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Japan : Melonen für Millionen

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Der Bürgermeister von Yubari Naomichi Suzuki (rechts) posiert mit Takamaru Konishi, der 24.000 Euro für zwei Melonen gezahlt hat. Bild: Picture-Alliance

Manche Obstsorten werden in Japan wie Edelsteine gehandelt. Für zwei Melonen hat ein Händler jetzt eine neue Rekord-Summe gezahlt – und sich bewusst für ein Verlustgeschäft entschieden.

          Es war Liebe auf den ersten Blick. Kaum hatte Takamaru Konishi die zwei behutsam in eine hölzerne Kiste gebetteten Melonen entdeckt, sprang er auf und rief: „Drei Millionen!“ Und so begann die erste Melonen-Auktion der Saison auf dem Großmarkt in Sapporo, der größten Stadt der nördlichsten japanischen Hauptinsel Hokkaido, kurz nach sieben Uhr morgens mit einem Paukenschlag. Für die zwei Yubari-Melonen zahlte er am Donnerstag umgerechnet 24.200 Euro. Die Erstgeborenen eines Jahres versprechen eben, auch in Melonenform, Glück und Wohlstand für den Käufer.

          „Yubari King“ heißt diese besondere Kulturvarietät der Cantaloupe-Melone, die exklusivste in Japan, wo Obstsorten mitunter wie Edelsteine gehandelt werden. Sie wächst nur in Yubari, einer Kleinstadt anderthalb Zugstunden von Sapporo entfernt. Drei Millionen Yen – so viel wurde bisher (weder in Japan, noch weltweit) für noch kein Melonenpaar gezahlt. 2008 lag der Rekord bei 2,5 Millionen Yen, 2014 wurde er wiederholt. In diesem Jahr wurden bei der ersten Versteigerung des Jahres insgesamt 540 Melonen von neun Züchtern feilgeboten. Sie weisen einen höheren Zuckergehalt auf als in den vergangenen Saisons, weil das Wetter 2015 wesentlich besser gewesen ist.

          Das allein erklärt den hohen Preis von Takamaru Konishi freilich nicht. Wer das erste Gebot abgibt, dem geht es nicht um den Gewinn. Später werden die Melonen zu einem Bruchteil des gebotenen Preises an die Verbraucher weiterverkauft. Es geht – darin ähneln sich japanische Lebensmittel-Auktionen, sei es Thunfisch oder Mango – darum, ein Zeichen zu setzen. Die Yubari-Auktionen gelten als verlässliches Wirtschaftsbarometer, und dieses Zeichen kam der seit Jahren schwächelnden japanischen Konjunktur gerade recht.

          Der 36 Jahre alte Bieter, Takamaru Konishi, arbeitet für Kurashi Kaientai, ein Lebensmittelgeschäft in Amagasaki zwischen Osaka und Kobe. Er habe gute Erfahrungen mit dem Verkauf von Yubari-Melonen über das Internet gemacht, sagte er der Zeitung „Asahi Shimbun“. „Die Bauern in Yubari haben uns immer unterstützt. Jetzt geht es darum, etwas zurückzugeben.“

          Die Stadt kann positive Nachrichten gut gebrauchen

          Die symbolische Schlagkraft der Meldung, die am folgenden Tag viele Zeitungen des Landes füllen sollte, erkannte auch der rasch zum Großmarkt geeilte Bürgermeister von Yubari, Naomichi Suzuki. Er freue sich, sagte er der örtlichen Presse, dass der Bieter offenkundig die hohe Qualität der Melonen wertschätze und der Stadt ein Zeichen gebe, nicht aufzugeben. „Vielleicht erreicht diese gute Nachricht ja noch den G7-Gipfel!“, frohlockte er vor laufenden Kameras. Seine Stadt in Hokkaido kann positive Nachrichten gut gebrauchen. Sie steht sinnbildlich  für die Überalterung und Überschuldung, die vielen Kommunen im Land noch bevorstehen wird. Im Vergleich zu den fünfziger und sechziger Jahren ist die Bevölkerungszahl der ehemaligen Hochburg des Kohleabbaus um 90 Prozent geschrumpft. Vor zehn Jahren meldete die Stadt Bakrott an.

