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Rosenmontag : „Das moderne Venedig“

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Mer Kölsche danze us der Reih: Rosenmontag auf dem Heumarkt Bild: Stefan Finger

In Köln stehen an diesem Rosenmontag die kleinen Karnevalisten im Vordergrund. Trotzdem dürfen natürlich auch erwachsene Jecken Kamelle fangen und mitfeiern.

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          Die Stimmung ist unerwartet entspannt. Schon am Morgen finden verkleidete Jecken in Scharen den Weg vom Kölner Hauptbahnhof über den Domvorplatz und durch die Einkaufsstraße zum Rosenmontagszug. Die Innenstadt ist komplett abgeriegelt, die Geschäfte sind geschlossen und Polizisten säumen die Straßenränder, die den Zug teils nur mit Absperrband von den Zuschauern trennen.

          Ein Mitglied des ersten Vereins, der vorbeizieht, überreicht einer jungen Polizistin ein Plüschtier statt den traditionellen „Strüßjern“, den kleinen Blumensträußchen. Bei einer vorbeiziehenden Garde wird ein kleines Mädchen von seinen Eltern hochgehalten, um einem Gardisten ein Küsschen zu geben – sonst werden die Küsschen eigentlich umgekehrt an die hübschen Frauen verteilt.

          Kamelle-Fangen auch für Erwachsene

          Doch dieses Jahr stehen unter dem Motto „Wenn mir uns Pänz sinn, sin mir vun de Söck“ („Wenn wir unsere Kinder sehen, sind wir von den Socken“) die kleinen Karnevalisten im Vordergrund. „Ich will Süßigkeiten!“, ruft Guo Cheng Cheng. Dass es ganz schön weh tun kann, wenn man von einer der mehr als 700000 Tafeln Schokolade am Kopf getroffen wird, scheint sie nicht zu stören.

          Die 24 Jahre alte Chinesin strahlt beim Kamelle-Fangen ebenfalls wie ein Kind. Seit September vorigen Jahres macht sie einen Deutschkurs in Essen, um danach in Deutschland studieren zu können. Der Sprachlehrer hat den Ausflug zum Karneval für seine Schüler organisiert.

          Wenn Hells Angels Luftballons verkaufen

          Cheng Chengs Minion-Ballon – ein Disneycharakter aus dem gleichnamigen Film, der auch als Kostüm und auf einem Wagen zu sehen ist – wird hundert Meter entfernt verkauft. Dort steht Sebastian Aperlo den ganzen Tag an einer riesigen Heliumballon-Wolke aus rosafarbenen Einhörnern, „Hello Kitty“-Katzen, Piratenflaggen und vielem, was das Kinderherz begehrt – auch noch im Erwachsenenalter. Von den 350 Ballons, die sich immer wieder bedrohlich im pfeifenden Wind neigen, verkauft er 200 am Tag.

          Begeisterte Kamelle-Fänger: Guo Cheng Cheng und Liu Chang (von links) machen momentan einen Deutschkurs in Essen. Bilderstrecke

          Der in Italien geborene Argentinier lebt zurzeit in Spanien und verkauft an Weihnachten und Karneval die Ballons in Köln. Denn er liebt das Feiern im Rhein-Main- und Ruhrgebiet mit seinen Motorbike-Freunden. Der Mann im Marienkäferkostüm, der mit seinem ebenfalls als Marienkäfer gekleideten Sohn Luftballons verkauft, ist nach eigenen Angaben Mitglied der Hells Angels. Sein Lieblingskarneval sei natürlich der in Rio, aber direkt danach komme für ihn der Kölner.

          Weltoffenes Köln

          Vielleicht nicht wie in Brasilien, aber auch hier wird es nach und nach immer voller: Die Stadt Köln spricht von einer Million Jecken, die den Zug umjubeln. Auf den Bürgersteigen schieben sie sich nur noch schleppend durch die Massen, um einen Blick auf den acht Kilometer langen Zug zu erhaschen. Fünf Stunden lang ziehen 12000 Teilnehmer zu Fuß oder auf einem der 114 Vereins- und Satirewagen sowie auf Kutschen und 500Pferden an der Narrenschar vorbei und werfen den Karnevalisten dabei insgesamt 300 Tonnen Süßigkeiten zu. 82 Musikkapellen spielen die Kölschen Klassiker rauf und runter.

          Im italienischen Restaurant „XII Apostel“ klatschen die Köche auf der Arbeitsfläche den Takt mit. Der Zug fährt direkt vor den offenen Fenstern am Heumarkt vorbei. „Wenn et Trömmelche jeht“ ist auch das Lieblingslied von Christian Gebhardt. Der als Dompteur verkleidete Arzt ist gebürtiger Frankfurter und lebt schon seit fast zwanzig Jahren in Köln. Im angeschlossenen Hotel des „XII Apostel“ genießt er vom Balkon aus entspannt den Blick auf den Rosenmontagszug.

          Seit sieben Jahren lädt sein Freund Jörg Sassenberg nun zur Karnevalsparty in das Hotelzimmer – inklusive privatem Buffet und einem obligatorischen Fass Kölsch. Eigentlich komme keiner der Gäste aus Köln, aber alle fühlten sich hier Zuhause. „Die Kölner sind viel weltoffener und nicht so versnobt“, sagt Sassenberg auch im Hinblick auf die Düsseldorfer. Dass dort die kritischeren politischen Wagen fahren, spielt bei der Party im ersten Stock keine Rolle. „Köln ist das moderne Venedig“, sagt Gebhardt. Mit ein bisschen Phantasie und Schminke kann man es sich an Karneval zumindest vorstellen.

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