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Jean-Louis Trintignant : „Die Liebe kann man nicht beherrschen“

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„Così dolce, così perversa“, das war ein schrecklicher Film. Das war Anfang der Siebziger, als fast alle meine Filme Kassenschlager waren. Also habe ich meinen italienischen Agenten gebeten, den dümmsten Film des Jahres für mich zu finden. In Frankreich hätte ich mich das nie getraut. Ich kannte den Regisseur überhaupt nicht, der Film war sehr albern. Ich war ja bekannt für eher intellektuelle Filme, also wollte ich sehen, ob auch ein schlechter Film mit mir Erfolg haben kann. Hatte er nicht.

Sie haben sehr viele große Rollen abgelehnt, bei Spielberg, Coppola, Bertolucci. Womöglich sind Sie der Schauspieler, der mehr gute Rollen abgelehnt hat als jeder andere.

Das weiß ich nicht. Aber es stimmt, dass ich viele Filme abgelehnt habe. Alle Schauspieler lehnen Filme ab, das gehört zu ihrem Job. Ich habe auch viele Filme gedreht, die andere abgesagt haben. Zum Beispiel „Treibjagd“, ein Film, den Belmondo nicht mehr machen wollte. Ich habe auch viele Filme gedreht, die Piccoli nicht machen wollte.

Wie erinnern Sie sich an Klaus Kinski, mit dem Sie 1968 „Leichen pflastern seinen Weg“ gedreht haben? Der scheue französische Intellektuelle trifft auf das „Enfant terrible“ des deutschen Films...

Er war ein Kretin. Ich hatte nichts übrig für Kinski. Er hatte nur das eine Ziel, sich durch sein Benehmen bei allen verhasst zu machen. Nur eine Anekdote: Wir drehten in dem berühmten Wintersportort Cortina d’Ampezzo, er war der Böse, ich der Gute. An jedem Tag kochte einer von uns Pasta. Eines Tages sagte Kinski: „Morgen koche ich die Nudeln.“ Alle waren überrascht. Tatsächlich ist er am nächsten Tag mit drei Kilo Nudeln angekommen, hat sie gekocht, probiert und dann eine große Zigarre im Kochtopf zerdrückt. Er wollte gehasst werden, das war sein Ding.

Nicht Ihr Ding war Hollywood.

Hollywood interessierte mich nicht. Ich bin wenig begabt für Fremdsprachen, was sollte ich also dort?

Heute suchen viele französische Schauspieler Ruhm in Amerika.

Um Ruhm habe ich mich nie gekümmert. Ich bin immer erstaunt, wenn man mich auf der Straße erkennt. Wenn mich jemand anspricht, frage ich ihn: „Wo haben wir uns getroffen, kennen wir uns aus der Schule?“ Und jedes Mal kommt die Antwort: „Ich habe Sie im Kino gesehen.“ Berühmt sein ist mir bis heute unangenehm. Ich verstehe nicht, warum man berühmt sein will.

Sie haben viele politische Rollen gespielt, etwa einen homosexuellen Faschisten oder einen zynischen Richter. Betrachten Sie sich als politischen Schauspieler, der durch seine Kunst etwas bewegen will?

Ja, so sehe ich das. Ich freue mich auch, dass Sarkozy nicht mehr an der Macht ist. Er war ein unehrlicher Mensch, gut, dass er weg ist. Hollande sollte wenigstens ehrlich sein. Ehrlich gesagt bin ich skeptisch, ob es überhaupt noch ehrliche Politiker gibt.

Sie sagten mal, Menschen mit ewigen Gewissheiten seien Dummköpfe. Sind Sie in Wahrheit ein...

Ein Anarchiste! Ein großer, unverbesserlicher Anarchist. (Er spricht es genüsslich erst französisch, dann deutsch aus.) An die Idee eines gemeinsamen Europa habe ich schon vor der Euro-Krise nicht glauben können. Wahrscheinlich ist das ein Fehler. Der Reiz Europas ist seine Unterschiedlichkeit, nicht die Gleichmacherei. Wenn das gemeinsame Europa in Zukunft Kriege verhindern kann, okay, dann wäre das Ziel schon erreicht.

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