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Jane Fonda und Lily Tomlin : „Die meisten unserer männlichen Freunde sind Feministen“

  • -Aktualisiert am

Vom Schicksal zusammengeführt: Jane Fonda und Lily Tomin in „Grace an Frankie“ Bild: Netflix

In der neuen Netflix-Serie „Grace and Frankie“ spielen Jane Fonda und Lily Tomlin zwei Frauen, deren Männer sich ineinander verlieben. Ein Gespräch über gebrochene Herzen, die Rolle der Frau und die Bezahlung von Hausarbeit.

          In einer Suite des West London Hotel in Beverly Hills sitzt Jane Fonda sehr aufrecht in einem Stuhl und wartet auf Lily Tomlin, mit der sie in ein paar Minuten ein Interview zur Netflix-Serie „Grace and Frankie“ geben wird. Die beiden Frauen spielen darin die titelgebenden Mittsiebzigerinnen, denen ihre Männer (Martin Sheen als Robert, Sam Waterston als Sol) eröffnen, ineinander verliebt zu sein und heiraten zu wollen. Eher widerwillig raufen sich die biedere Grace (Fonda) und Alt-Hippie Frankie (Tomlin) zusammen, um die Lage zu meistern.

          Fonda trägt einen schwarzen Blazer über einem blauen Top; das einstige Sexsymbol, die Oscar-Preisträgerin und politische Aktivistin ist zur eleganten Großmutter gereift. Auf ihrem Schoss sitzt mucksmäuschenstill Tulea, ein Coton de Tuléar, wie sie den anwesenden Journalisten buchstabiert. „Sie ist ein sehr braver Hund“, sagt Fonda, „sie ist jeden Tag am Set.“ Inzwischen ist auch Lily Tomlin, in einer etwas schrilleren Bluse mit Giraffenmuster, eingetroffen. „Sehr süßes Kerlchen“, sagt Tomlin trocken. „Ich habe schon ein paar Mal versucht, sie zu befreien.“ Fonda grinst.

          Ms. Fonda, Ms. Tomlin, Sie scheinen ja gut miteinander auszukommen. Sind Sie im wahren Leben freundschaftlich verbunden?

          Tomlin: Ja. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen als junge Frauen geht, aber viele Leute haben keine Ahnung, wie wichtig Frauenfreundschaften sind. Vielleicht verstehen sich viele Frauen eher als Konkurrentinnen, aber das füttert eigentlich bloß ein dummes Klischee.

          Fonda: Ja, und es wird von den Medien gern noch befördert, dass Frauen stutenbissig sind, dass sie sich gegenseitig gern behindern. Im Gegenteil: Frauen können viel tiefere, produktivere Beziehungen eingehen als Männer. Und das wird einem immer klarer, je älter man wird.

          In der Serie geht es um eine eher schwierige Frauenfreundschaft, die ihren Ausgang nimmt, als die Ehemänner der Titelfiguren verkünden, ineinander verliebt zu sein. Wie war das, als Marta Kauffman, die einst die Serie „Friends“ schuf, mit diesem Projekt auf Sie zukam?

          Tomlin: Wir fühlten uns vom Glück verwöhnt!

          Fonda: Ja, es war ein Segen! Marta Kauffman hatte diese wunderbare Idee und hat uns das Konzept vorgestellt, bevor die Serie geschrieben war – und wir haben uns drauf gestürzt.

          Sie spielen zwei Frauen, die vor den Scherben ihrer Existenz stehen – weil sie ihre Leben um ihre Männer herum orchestriert haben. Keine gute Idee, oder?

          Fonda: Nein. Es ist ja einer der Grundsätze des Feminismus, dass wir nicht aufgeben dürfen, wer wir sind. Wir sind nicht nur dann okay im Leben, wenn wir uns einem bestimmten Männertypus angeschlossen haben. Ich darf das wohl sagen, weil ich lange so gelebt habe: Wenn ich nicht an der Seite irgendeines Alpharüden stehe, habe ich keine Bedeutung und Existenzberechtigung. Von dieser Haltung hat auch Grace einiges, und deswegen spiele ich sie gern. Und deswegen braucht sie Frankies Hilfe, die hat sich nämlich auf diesen Unsinn nie eingelassen. Stimmt´s?

