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Jean-Louis Trintignant : „Die Liebe kann man nicht beherrschen“

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Es gibt Menschen, die kommen optimistisch auf die Welt, ich bin als Pessimist geboren. Manche sehen ein halbvolles Glas, andere ein halbleeres Glas; ich sehe das leere Glas. Ich habe als junger Mann immer geglaubt, ich würde jung sterben. Ich hatte eine gewisse Todessehnsucht, die mir attraktiv und lohnend vorkam. Vielleicht habe ich daraus eine stärkere Empfindsamkeit und Sensibilität entwickeln können als andere.

Eine Sensibilität, die Ihre Kunst als Schauspieler befeuert hat?

Ja, wahrscheinlich. Ohne diese Verzweiflung wäre ich nicht Schauspieler geworden.

Verzweifelt ist das eine, aber Sie haben als Jugendlicher etliche Selbstmordversuche unternommen. Das geht darüber hinaus.

Manche erleben Misserfolge und leben ganz gut damit. Ich sehe nur, was mir nicht gelungen ist, woran ich im Leben gescheitert bin. Bei einer Liebesgeschichte zum Beispiel nehme ich immer nur das schmerzhafte Ende wahr, nie den aufregenden Beginn. Als ich sieben, acht Jahre alt war, fand ich die Welt so ungerecht - sie war einfach nicht für mich gemacht. Deswegen die Selbstmordversuche. Auf der anderen Seite spürte ich auch, dass ich ein Mensch mit einer besonderen Gabe bin, der all die Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten auch ertragen kann. Sonst hätte ich nicht überlebt.

Mit Irène Jacob in „Drei Farben: Rot“ aus dem Jahr 1994.
Mit Irène Jacob in „Drei Farben: Rot“ aus dem Jahr 1994. : Bild: INTERFOTO

Sie kommen aus einem gutbürgerlichen, industriellen Elternhaus. Armut kann nicht der Grund für Ihre Verzweiflung gewesen sein.

Meine Eltern stammten aus bürgerlichen Verhältnissen, aber sie hatten Geldsorgen. Als ich 18 war, habe ich sogar für ihren Lebensunterhalt gesorgt. Sie hatten keine Arbeit, und als Spießbürger waren sie zu stolz, es zuzugeben. Es war eine sehr düstere Zeit.

Stimmt es, dass Sie als Kind Mädchenkleider tragen mussten, weil Ihre Mutter sich eine Tochter wünschte?

Ja, meine Mutter war ein wenig verrückt. Vor allem wollte sie eine große Künstlerin werden, was in ihrer Familie unvorstellbar war. Sie wollte eine Tragödiendarstellerin sein, Racine und Corneille spielen. Aber das ging natürlich nicht.

Sie haben einmal gesagt: „Schauspieler dürfen nicht spielen, sie müssen fühlen.“ Ich habe „Liebe“ das erste Mal im französischen Original gesehen, und obwohl ich zu wenig französisch spreche, war ich am Ende von der Geschichte total berührt. Ist das die Kunst des Schauspielers Trintignant?

Das ist Hanekes Talent. Er kann die Gemüter berühren, ganz ohne Tränen und Gefühlsduselei. Deswegen mag ich diesen Film auch so; er ist zur gleichen Zeit sehr nüchtern und ergreifend. Hätte ich den Film auf deutsch gesehen, ich hätte genauso empfunden wie Sie. Aber Sie haben recht: Wenn ich etwas hasse, dann sind es Gefühlsduselei und falsche Emotionen.

Mit Emmanuelle Riva in Michael Hanekes „Liebe“, der nun im Kino anläuft.
Mit Emmanuelle Riva in Michael Hanekes „Liebe“, der nun im Kino anläuft. : Bild: dpa

Reden wir über Ihr filmisches Werk. Welcher von über einhundert Filmen war Ihr wichtigster?

Die Frage stört mich, denn gleichzeitig würdige ich die anderen herab. Aber Rohmers „Meine Nacht bei Maud“, „Drei Farben: Rot“ von Kieslowski, „Der Konformist“ von Bertolucci und „Ein Mann und eine Frau“ von Lelouch bedeuten mir persönlich viel.

Der Film, den Sie am meisten bereuen?

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