https://www.faz.net/-gum-7nsd4

Japan : Nach Jahrzehnten in der Todeszelle ein neuer Prozess

Iwao Hakamada verlässt nach fast 50 Jahren das Gefängnis. Bild: AFP

Fast 50 Jahre lang saß Iwao Hakamada in der Todeszelle - wohl zu unrecht. Im Prozess gegen den ehemaligen Boxer sollen Beweise gefälscht worden sein. Nun wurde er aus einem Gefängnis in Tokio entlassen.

          Fast ein halbes Jahrhundert saß der Japaner Iwao Hakamada wohl zu Unrecht in der Todeszelle und musste dabei jeden Tag mit seiner Hinrichtung rechnen. Der mittlerweile 78 Jahre alte Mann war 1968 in einem Indizienprozess wegen mehrfachen Mordes verurteilt worden – nach neuesten Erkenntnissen deutet alles darauf hin, dass er all die Jahre zu Unrecht in der Todeszelle saß. Das Bezirksgericht im zentraljapanischen Shizuoka – eine knappe Zugstunde südlich von Tokio gelegen – entschied am Donnerstag, dass der Prozess neu aufgenommen werden muss. Unsicheren Schrittes verließ Hakamada nach dem Richterspruch das Gefängnis in Tokio.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Japan gehört zu den wenigen demokratischen Staaten, in denen die Todesstrafe noch verhängt und vollstreckt wird, 2013 in acht Fällen. Die Verurteilten bekommen die Entscheidung, wann sie getötet werden, erst kurz vorher mitgeteilt. So musste Hakamada, der in einer Einzelzelle saß, seit dem Urteilsspruch vor fast 50 Jahren täglich damit rechnen, dass er hingerichtet wird. „Wenn jemand 47 Jahre lang eingesperrt wird, kann niemand erwarten, dass er gesund bleibt“, sagte Hakamadas 81 Jahre alte Schwester Hideko. Ihr hat der Hakamada seine Freilassung zu verdanken, sie kämpfte über Jahrzehnte für ihn.

          Erzwungenes Geständnis?

          Richter Hiroaki Murayama vom Bezirksgericht von Shizuoka sagte am Donnerstag, die Ermittler hätten bei dem ersten Prozess womöglich Beweise gefälscht. In jüngster Zeit sind auch andere Fälle bekannt geworden sind, in denen angeblich Dokumente von der Polizei gefälscht wurden, um eine Anklage zu erreichen. Hakamadas Chef und dessen Familie wurden 1966 ermordet, die Beweismittel erst ein Jahr später gefunden. Einer der Richter, die an dem Urteil von 1968 beteiligt waren, gab später zu Protokoll, er sei nicht von der Schuld des Angeklagten überzeugt gewesen, seine Kollegen hätten ihn überstimmt.

          Der frühere Boxer Hakamada hatte die Morde ursprünglich bestritten, dann aber im Polizeiverhör ein Geständnis abgelegt. Später sagte er, er sei dazu gezwungen worden. Dennoch wurde das Todesurteil 1980 vom Obersten Gerichtshof bestätigt. Wichtigstes Beweismittel war blutbefleckte Kleidung, die ein Jahr nach der Tat präsentiert wurde. Hakamadas Unterstützer argumentierten, dass die Kleidung zu klein für ihn sei und die Blutflecken darauf verdächtig frisch erschienen. Spätere DNA-Analysen ergaben keine Verbindung zwischen Hakamada und der Kleidung. Dennoch blieb er nach Entscheidungen der japanischen Justiz – zuletzt 2004 und 2008 – trotz der Zweifel an seiner Schuld in der Todeszelle.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bayern-Sieg im DFB-Pokal : Geballte Münchner Klasse

          Nach dem Meistertitel in der Fußball-Bundesliga sichert sich der FC Bayern nun das Double. Die Münchener setzen sich im Pokalfinale gegen RB Leipzig durch. Vorstandschef Rummenigge bestätigt anschließend: Trainer Kovac bleibt.
          Regisseur Bong Joon-ho hat mit seinem gesellschaftskritischen Thriller die erste Goldene Palme für Südkorea geholt.

          Blog | Filmfestival : Hochverdienter Gewinner

          Mit „Parasite“ siegt in Cannes ein gesellschaftskritisches Drama mit teils schwarzem Humor aus Südkorea. Zwei Entscheidungen der Jury überraschen allerdings.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.