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Japanische Küche in der DDR : Sukiyaki in Suhl

Fernostphantasien in der DDR: Rolf Anschütz, der Chef des japanischen Restaurants „Waffenschmied“, übt mit Angestellten das Stäbchenessen. Bild: Archiv Jörg Schneider

Mitten in der DDR-Provinz fand sich einst Europas exklusivstes japanisches Lokal. Sein Betreiber lebte seinen Traum, doch er opferte ihm auch vieles.

          Dies ist keine Geschichte über die DDR, sondern über einen Menschen, der sich etwas in den Kopf gesetzt und gegen alle Widerstände verwirklicht hat. So ein Mensch war Rolf Anschütz, gelernter Koch und Kellner, studierter „Ökonom für das Hotel- und Gaststättenwesen“. Ihm war das System, in dem er lebte, ziemlich egal, denn er lebte für etwas, und das war die Gastronomie. Gäste zu bewirten, ihnen einen unvergesslichen Abend zu bereiten und sie mit neuen Kreationen zu überraschen, das war seine Welt, dafür opferte er alles, am Ende sogar seine Familie.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Anfang der achtziger Jahre befand sich Anschütz im Zenit seines Schaffens. Sein Restaurant war auf Jahre im Voraus ausgebucht, sein Ruf eilte als offenes Geheimnis durch die DDR und bescherte der kleinen Bezirksstadt Suhl im Thüringer Wald internationale Aufmerksamkeit. Dabei hieß das Lokal nicht etwa „Tokio“, „Aufgehende Sonne“ oder „Samurai“, sondern „Waffenschmied“. Suhl war Zentrum der Jagdwaffenproduktion und das Gasthaus „Waffenschmied“ unweit des Marktplatzes lange ein Geheimtipp für vorzügliche Thüringer Küche - Klöße, Bratwurst, Rostbrätel.

          Dabei wäre es wohl geblieben, wenn Anschütz sich Ende der sechziger Jahre nicht an seine Ausbildung erinnert und ein japanisches Gericht kreiert hätte: Sukiyaki, eine Art Eintopf mit Rindfleisch, Nudeln, Zwiebeln und gequirltem Ei - alles heimische Zutaten, bis auf die Bambussprossen. „Da hat er anfangs Kohlrabi genommen“, erinnert sich seine Tochter Marion, 54. „Er hat überhaupt viel experimentiert und improvisiert.“ Sukiyaki kommt an bei den Gästen, und in Anschütz reift der Plan, im Hinterzimmer des „Waffenschmieds“ ein japanisches Gastmahl in fernöstlicher Umgebung zu servieren.

          „Da draußen sitzt ein echter Japaner, Sie sollen für ihn kochen“

          Den Genossen aber von der HO, der Handelsorganisation der DDR, der die Gaststätte gehört, stehen die Haare zu Berge. Ideen und Eigeninitiative sind ihnen suspekt, am Ende bedeutet das nur wieder Ärger. „Anschütz“, sagen sie also zu ihrem Angestellten, „haben Sie überhaupt eine Ahnung, wo Japan liegt?“ Doch Anschütz ist da längst nicht mehr zu bremsen, besorgt aus einer geschlossenen Gaststätte Tische und Stühle, sägt die Beine ab, dekoriert die Wände mit Stoffbahnen, Drachen, Lotusblüten und lässt Kimonos für Geishas nähen; die Ideen dafür holt er sich aus Büchern.

          Das erste Essen mit Stammtischlern und Lokaljournalisten läuft so gut, dass Anschütz verspricht, den Abend zu wiederholen, vor allem aber will er seine japanischen Kochkünste erweitern und verfeinern. „Du glaubst doch nicht, dass sich hier jemals ein Japaner blicken lässt“, sagen ihm Freunde. Doch genau das geschieht nur wenige Tage nach dem ersten Mahl. „Chef!“, soll eine Kellnerin aufgeregt in die Küche gerufen haben. „Da draußen sitzt ein echter Japaner und der will, dass Sie für ihn kochen!“

          Der Mann entpuppt sich als Gastprofessor aus Leipzig, und er hat einen Artikel aus der Suhler Tageszeitung „Freies Wort“ über den japanischen Abend im „Waffenschmied“ dabei. „Da wurde es hektisch“, erzählt Tochter Marion, die selbst als Geisha mithilft und kräftig improvisiert. Statt Sojasauce verwenden sie Worcester-Sauce und Bino-Würze, eine Art DDR-Maggi, doch dem Gast schmeckt’s, die Feuertaufe ist bestanden. Dem Japaner imponiert wohl auch die Leidenschaft, mit der Anschütz sein Projekt verfolgt, denn wenige Wochen später liefert die Post mehrere Pakete aus Japan im „Waffenschmied“ ab. Darin sind Sojasauce, Wasabi, Seetangblätter.

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