          Form, Süße und Schale der Yubari-Melone bestimmen ihren Preis. Vor allem geht es bei den Lebensmittel-Auktionen aber darum, ein Zeichen zu setzen.

          Naomichi Suzuki, der zu jener Zeit im Alter von 26 Jahren als Beamter der städtischen Wohlfahrt von Tokio nach Yubari kam, hinterließ solch einen guten Eindruck in der Stadt, dass die Bürger ihn baten, zurückzukehren – als Bürgermeister. Sein altgedienter Konkurrent verzichtete ihm zugunsten auf eine neuerliche Kandidatur. Nach seiner Wahl war Naomichi Suzuki 2011 mit damals 30 Jahren der jüngste Bürgermeister Japans.

          Die Yubari-Melonen sind mit 97% der stärkste Wirtschaftszweig der städtischen Landwirtschaft. Die rund 280 Hektar erbringen jedes Jahr im Schnitt drei Milliarden Yen (24 Millionen Euro). Die Bauern verkaufen sie über eine Kooperative, die jedem Exemplar eine Note gibt. Niemand darf allein Geschäfte machen. Ursprünglich wuchs in Yubari nur die  amerikanische Sorte „Spicy Cantaloupe“, die zwar sehr süß war, deren rugbyballartige Form den Züchtern allerdings missfiel. Sie kreuzten sie mit der europäischen Sorte „Earl's Favourite“, die fast perfekt kugelförmig ist. Seither wächst die „Yubari King“ nur in Yubari. Selbst Nachbardörfer auf Hokkaido versuchten sich an ihr und scheiterten.

          Die prestigeträchtigste aller Obstsorten

          Im Februar, wenn der letzte Schnee gefallen ist, wird die Saat der Yubari-Melone ausgetragen. Die Erde ist reich an Vulkangestein, sie wird durch warmes Wasser in Rohren gewärmt. Nach 105 Tagen werden die ersten Melonen geerntet, die Saison beginnt im Mai und endet im September. Für gewöhnlich kauft ein Lebensmittelgeschäft aus Sapporo die ersten Melonen, stellt sie aus, damit die Kunden darauf bieten können. Diesmal kam er aus Amagasaki.

          Einige Tage nach der Auktion lud Takamaru Konishi seine Kunden zum Melonenessen ein.

          Die Zuckermelone aus Yubari ist ein beliebtes Geschenk. In großen Einkaufshäusern wird ein Exemplar mitunter für Preise jenseits der 100 Euro gehandelt. Zwar erzielen besondere Äpfel und Erdbeeren auch hohe Preise, aber die Yubari-Melone ist die prestigeträchtigste aller Obstsorten. Der Preis wird bestimmt von der Form, der besonders gleichmäßig vernetzen Schale und der Süße, die aber auch nicht zu stark sein darf. In vielen Geschäften werden sie wie auf einem Schrein präsentiert. Das Grün hat im Idealfall eine symmetrische T-Form. Ende vergangenen Jahres erklärte die Regierung, bald auch geschützte Herkunftsbezeichnungen einführen zu wollen, um etwa den Züchtern von Kobe-Rindern oder eben Yubari-Melonen den Rücken zu stärken.

          Takamaru Konishi flog noch am selben Tag zurück und stellte die Melonen in seinem Laden aus. Im Internet verkaufte er sie am Wochenende, die eine für gut 800, die andere für 450 Euro. Einen kleinen Dämpfer erhielt die Erfolgsgeschichte am Sonntag, als einer der Käufer aus unbekannten Gründen von seinem Gebot zurücktrat. Auch die unterlegenen Bieter zogen anschließend ihre Gebote zurück. Takamaru Konishi lud also alle Kunden am Montag zu einer Verköstigung in seinen Laden ein. So schön sie auch sind – ewig halten sich auch Yubari-Melonen nicht.

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