          Tomlin: Natürlich kann man sich einem Ehepartner verpflichten oder für eine Beziehung engagieren. Aber man muss sich soviel eigene Freiheiten bewahren, dass man da, wenn es sein muss, heraustreten und sich selbst retten kann.

          Feminismus galt in der jüngeren Generation der Amerikanerinnen bis vor kurzem als Schimpfwort, erst jetzt scheint sich das wieder zu wandeln.

          Fonda: Da bin ich aber froh, das zu hören!

          Tomlin: Wer Feminismus für ein Schimpfwort hält, muss von komischen gesellschaftlichen Normen und Medienschlagworten beeinflusst sein…

          Fonda: … dass man nämlich gegen die Männer und ein wütendes Weibsstück ist, das BHs verbrennt. Das hat damit natürlich nichts zu tun. Feminismus ist nichts weiter als der Anspruch darauf, ein vollständiges menschliches Wesen zu sein, mit gleichen Rechten und gleichen Chancen.

          Tomlin: Und das geht übrigens genauso um Männer – das gilt für die gesamte Menschheit.

          Fonda: Die meisten unserer männlichen Freunde sind Feministen, meinst du nicht?

          Tomlin: Ich glaube schon!

          Fonda: Außer vielleicht meine Ex-Ehemänner (lacht).

          Ist es wichtig, dass Frauen finanziell unabhängig sind?

          Tomlin: Ich finde, dass Hausfrauen für ihre Arbeit bezahlt werden sollten – das ist eine große, schwere Aufgabe, und viele dieser Frauen verdienen nicht ihr eigenes Geld. Meine eigene Mutter war eine Hausfrau, bevor sie als Krankenschwester zu arbeiten begann, als ich ungefähr zwölf war. Mein Vater gab ihr vierzig Dollar in der Woche von seinem Gehalt, aber er erwartete von ihr, dass sie davon auch die Miete bezahlte. Das war ziemlich hart durchzuziehen.

          Fonda: Es ist schwer, sich einen härteren Job vorzustellen: Als Mutter Jugendliche großzuziehen, den Ehemann zu betutteln, sich um den Haushalt zu kümmern und vielleicht noch die alternden Eltern zu versorgen. Natürlich sollte man dafür bezahlt werden! Das ist das eine. Das andere ist, das wir alle unsere Töchter dazu erziehen sollten, ihr eigenes Geld verdienen zu können. Denn ohne Berufsfertigkeiten dazustehen, kann unter Umständen ganz schön schwierig sein - egal in welchem Alter.

          Ms. Fonda, Sie haben gesagt, dass Sie sich mit Grace identifizieren können.

          Fonda: Nun, sie ist eine Frau, die in dieser kleinen engen Kiste lebt – sie spielt mit ihren Freundinnen Karten, sie spielt ihrem Mann zuliebe Golf, sie geht nie ohne Make-up aus dem Haus und muss dünn sein und diese ganze Scheiße. Und als ihr das alles weggenommen wird, fällt sie auseinander, weil sie nicht weiß, wer sie ist. Das ist ein wichtiges Thema, denn ich bin nicht die einzige, die sich in ein enges Korsett verstrickt hat, nur um nicht allein zu sein. Ich glaube, dass uns hier viele Themen offenstehen, mit denen sich ältere Frauen  befassen. Viele Frauen werden ziemlich mutig, wenn sie älter werden.

          Partnertausch: Weil sich ihre Männer ineinander verlieben, stehen Grace und Frankie plötzlich alleine da.

          Sie haben selbst drei Ehescheidungen hinter sich, von dem französischen Filmemacher Roger Vadim, von dem amerikanischen Aktivisten Tom Hayden und von dem Medienmogul Ted Turner.

