten ab, wer zu wem zieht, und schließlich verlagerte Gutowski sein Leben nach Karlsruhe, wo Burg mittlerweile Lehramt für Sonderpädagogik studiert.

          Eine „feste Sprechzeit“ vereinbaren

          „Es war auf jeden Fall eine Herausforderung“, beschreibt der 32-Jährige die damalige Entscheidung. „Ich habe einen guten Job als taktischer Einkäufer in einem großen Technologieunternehmen für uns aufgegeben und musste nun schnell etwas Neues finden.“ Nach nur einem Monat Suche fand er eine neue Anstellung im Einkauf eines Unternehmens für Medizintechnik. Er arbeite seitdem „wie ein Tier“, sagt er, belegte parallel die ersten sechs Monate abends noch einen Deutschkurs - und lernte auch neue Seiten an seiner Freundin kennen. „Wir haben zwei verschiedene Streitkulturen, damit mussten wir beide erst mal umgehen lernen“, so Burg. Denn während sie ihre Familie eher als harmoniebedürftig beschreibt, bei der es auch im Konflikt ruhig und sachlich zugeht, kenne Gutowski es so, dass es auch gerne mal kurzzeitig lauter wird. Gerade am Anfang hatten beide deswegen schnell und viel Stress. „Wir haben uns dann oft in Situationen festgefahren und wussten nicht weiter“, erklärt Burg.

          „Nicht romantisch. aber realistisch“: Paar am Bahnhof in Berlin.
          „Nicht romantisch. aber realistisch“: Paar am Bahnhof in Berlin. : Bild: Andreas Müller

          Doch da sie schon aus der Zeit der Fernbeziehung gelernt hatten, wie wichtig es ist, Probleme direkt anzusprechen, haben sie darüber geredet und sich schließlich dazu entschieden, Hilfe von außerhalb zuzulassen. Drei Sitzungen bei einem Paartherapeuten haben den beiden geholfen, die Kommunikationsmechanismen des anderen besser zu verstehen und damit umzugehen. Man müsse einfach stetig offen sein, an sich zu arbeiten und sich immer die Zeit füreinander nehmen - auch wenn es gerade stressig sei, findet Gutowski.

          Dass eine gute Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg ist, sieht Beziehungsexperte Ernst genauso und denkt, dass viel zu wenig über das Wesentliche gesprochen und viel zu viel vermutet oder ignoriert wird. Natürlich solle nicht jede Kleinigkeit totgeredet werden, aber über die großen, wichtigen Sachen sollte immer ausführlich gesprochen werden. Gerade in der Anfangsphase kann es auch helfen, eine Art „feste Sprechzeit“ zu vereinbaren, in der über Wichtiges gesprochen wird, so der Psychologe.

          „Man soll sich bloß nicht zu stark auf den anderen fixieren„

          Aber auch schon vor dem Zusammenzug muss dieser große Schritt diskutiert werden. Wie stellen wir uns das Zusammenleben vor? Welche Eigenarten hat jeder von uns, die zu Konflikten führen könnten? Wie werden wir damit umgehen, dass wir uns plötzlich so viel sehen? Was passiert, wenn der schlimmste Fall eintritt und es nicht klappt? Über viele Fragen dieser Art sollte vorher klipp und klar gesprochen werden. „Das ist zwar nicht romantisch, aber realistisch“, bringt Ernst es auf den Punkt.

          Burg und Gutowski reden viel und ausgiebig. Dennoch sind auch nach über einem Jahr noch nicht alle Hürden genommen: Einen eigenen Freundeskreis beispielsweise hat Gutowski noch nicht gefunden. Doch das könnte sich bald ändern, denn nach all der Zweisamkeit geht er mittlerweile wieder seinem Hobby nach: dem chinesischen Kampfsport Jeet Kune Do. Ein bisschen „Ich-Zeit“ muss sein. Damit macht das Pärchen nach Markus Ernst auf jeden Fall noch einen Schritt in die richtige Richtung. Denn für den Psychologen ist es wesentlich, dass neben dem Aufbauen einer gemeinsamen Welt nicht vergessen wird, jedem Partner auch noch seine eigene zu lassen: „Man soll sich bloß nicht zu stark auf den anderen fixieren. Es ist äußerst wichtig, sich gegenseitig Freiräume zu geben und nicht alles zusammen zu machen.“

          Das französisch-deutsche Pärchen scheint also in vielen Punkten einiges richtig zu machen und freut sich schon auf den neusten Beziehungstest: Im Oktober erwarten sie ihr erstes Kind. Und auch Hannah Fricke hat den missglückten Start in Hannover mittlerweile verdaut, ist dort geblieben und nun neu verliebt in einen Mann, der diesmal in der gleichen Stadt lebt wie sie. Eine Fernbeziehung wäre für sie nicht noch mal in Frage gekommen.

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