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Japans Prinzessin Mako : Flucht in die Freiheit

Zeremoniell: Mako in einer Video­botschaft für ein Keramikfestival Ende September Bild: ddp

Japans Prinzessin Mako wird am Dienstag den Bürgerlichen Kei Komuro heiraten. Aber die Tradition – und ein Skandal um ihren Verlobten – machen ihr das Leben schwer.

          3 Min.

          Es ist die Zeit des Abschieds. Mit einer Reihe von Besuchen verlässt Prinzessin Mako in diesen Tagen die imperiale Familie. Am Dienstag wird Mako den Bürgerlichen Kei Komuro heiraten, um mit ihm in den Vereinigten Staaten ein neues Leben zu beginnen. Solch eine Flucht in die Freiheit hat es im japanischen Kaiserhaus noch nicht gegeben.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Zeremonielle und feierliche Abschiede sind es für Mako, die am Samstag 30 Jahre alt wurde, nicht. Die traditionellen Akte, welche die Hochzeit einer japanischen Prinzessin sonst begleiten, sind abgesagt. „Ich hätte nie gedacht, dass die kaiserliche Familie sie auf diese Weise wegschicken würde“, sagt die Schriftstellerin Mariko Hayashi im Wochenmagazin Bunshun.

          Was war geschehen? Das Drama am Kaiserhof begann 2017 mit einem eigentlich freudigen Ereignis. Prinzessin Mako kündigte zusammen mit ihrem informell Verlobten Kei Komuro an, dass sie im kommenden Jahr heiraten wollten. Scheu und glücklich lächelten die Gleichaltrigen, die sich während des Studiums an der International Christian University in Tokio kennengelernt hatten, in die Kameras. Doch nur wenige Monate später war die Hochzeit verschoben. Magazine hatten über angebliche finanzielle Unregelmäßigkeiten in der Familie des Bräutigams berichtet. Der ehemalige Verlobte der Mutter von Komuro forderte mindestens vier Millionen Yen (31 .000 Euro) zurück, die er zum Lebensunterhalt und zur Ausbildung des Ziehsohns beigetragen hatte. Kronprinz Fumihito, Makos Vater, war nicht amüsiert. Er verlangte eine Klärung, bevor er der Hochzeit zustimmen könnte.

          Familie des Volkes

          Es war nicht nur die Sorge um das Wohl der Tochter, die Fumihito antrieb. Ausdrücklich betonte der Kronprinz, dass die Zustimmung der Bevölkerung zu der Hochzeit gegeben sein sollte. Fumihito ging es um den Ruf des Kaiserhauses, und Mako musste sich fügen. Der informelle Verlobte entschwand nach New York, wo er Jura studierte und jetzt in einer Kanzlei arbeitet. Am Montag sah er Mako zum ersten Mal nach mehr als drei Jahren wieder.

          Die Meinungen der japanischen Bevölkerung zu der Hochzeit sind auch heute noch gespalten. In einer Umfrage der Tageszeitung Mainichi gratulieren 38 Prozent der Prinzessin. 35 Prozent haben Vorbehalte. 26 Prozent sind gar nicht interessiert. Für das Kaiserhaus sind solche Zahlen unangenehm.

          Vor dem Zweiten Weltkrieg war der Tenno Staatsoberhaupt, und das imperiale System stützte sich darauf, dass die Menschen ehrfürchtig zum Kaiser aufblickten. Nach dem Krieg degradierten die amerikanischen Sieger den Kaiser in der Verfassung zum bloßen Symbol des Staates. Das Kaiserhaus suchte eine neue Rolle und fand sie, als 1957 der damalige Kronprinz Akihito – ein Novum – die Bürgerliche Michiko heiratete. Sie öffnete die Kronprinzenfamilie dem Publikum und präsentierte das Bild einer fast ganz normalen japanischen Familie. Statt Ehrfurcht prägten von nun an Hochschätzung und Zuneigung das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Kaiser. Akihito bestieg 1989 den Chrysanthementhron und wurde nach den in Japan häufigen Naturkatastrophen zum Tröster der Nation und zum Kaiser des Volkes.

          Sündenbock der Japaner

          Das war das neue Fundament des Kaiserhauses. Traditionalisten sehen es durch das Missbehagen großer Teile der Bevölkerung über den künftigen Ehemann von Mako gefährdet. Politologen wie Takashi Mikuriya sprechen davon, die Idee des imperialen Systems, das vom Volk getragen werde, sei völlig zusammengebrochen. Vielleicht fehle Mako das Bewusstsein, dass sie eine öffentliche Person und erst danach eine private Person sei, sagt der Wissenschaftler in Bunshun. Aus dieser Perspektive ist es Mako, die ihre Pflichten nicht erfüllt.

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          Eine japanische Besonderheit aber erlaubt auch eine andere Sicht der Dinge. Weil die Thronfolge allein den Prinzen vorbehalten ist, verlässt jede Prinzessin mit der Heirat den kaiserlichen Haushalt. Sie wird zur Bürgerlichen und repräsentiert Japan nicht länger. „Es ist deshalb abwegig, dass die Bevölkerung über Makos künftigen Partner urteilt“, sagt Kenneth Ruoff, ein auf das Kaiserhaus spezialisierter Historiker der Portland State University. In dieser Sicht sind es die Öffentlichkeit und die Medien, die zu viel von Mako verlangen.

          Druck haben sie in den vergangenen Jahren wahrlich aufgebaut. Die Magazine und Boulevardblätter machten sich nicht nur über die Finanzangelegenheiten der Mutter von Komuro und ihres früheren Verlobten her, sondern auch über den Suizid von Komuros Vater. Die Prinzessin selbst und ihre Familie wurden kritisiert, weil die Eltern Mako und ihre jüngere Schwester Kako auf der liberalen International Christian University in Tokio studieren ließen. Manche Kommentatoren machen die Prinzessin mit ihrem Verhalten auch jetzt schon verantwortlich dafür, falls ihr Bruder, der 15 Jahre alte Hisahito, nach seinem Vater Nummer zwei in der Thronfolge, in der Zukunft keine Frau finden sollte.

          Kostspielige Unabhängigkeit

          Über alldem entwickelte Mako psychische Störungen, teilte das kaiserliche Hofamt Anfang dieses Monats mit – wohl als Signal an die Medien, es rund um die Hochzeit nicht zu übertreiben.

          Trotz aller Widerstände hat die junge Prinzessin Mako sich letztlich mit großem Selbstbewusstsein mit ihrem Hochzeitswunsch durchgesetzt. Als Ab­schieds­geste an die Bevölkerung verzichtet sie auf eine Abschlagszahlung von rund 150 Millionen Yen (1,2 Millionen Euro), die ihr mit dem Abschied vom Kaiserhaus eigentlich zusteht, um angemessen leben zu können. Die Prinzessin lässt sich ihre Unabhängigkeit viel kosten.

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