          Fonda: Wenn eine Beziehung endet, glaubt man, sterben zu müssen, so traurig und schmerzhaft ist es. Ich kenne dieses Gefühl. Aber nach einer Weile realisiert man, dass sich ganz neue Perspektiven eröffnen, dass man plötzlich ein ganz anderer Mensch sein kann. Das wäre nie passiert, wenn diese Person einen nicht verlassen hätte. Erst im Rückblick wird klar: Man ist nicht gebrochen worden, man ist bloß aufgebrochen.

          Hatten Sie Einfluss auf die Gestaltung Ihrer Rolle?

          Fonda: Ich bin so neu im episodischen Fernsehen, dass ich gar nicht gewusst hätte, wie ich mich einbringen kann. Es ist ja gar nicht so leicht, eine solche Geschichte zu schreiben, in der viel Reales mitschwingt. Ich habe also lieber die Klappe gehalten und einfach mitgemacht. Allerdings: Nach der ersten Staffel habe ich sehr wohl ein paar Ideen, die ich zur Sprache bringen möchte. Und wenn man mir nicht zuhört, werde ich Krach schlagen.

          Ihre Figur sagt, als ihr Mann sie verlässt, sie habe sich stets für „glücklich genug“ gehalten.

          Fonda: Viele von uns gehen doch durchs Leben und sagen, okay, ich bin glücklich genug, so könnte ich weitermachen. Aber im besten Fall werden wir aus dieser Situation hinaus gestoßen. Das ist sehr wichtig – ich weiß darüber Bescheid, es ist mir selbst passiert.

          Ist es auch wichtig, Hilfe annehmen zu können?

          Fonda: Ja. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Als mir mein Herz gebrochen wurde, bot mir eine Freundin eine Massage an. Aber als man mich berührte, brach ich in Tränen aus und musste vom Tisch klettern – weil ich mich fühlte, als wäre ich es nicht wert, berührt zu werden und Genuss zu empfinden.

          Tomlin: Das stammt vielleicht noch aus deiner Kindheitserfahrung.

          Fonda: Nun lass uns mal nicht zu tief schürfen, wir sitzen hier vor der Presse.

          Ms. Tomlin, was mögen Sie an Ihrer Figur?

          Tomlin: Ich mag an Frankie, dass sie an so vielen Dingen interessiert ist, dass sie Gleitgel für Frauen herstellt, dass sie vielen Dingen gegenüber offen ist. Sie malt, auch wenn sie keine große Künstlerin zu sein scheint. Mir gefällt, dass sie Sol vergeben möchte und ihn verteidigt und seine Würde bewahren will. Sie versteht, dass er diesen Graben, der sich da für ihn auftat, nicht länger überspannen konnte.

          Die Serie hätte eine Klamotte im Stil von „Ein seltsames Paar“ sein können – aber sie meint es durchaus auch ernst.

          Tomlin: Diese Frauen stehen vor einer ziemlich krassen Erfahrung, aber diese Erfahrung müssen sie durchmachen und durchleben, so realistisch wie möglich. Das ist wichtig, und deswegen machen Jane und ich diese Serie ja – weil uns die Idee anmacht.

          Fonda: Ich habe genügend Drehbücher gelesen um zu wissen, dass man als ältere Frau fast immer die Pointe irgendwelcher Witze ist.

          Tomlin: Ja, man ist die schrullige Großmutter oder die tuttelige Alte. Das geht mir echt gegen den Strich.

          Eine letzte Frage zu Frauen um die siebzig: Wie schätzen Sie Hilary Clintons Chancen auf die Präsidentschaft ein?

          Fonda: Es ist gut möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich, dass sie Präsidentin wird. Aber wir sollten nicht so tun, als wenn es unausweichlich ist – es liegt noch viel Arbeit vor uns, und die Leute müssen an die Urnen gehen. Aber es wäre schon schön. Vielleicht führt das ja sogar dazu, dass Frauen und Männer endlich gleich bezahlt werden. Wäre das nicht etwas?

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