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Jean-Louis Trintignant : „Die Liebe kann man nicht beherrschen“

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„Wer vor der Liebe keine Angst hat, muss ein Dummkopf sein“: Jean-Louis Trintignant. Bild: REUTERS

Jean-Louis Trintignant, französische Kino-Legende, spricht über seinen neuen Film, über Jugend und Gefühl, den Tod seiner Tochter, seine Erlebnisse mit Bardot und Kinski - und die aufregende Liaison mit einer Deutschen.

          9 Min.

          Das wahrscheinlich kleinste Filmfestival der Welt. Fünf Tage, neun Filme, eine Ikone. Es ist kurz vor Mitternacht, und Jean-Louis Trintignant, 81, beantwortet mit der ihm eigenen Sanftmut immer noch die Fragen der Zuschauer zu seinem neuen Film - „Liebe“, Regie Michael Haneke. Es ist unerträglich schwül im einzigen Kino von Chambon-sur-Lignon, die Kinobesucher schwitzen, nur der französische Großschauspieler zeigt keinerlei Ermüdung. Es sind die großen Fragen, die hier von einem großbürgerlichen Publikum gestellt werden, es geht um die Liebe, das Leben und den Tod. Es sind die Fragen des Films.

          Dass ausgerechnet hier in der 2000-Einwohner-Provinz die französische Premiere von Trintignants Film stattfindet, ist ein Plot, der selbst nach einer Verfilmung verlangt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der jüdische Filmemacher und Intellektuelle Serge Korber, ein Trintignant-Freund seit fünfzig Jahren, hier zwischen den waldreichen Vulkanhügeln von der Résistance vor den Nazis gerettet. Als Dank dafür schenkte er Chambon sein Filmfest, Freund Trintignant kommt, sooft es seine Gesundheit erlaubt. Am nächsten Tag sind wir mit ihm, der 1956 an der Seite von Brigitte Bardot in „Und immer lockt das Weib“ seinen internationalen Durchbruch feierte, auf der Terrasse des Hôtel Bel Horizon zum Interview verabredet. Nebenan hält die Frauen-Volleyballnationalmannschaft Frankreichs, die in der Nähe ihr Trainingslager aufgeschlagen hat, einen Kaffeeplausch.

          Jean-Louis Trintignant hat die vielleicht schönste, auf jeden Fall die charismatischste Stimme, die ein Schauspieler nur haben kann. Aufgerauht und doch sanft, nimmt sie sein Gegenüber gefangen. In „Liebe“ spielt Trintignant den rüstigen Rentner Georges, der seine geliebte Ehefrau und intellektuelle Vertraute Anne (Emmanuelle Riva) nach einem Schlaganfall pflegen muss, bis ihm die letzten Kräfte versagen. Beim Interview trägt Trintignant einen dunkelblauen Pullover, darunter ein hellblaues Hemd, das an der Taille herausschaut. Laissez-faire eines freien Geistes.

          „Vermisse sie jede Minute meines Lebens“: Trintignant im Jahr 2001 mit seiner Tochter Marie, die 2003 getötet wurde.

          Monsieur Trintignant, können Sie mit 81 Jahren die Liebe erklären?

          Kann ich nicht, das kann keiner. Vielleicht so: Es ist jedes Mal anders, es gibt keine Regeln. In der Liebe muss man sich gehen lassen, wer zu viel nachdenkt, liebt nicht.

          Sie haben mal gesagt, Sie haben niemanden so stark geliebt wie Ihre älteste Tochter Marie, die 2003 von ihrem Freund, dem Rocksänger Bertrand Cantat, in einem Eifersuchtsanfall unter Alkoholeinfluss erschlagen wurde. Was war das Besondere an ihr?

          Das kann ich nicht erklären. Aber es stimmt, nie habe ich jemanden so stark geliebt wie sie. Meine Tochter hat mit vier verschiedenen Männern vier Kinder gezeugt. Ich war jedes Mal sehr eifersüchtig auf diese Männer, die ich alle gut kannte, denn jedes Mal nahmen sie mir ein Stück von ihr weg. Am Ende sogar alles.

          Wie sehr vermissen Sie sie?

          Ich vermisse sie jede Minute meines Lebens.

          Können Sie Cantat für das, was er getan hat, inzwischen vergeben?

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