https://www.faz.net/-gum-72prw

Japanische Küche in der DDR : Sukiyaki in Suhl

Alles so echt wie möglich – oder wie er es sich eben vorstellt

Anschütz ist nun nicht mehr zu halten, und auch einige Genossen erkennen das Potential: Mit Hilfe der Kimono-Kaschemme müssten sich die Beziehungen zu Japan stärken lassen. In kurzer Zeit besuchen japanische Delegationen den „Waffenschmied“ und essen nicht nur, sondern geben Tipps für Atmosphäre und Rezepte. „Dadurch hat mein Vater viele Fehler vermieden, und das Restaurant wurde sehr schnell so original“, sagt Jörg Anschütz, 52. Zudem darf Rolf Anschütz über die HO nun Ware aus dem Westen beziehen. Auf dem Suhler Bahnhof kommen Container eines Düsseldorfer Feinkosthändlers mit Lachs, Shrimps, Jacobsmuscheln und Kaviar an, später auch direkt aus Japan.

In der DDR spricht sich herum, dass es in Suhl ein Restaurant wie im Westen - oder vielmehr wie im Fernen Osten gibt. Familien, Brigaden, Kollektive bestürmen das Lokal. Während seine Frau Ingrid die thüringische Küche hochhält, baut Rolf Anschütz die „Japan-Abteilung“ des „Waffenschmieds“ aus, tüftelt an Rezepten, studiert Bräuche. Er baut an und aus, installiert sogar ein Badebecken, in dem sich die Gäste vor dem Mahl reinigen und zur Ruhe kommen sollen. Alles soll so echt wie möglich wirken, jedenfalls so, wie er sich Japan vorstellt. Dass die Japaner ausgerechnet hier bei ihm das finden, was sie zu Hause längst vermissen, sollte ihm erst viel später bewusst werden.

Authentische Küche – zumindest so, wie er sie sich vorstellt: Koch Anschütz
Authentische Küche – zumindest so, wie er sie sich vorstellt: Koch Anschütz : Bild: Archiv Harry Krieg

Anschütz serviert nicht mehr nur japanisch, sondern entwickelt Gastmahle, gut vier Stunden dauernde Zeremonien für bis zu vierzig Gäste, die sich zur Begrüßung im Foyer verbeugen und anschließend nackt in den 38 Grad warmen Pool steigen - Chef und Sekretärin, Arbeiter und Direktor. „Alle waren auf einmal gleich“, erzählt Anschütz’ Sohn, der als Gastmahlleiter arbeitet. „Das hat die Leute entspannt.“ Die sozialistische Vision von der Abschaffung aller Klassen, sie verwirklicht sich ausgerechnet bei einer Tradition aus dem erzkapitalistischen Japan in einem Suhler Hinterzimmer.

Während des Bades gibt es leichte Getränke, japanische Lieder und am Ende für jeden einen Kimono. Das Restaurant ist mit Reismatten ausgelegt, die Gäste nehmen an niedrigen Tischen und auf Sitzkissen mit Lehnen Platz. Neben einem üppigen Sieben-Gänge-Menü bekommen sie Sitten und Bräuche Japans erläutert. „Es war wirklich ein einzigartiges Erlebnis“, erinnert sich Holger Uske, heute Stadtsprecher von Suhl. „Für Ost-Mark konnte man hier einfach mal ein paar Stunden im Westen sein.“ Anschütz’ Erlebnisgastronomie ist ein Renner, und die Leute stehen Schlange.

Die Preise allerdings sind gepfeffert. Je nach Qualität und Herkunft der Zutaten kostet ein Gastmahl 99, 112,50 oder 136,50 Mark Ost - etwa ein Fünftel eines Monatslohns. Schnell geht das Gerücht um, Anschütz verdiene sich mit West-Gästen eine goldene Nase. „Nein“, sagen Sohn und Tochter, die damals wie ihr Vater Angestellte der HO sind. „Wir waren kein Valuta-Restaurant, mussten in Ost-Mark abrechnen.“ Wer D-Mark hat, muss diese im einzigen Interhotel der Stadt tauschen, Kurs 1:1. Allerdings gelingt es einigen Mitarbeitern, ihren Lohn mit Trinkgeld, das großzügig gegeben wird, zu verdoppeln.

„Er hat die Familie vernachlässigt“

Vom Erfolg hört auch ARD-Reporter Fritz Pleitgen, der den „Waffenschmied“ in einer Dokumentation über den Rennsteig zeigt. „Das war ein Knaller, das absolute Highlight des Films“, erzählt Pleitgen, vor dessen Kamera nackte Gäste ungerührt in den Pool steigen und zunächst zögernd mit Stäbchen zu den Speisen greifen. „Dieses Ding passte in die DDR überhaupt nicht rein. Es war ein völliger Widerspruch zu dem Bild, das man im Westen vom Osten hatte.“ Das war wohl auch den Funktionären klar, die den Dreh überraschend schnell genehmigen. „Es war wie in einer Komödie“, sagt Pleitgen, der aber auch merkt, dass hier ein Japan stilisiert wird, das es nicht mehr gibt.

Weitere Themen

Topmeldungen

Mann mit Mission: Kolumnist Reinhardt bei der Probe

Wir kosten bei Aldi und Lidl : Wie gut sind Weine vom Discounter?

Kann der was? Unser Weinkolumnist hat 35 Weine von Aldi und Lidl in der Preisspanne von 1,99 bis 14,99 Euro verkostet – und die ein oder andere Überraschung erlebt. Hier sein Befund.

Tödlicher Schuss am Set : Regieassistent räumt Fehler ein

Die Hinweise zu Verstößen gegen Waffenregeln bei den Dreharbeiten zu „Rust“ haben sich bestätigt. Und Nicolas Cage hat schon mal wütend ein Set verlassen – weil die Waffenmeisterin, die auch bei „Rust“ arbeitete, Fehlzündungen nicht verhindert hatte.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.