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Jean-Louis Trintignant : „Die Liebe kann man nicht beherrschen“

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Nein, ich war nicht verbittert, denn sie hat mir vieles beigebracht, was eine tiefe Liebesbeziehung ausmacht. Sie sagte, was sie dachte, und tat, was sie wollte. Ihre resolute Klarheit war einfach phänomenal. Ausgerechnet eine Deutsche bringt einem Franzosen die Liebe bei. Kann man sich das vorstellen? Das verrate ich Ihnen jetzt nur, weil meine Frau nicht dabei ist, sie ist Elsässerin und spricht Deutsch: Ich habe diese Deutsche vor einigen Jahren wiedergesehen, und es war immer noch ein Funken zwischen uns. Aber wir beide hatten unser neues Leben.

Mit Romy Schneider in „Der Kampf auf der Insel“ von 1961.
Mit Romy Schneider in „Der Kampf auf der Insel“ von 1961. : Bild: INTERFOTO

Haben Sie heute noch Kontakt zur Bardot?

Nein, sie ist heute eine alte, sehr müde Dame im Rollstuhl. Was sie in ihrer Autobiographie geschrieben hat, gefiel mir nicht besonders, und sie hat schreckliche rechtsextremistische Ideen, die ich nicht leiden kann. Wie gesagt: Das Denken war nicht so ihre Stärke.

Kann einem die große Liebe auch Angst machen?

Ja, ja, ja! Natürlich! Wer vor der Liebe keine Angst hat, muss ein Dummkopf sein. Die Liebe kann man nicht beherrschen. Ich habe sehr viel gelitten, aber ich habe ihr immer getrotzt. Ich war zeit meines Lebens ein leidenschaftlicher Mann, ein leicht entflammbarer Kerl. Sagen wir, wie es ist: ein großer Liebhaber. (Trintignant grinst.)

Dann muss das hohe Alter für Sie eine extreme Qual sein?

Es ist schwer für mich, das Alter zu akzeptieren. Ich sehne mich nach der Jugend, nach den Gefühlen und Momenten der jungen Liebe. Ich weiß natürlich, dass man mit seinem Alter leben muss; aber ich möchte herumspringen, ich möchte verrückt sein, ich möchte Rennen fahren, dazu bin ich nicht mehr in der Lage. Mein Arm macht mir immer noch zu schaffen, den ich mir letztes Jahr gebrochen habe. Ich bin nicht in großer Form. Es ist ein Jammer.

Was ich meine: Leiden Sie darunter, dass Sie körperlich nicht mehr so lieben können, wie Sie gerne möchten?

Monsieur, da irren Sie sich. Natürlich lebt man im Alter seine Beziehungen auf weniger sinnliche und wollüstige Art als in der Jugend, aber es stimmt nicht, dass die Sinnlichkeit einfach verschwindet. Meine Sexualität ist mir auch heute noch sehr wichtig. Fragen Sie meine Frau! (Trintignant lächelt.)

Mit Marie-Christine Barrault in „Meine Nacht mit Maud“ von 1969.
Mit Marie-Christine Barrault in „Meine Nacht mit Maud“ von 1969. : Bild: ddp images

Ein Thema des Films ist die Sterbehilfe. Als junger Mann haben Sie mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen. Haben Sie mal daran gedacht, Vorkehrungen für den Fall zu treffen, dass Sie krank und bettlägerig werden und nicht mehr über Ihren eigenen Tod bestimmen können?

Ja, ich denke oft daran. Ich wollte mir genau dafür einen Revolver kaufen. Aber in Frankreich darf man solche Waffen nicht besitzen, und daher hat man mir einen Revolver verkauft, der keine richtigen Patronen abfeuern kann. Ich kann mich damit also nicht mal selbst erschießen. Wenn man älter wird und krank ist, ist es sehr schwer sich das Leben zu nehmen, deswegen ist das Thema Sterbehilfe so wichtig. Ich hoffe, dass ich jemanden finden werde, der bei mir den Knopf drückt, wenn es so weit ist.

Sie haben mal den Satz gesagt: „Ich wurde schon verzweifelt geboren.“ Woher diese Verzweiflung?

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